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Posts Tagged ‘Radio’

Ich hole das kleine Mädchen vom Kindergarten ab. Dort herrscht schon reges Kommen und Gehen. Ich spreche noch kurz mit der Mutter. Dann gehe ich mit der Kleinen, sie ist mein Tageskind, zu meiner Oma. Es ist nicht weit, nur über die Straße. Meine Kinder sind schon dort. Als ich den Hausflur betrete, liegen vier schwarzemaillierte Kuchenbleche auf dem Boden. Ich hatte sie dort hingelegt, bevor ich zum Kindergarten ging. Ich wollte den Pizzateig darauf legen und ihn gehen lassen. Meine Oma ist wütend, weil sie das nicht wusste. Sie hat den Hefeteig in Kuchenformen verteilt und den Belag darauf verteilt. Ich will das nicht und versuche den Teig und den Belag wieder auf die Bleche zu geben, was in einem fürchterlichen Geschmiere endet. Meine Oma schimpft und sagt zu meiner Mutter: „Sie macht nie etwas Anständiges zu essen.“ Ich bin frustriert, weil ich wirklich gut Pizza backen kann und meine Oma es verdorben hat, nur weil sie nicht ein paar Minuten auf mich gewartet hat. Ich gehe in Omas kleine Küche, lasse mich auf einen Stuhl fallen. Mein Neffe ist auch da. Auf dem heißen Gasofen steht eine runde Kuchenform mit Pizzateig und Belag. Der Teig ist so hoch aufgegangen, dass er ein ganzes Stück über den Rand schaut. Es zischt und brodelt. Gleich wird die Form vom Ofen rutschen. Wo sind die Topflappen? Sie stürzt!

6 Uhr 16. Der Wecker meines Mannes klingelt. Nein, nicht jetzt, denke ich. Ich könnte noch eine halbe Stunde schlafen, aber da ich schon wach bin, kann ich auch aufstehen. Als ich ins Bad gehe, Zähneputzen, streicht Finchen, unsere Katze, um meine Beine. In der Küche stelle ich fest, dass die Milch doch für zwei Tassen Kaffee reicht. Zum Glück, sonst müsste ich gleich zum Supermarkt, aber das hat jetzt noch Zeit. Fee und Isa machen sich für die Schule fertig und Jörg für die Arbeit. Ich muss heute nicht arbeiten. Dafür fange ich sofort an, die erste Seite für „Schenk mir einen Tag“ zu schreiben. Es läuft gerade Mads Langer „Your`re Not Alone“. Bevor ich mein Gymnastikprogramm auf der Wii absolviere, sehe ich noch kurz nach meinen Mails.

7 Uhr 40. Eine halbe Stunde Yoga und Muskelübung. Hilft meinem Rücken. 141 kcal verbrannt. Das hab ich zwar mit einem Pflaumenmusbrot wieder drauf, macht aber nichts. Immerhin hab ich was getan und das ist ein gutes Gefühl.

     9 Uhr 09. Unnötigstes Wissen des Tages (laut Radio Energy): Es gibt mehr Barbies, als Kens. (Eine Tatsache, die uns eigentlich klar sein dürfte?!) Ich habe meine Haare gefärbt. Perlblond. Um die grauen zu verdecken und weil mich dunkle Haare älter machen, als ich mich fühle. Nebenbei den Geschirrspüler ausgeräumt.

Jane Eyre das 26.Kapitel angefangen (die Hochzeitsszene). Ich frage mich, warum scheinbar niemand bemerkt haben will, dass Rochester eine Frau im Turm eingesperrt hat. Noch nicht einmal das Personal! Ist es möglich, auch wenn die Dienstboten ihrem Herrn sehr ergeben waren, dass die Existenz von Bertha Mason über 15 Jahre geheim bleiben konnte? Ich mag Charlotte Bronte, aber ich denke, dass Jane, die kluge, resolute Jane, sich in diesem Fall einfach zu schnell zufriedengeben hat, mit Mister Rochesters fadenscheinigen Aussagen. Dabei kommt Jane Eyre mir immer so vernünftig vor.

9 Uhr 30. Nachrichten, Radio Energy:

   Wetter: Wolken, Regen, Höchsttemperaturen 11 Grad.

   Neonazi-Morde, es wurde bekannt, woher die Täter die Waffe hatten.

   Unruhen und Tote wegen der Koranverbrennung von US-Soldaten in Afghanistan, Bundeswehr gibt ihren Stützpunkt in Talokan auf.

   Europaleague: Hannover 96 und Schalke sind weiter.

   Tarifstreit am Frankfurter Flughafen ohne Ergebnis

   Über das Rettungspaket für Griechenland soll am Montag im Bundestag abgestimmt werden, einige Abgeordnete der CDU gehen nicht mit Merkel konform.

   Ende 2011 Dämpfer für die deutsche Wirtschaft, trotzdem verbesserte sich die Wirtschaftslage im Gesamtjahr

   Name des Babys von Victoria von Schweden wird heute bekannt geben. Mögliche Namen: Desiree, Christina oder Margaretha

10 Uhr 03. Habe gerade einen Artikel für meinen Blog: gepostet:

Literarisch leben. Wie geht das? La Boheme … leben in einer Kammer, durch deren marodes Dach ein steter Tropfen auf einen ebenso maroden Schirm tropft, wenn es real regnet und dabei irreale Poesie verfassen? Andere Möglichkeit: Viva la Vida. Alles leben, alles mitnehmen und dann das Ganze in Prosa oder Lyrik verdichten. Frei dem Motto: Leben, um darüber zu schreiben.

Vielleicht ist es aber auch einfach frei sein. Wobei es niemals völlige Freiheit geben wird, einzig die Freiheit der Gedanken. Alles ist nur relativ, eine Grenze ist uns immer gesetzt, sei es Moral, Verantwortungsbewusstsein oder Naturgesetz. Einzig in unserem Kopf gibt es keine Grenzen. Das zu erkennen, es zu nutzen, ist das Geheimnis. Es hat sich mir noch nicht völlig erschlossen, aber ich spüre es, wenn ich das „Fieber“ bekomme. Meine Gedanken wie ein Feuerwerk hochgehen und ich die Fackel bin, die von beiden Seiten brennt. Dann ist alles möglich und es gibt keine Beschränkung, die Flammen verbrennen sie alle, nichts bleibt übrig. Das ist wahre Freiheit, egal wo ich bin. Niemand kann mich aufhalten.

     Ich höre gerade Katy Perry: “The One That Got Away” …in another life I would be your girl… und ich frage mich, wer in meinem anderen Leben mein Seelenverwandter ist? Ich glaube nicht daran, aber die Vorstellung wäre schön und hat zumindest etwas Beruhigendes an sich. Menschlich, sich etwas zu recht zu legen, auch wenn die Möglichkeit gleich null ist. Andererseits wahrscheinlich überlebenswichtig. Denn nur wer Hoffnung hat, hält diesem Leben stand, das uns manchmal wirklich beutelt.

     10 Uhr 16. Eine SMS von meiner großen Tochter bekommen, die in Nürnberg lebt. „Guten morgen, meine liebste mama, cool! wir suchen dir ne schicke brille aus. wie geht`s deinem auge? hab nen tollen tag! hab dich lieb.“

     11 Uhr 27. Bankangelegenheiten und Telefonanrufe erledigt. Ich hasse diesen Papierkram und alles, was damit zusammenhängt. Ich bin zu Fuß zum Supermarkt gegangen. Mein Einkauf hat länger gedauert, als geplant. Wie immer. Ich hatte einen kleinen Zettel mit Sachen, die sich später in meinem Wagen wundersam vermehrten. Dann traf ich einen Kollegen vom Fahrdienst mit seiner Frau. Er schied vor einigen Monaten wegen Krankheit aus. Leider. Ich mag ihn und kam gut mit ihm zurecht. Wir unterhielten uns eine Weile über die Ereignisse der letzten Zeit und stellten, wieder einmal fest, dass wir uns nie sehen, obwohl wir nur eine Straße voneinander getrennt wohnen.

Das Wetter ist mild, obwohl es immer noch grau ist. Wenn ich nicht gerade so müde wäre, würde ich einen Spaziergang machen, aber das kann ich auch auf später verschieben. Ich werde mich jetzt um die Aufgaben für den Schreibkurs heute Abend kümmern und nebenbei eine Dosis Romantik atmen. Persuasion von Jane Austen, mit Rupert Penry-Jones. Es lohnt sich.

13 Uhr 14. Leider ist der Film vorbei und ich muss in die Realität zurückkehren. Hatte einen Anruf von Katja, wegen heute Abend. Es könnte sein, sie kommt etwas später zum Schreibkurs, weil ihre Schwester im Krankenhaus liegt, sie bekommt ein Baby. Fee ist auch wieder zurück. Als sie sah, dass ich Persuasion schaue, hat sie mich geärgert, weil ich das sooft gucke. Macht nichts. Ich liebe den Film trotzdem. Außerdem habe ich im „kleinen Autorenworkshop“ die Aufgaben für heute Abend gefunden. Dabei bin ich auf einige Texte von mir gestoßen, die ich zu Übungszwecken geschrieben habe. Die werde ich mir gleich noch mal durchlesen. Das Mittagessen ist gleich fertig. Gebratene Spagetti mit Schinken und Ei.

14 Uhr 16. Inspiriert von Jane Austen einen Text geschrieben. Romantik pur. Wie sooft in letzter Zeit. Ich würde es ändern, aber ich kann nicht. Es kommt kaum etwas anderes heraus. Es ist wie mit Süßigkeiten. Mir fehlt wohl im Moment die Süßigkeit des Lebens und deswegen schreibe ich mir das Leben schön.

14 Uhr 38. „Wenn es nur eine einzige Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen.“ Pablo Picasso. Das ist Fees Hausaufgabe. Sie soll ein Gedicht dazu schreiben und wir diskutieren, wie sie das am besten tun kann. Das ist nicht so einfach. Ich bin dafür alle Assoziationen dazu aufzuschreiben und dann zu sehen, welche sich dafür eignen. Ich schreibe auch Gedichte, aber auf Kommando fällt mir das schwer. Meistens klappt das nur, wenn ich mich gerade in einer bestimmten Stimmung befinde. Allerdings habe ich im Internet noch ein interessantes Zitat von Picasso gefunden, dass mir sehr gut gefällt und meinem Gefühl entspricht: „Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.“ Ohne mein Schreiben wäre ich längst unter dem Staub des Alltags erstickt.

„Wenn Männer wüssten, was Frauen denken, wären sie tausendmal kühner.“ Picasso. Da ist was Wahres dran. Wie viele Küsse hätte ich bekommen, wenn die Männer, denen ich begegnet wäre, meine Gedanken geahnt hätten?!

15 Uhr 03. Ich räume meinen Schreibtisch auf. Heute Abend ist Schreibkurs bei mir zu Hause und ich hab keine Lust nachher in Hektik zu verfallen. Aber ich freu mich schon und bin gespannt auf unsere Texte.

15 Uhr 23. Wurde durch ein Gespräch mit meiner Kollegin abgelenkt. Es gab einige arbeitstechnische Sachen zu besprechen. Das ist fast jeden Freitag so und ich habe nebenbei Blumen gegossen, dem schnurlosen Telefon sei Dank! Allerdings muss ich jetzt das Aufräumen nachholen. Nebenbei läuft VOX: Shopping Queen. Die Blondine, die alle anderen unter ihrem Niveau findet, nervt mich gewaltig, aber Fee findet die Sendung gut.

Das Wetter hat inzwischen aufgeklart und ich kann einige blaue Stellen zwischen den Wolken entdecken. Endlich! Wenigstens einmal am Tag etwas Sonne.

17 Uhr 28. Nachdem ich Isa Mittagessen gemacht habe, sie kam erst kurz vor 16 Uhr aus der Schule, und Jörg zu Hause war, ging ich in den Kurpark. Der Radiomoderator von heute Morgen hat nicht übertrieben, es waren bestimmt 10 bis 12 Grad. Angenehm. Ich machte bei der Eisdiele halt. Eine Kugel Eis, 90 Cent. Heftig. Ich liebe Eis, aber die Preise ärgern mich.

Auf dem Heimweg kam ich an einem Mann vorbei, der ganz lässig auf einer Parkbank saß und mich interessiert betrachtete. Ich lächelte ihn an und sagte „Hallo“. Er erwiderte mein Lächeln und grüßte zurück. Ein kleiner Flirt am Rande tut ganz gut, dass macht einen gleich zehn Zentimeter größer.

Zu Hause lief der Fernseher immer noch. Ich überlege ihn zu sprengen und alle anderen TV-Geräte gleich mit. Die große Fernsehverschwörung. Es wäre schade, wenn ich meine „Schmalzfilme“ nicht mehr sehen könnte, aber dieses Schrott-TV regt mich auf. Am liebsten würde ich sofort zurück in den Park gehen.

17 Uhr 42. Übrigens, das Baby von Victoria von Schweden heißt: Estelle Silvia Ewa Mary und trägt den Titel: Herzogin von Östergötland.

19 Uhr 10. Ich habe noch herumgelungert und mir eine Scheibe Käsebrot gemacht, bevor der Kurs anfing. Peter, Lisa und Katja sind gekommen. Es dauert immer ein bisschen, bis wir alle einmal durchgeatmet haben und zum Schreiben bereit sind. Das ist der Alltag, der einem durch den Kopf schwirrt und nicht immer gleich verschwinden will, nur weil einer sagt, schreib jetzt.

Die erste Aufgabe heute: Ein Dieb dringt in ein Zimmer ein, in dem jemand schläft …, dabei soll kein Satz mehr als 7 Wörter haben. Die Texte waren richtig gut, alle mit einem humoristischen Einschlag. Um die Sieben-Wörter-Anforderung zu erreichen, mussten wir sehr konzentriert arbeiten und es war ausnahmsweise sehr still in der Runde. Man muss schon sehr genau überlegen, was man ausdrücken möchte, wenn die Sätze so kurz sein sollen.

Danach haben wir mit einem Glas Sekt angestoßen, weil meine Katja zum zweiten Mal Tante geworden ist. Danach arbeiteten wir an den Texten vom letzten Mal. Ein Rundenroman. Der Sekt hat unsere gute Laune noch einmal etwas angehoben und unsere Texte wurden von unserem gelösten Zustand beeinflusst. Ich bin stolz auf unsere Schreibgruppe. Auf die Gemeinschaft, die Texte, unsere Zusammenarbeit und die gute Stimmung. Auch wenn ich manchmal müde oder frustriert wegen einer alltäglichen Sache bin, wenn wir alle am Tisch sitzen und unsere Laptops ausgepackt haben, jeder schreibt und einen tollen Text verfasst, zu dem es sonst nie gekommen wäre, macht mich das sehr zufrieden.

22 Uhr 05. Der Schreibkurs ist zu Ende. Lisa ging als Erste, während Katja mir die ersten Seiten ihres neuen Romans vorlas. Dann haben wir an den Windows Notizzetteln herumprobiert, uns die „Männer-die-die-Welt-braucht“ Bilder kurz MDDWB-Bilder angesehene. Katja hat mir die neuen Figuren für ihre Geschichte gezeigt. Peter unterhielt sich mit Jörg über Filme. Die Zeit geht so schnell vorbei, wenn man mit Freunden zusammensitzt und redet.

23 Uhr 46. Zeit ins Bett zu gehen. Morgen ist ein langer Tag. Fahrsicherheitstraining. Ich will da nicht hin, aber ich muss, von der Firma aus, dabei würde ich viel lieber schreiben. In Ruhe. Alleine. Nur ein paar Stunden. Das konnte ich die ganze Woche noch nicht. Das werde ich mir wohl für Sonntag aufheben müssen.

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Aus dem Radio drang Musik in das Wageninnere. Die Klänge vereinten die beiden Menschen in ungefährlichem Schweigen. Sie hingen ihren Gedanken nach. Lea versuchte sich auf die Straße zu konzentrieren. Normalerweise gelang ihr das mühelos, aber der herrliche Frühlingstag füllte ihren Kopf mit anderen Gedanken, die sie am liebsten sofort in eine Geschichte verwandelt hätte.

Schreiben wäre jetzt schön. Einfach schreiben. Fenster auf. Sonne und Luft herein lassen.

Sätze flossen durch ihren Kopf. Absätze. Sie formte, änderte, verdichtete, verwarf, nur um sie in einem neuen Gedankengang wieder auferstehen zu lassen.

Liebe, immer wieder diese verfluchte, komplizierte Liebe. Gibt es denn nichts anderes? Gut, Liebe und Tod. – Auch nicht besser! Am Ende läuft es doch immer wieder auf dasselbe raus: Ohne Liebe geht nichts. – Das ist Jacks Schuld.

Heute Morgen war er wieder durch ihre Träume gegeistert und hatte sie in Aufruhr versetzt.

Immer wieder Jack. Dabei ist er nur eine Figur aus einem Film. Was hat der Mann nur an sich, dass ich auf ihn anspringe, wie eine Zecke und mich so festbeiße, dass er sogar vor meinen Träumen keinen Halt macht?

„Wild, Wild, one“, tönte Iggy Pop aufreizend aus dem Lautsprecher. Seine tiefe, gefühlvolle Stimme fuhr Lea in den Bauch und versetzte sie in lustvolle Vibrationen.

Wild sein, das wäre toll. – Ich bin viel zu brav.

Sie warf ihrem Beifahrer einen hastigen Seitenblick zu. Er hieß David, hatte sie auf ihrem Adresszettel gelesen, und ein Augenschmaus, das war selten. Lea atmete seinen Duft ein. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen.

Er riecht gut. Beinahe lecker. Als würde die ganze Wohnung nach frisch gebackenem Schokokuchen duften. – Es sollten viel mehr Männer so gut riechen. „The New Fragrance For Man – David Brownie – von Bossy”. Vielleicht sollten Frauen nach Steak riechen, wenn sie Männer aufreißen wollen?

Sie musste lächeln. Bei der Begrüßung, am Auto heute Morgen, hatte David ihr einen angenehm, erfreuten Blick zu geworfen und als sie sein Gepäck einladen wollte, strikt abgelehnt.

„Kommt gar nicht in Frage! Wäre ja noch schöner!“

Ohne Probleme hatte er seine Taschen im Kofferraum verfrachtet. Geschmeidig und lässig, jeder Zentimeter selbstbewusst und mit einer knackigen Rückenansicht.

Warum der wohl bei uns zur Reha war? Er sieht überhaupt nicht versehrt aus.

Leas Blick blieb an seinem ebenmäßigen Gesicht hängen. David war der dunkle Typ, Sonnyboy mit Restgeheimnis.

Oh, Gott. Kitsch as Kitsch can. Du solltest es besser wissen, als Schriftstellerin. – Er würde eine gute Figur als Vampir abgeben. – Kuck auf die Straße!

Der Kofferraum schnappte zu. Lea beklagte es selten auf der Rückfahrt keinen Fahrgast zu haben. Heute, ohne Davids kribbelnde Gesellschaft, bedauerte sie es doch. Sie wollte ihm gerade die Hand zum Abschied reichen, als er fragte:

„Müssen sie gleich weiter? Oder darf ich ihnen noch einen Kaffee anbieten?“

Davids Stimme hatte eine rote Melodie, die sich in Leas Sinne schmeichelte. Barry Whites Soulsexstimme. Das war es. Ihr Herz entzündete sich.

Wild sein! Jetzt! Das kommt nie wieder.

Der Gedanke rannte ihr wie Opium durch den Kopf und betäubte ihre letzten Skrupel.

„Ja“, sagte sie. Es klang wie eine Frage.

David hielt ihr die Tür auf. Die Wohnung war gemütlich. Bilder, Pflanzen, ein weiches Sofa mit Kissen. Ein vollgestopftes Bücherregal fiel Lea sofort ins Auge. Eilig flogen ihre Blicke über die Buchrücken. Garcia-Marquez, Shakespeare, Lasker-Schüler, Hesse, Rilke, Kästner, Hohlbein, Kunstbände. Lea beruhigte sich. Die meisten Bücher besaß sie selbst. Letzte Zweifel an David verflogen. Das war ein gutes Omen.

„Der Kaffee ist fertig.“ David stellte zwei Kaffeetassen auf den Couchtisch. „Milch und Zucker?“

„Milch, danke.“

Ihre Finger berührten sich, als David Lea die Tasse reichte.

Fehlt nur das Zischen und Funken sprühen, dachte Lea.

Sie lagen Seite an Seite. Ihre Blicke berührten sich. Tauchten ineinander, streichelten, liebkosten, verschmolzen.  Silberne Fische im Strom.

Lea sah David atemlos an. Jede Linie seines Gesichts war ihr vertraut. Tausendfach erinnerte es sie an die sehnsuchtsvollen Nächte, in denen sie Jacks Gesicht vor sich gesehen hatte. David war Jack.

„Ich will dich.“

Seine Stimme rieb über Leas Haut. Warm und fest. Ihre Sinne und ihr Körper öffneten sich für ihn. Füllten ihre vereinsamten Herzkammern mit glühender Lust.

„Ich will dich jetzt.“

Davids Stimme brach die letzte Brücke ihres alten Lebens ab. Die Zeit blieb stehen, verging, hielt an. David wurde ihr Schöpfer. Seine Lippen, seine Hände, sein Körper erschafften einen neuen Menschen. Lea war nicht länger eine Hülle, sondern ein Gefäß. Ihre Gefühle waren keine Illusion aus schlaflosen Nächten, sondern greifbare Wirklichkeit. David verwandelte Lea mit loderndem Feuer und sengender Hitze aus Lust und unbändigem Verlangen. Mit donnerndem Strom und plätscherndem Regen. Mit lieblicher Brise und brüllendem Sturm, der sie zerfetzte und neu zusammensetzte. Dem heißen Atem der Wüste und der kalten Stille des Eises. Leas Körper schrie vor Begierde nach mehr. David entfesselte das Meer für sie. Hoch aufgepeitscht, begrub seine Leidenschaft alles unter sich. Er riss Lea in seinen Abgrund der Sinnlichkeit, bis sie im Rausch jeden Halt verlor. David nahm Leas Sehnsüchte und ersetzt sie durch seine.

„David?“, flüsterte sie atemlos.

„Ich bin hier. Du gehörst mir.“

Seine sanfte Stimme drang Lea bis ins Blut und zeigte ihr den Weg.

„Ja, ich weiß. Ich habe es immer gewusst.“

David lachte leise, dann zog er Lea in den nächsten hemmungslosen Strudel.

Lea lag in Davids Armen. Ihr Atem ein erschöpftes Keuchen. Sein Verlangen hatte alles genommen, ihre Gier alle Grenzen gesprengt. Ihre bedenkenlose Unersättlichkeit hatte alle Hemmnisse abgebrannt.

Wild, Wild one.

Die Worte flackerten in Neonfarben hinter ihren geschlossenen Augenlidern auf und ab. Wild war sie gewesen, wie noch nie in ihrem Leben. Kein Kitsch, kein Klischee auf Papier. Einfach sie und die Lust, die sie spürte. David, der ihren Körper in Besitz nahm, sie zum Fließen brachte, ihr seinen Rhythmus gab, sie zu diesem ekstatischen Tanz verführt und eine ungeahnte Lust verschafft hatte. Er beherrschte das Spiel meisterlich. Das war Leben zum Anfassen. David betrachte sie mit dunklen Augen. Lea hatte ihn genauso überrascht, wie sie sich selbst.

Weggefegt habe ich ihn. Alles aus ihm rausgeholt. Ihn fertig gemacht.

Lea lachte leise. Sie hatte das Gefühl, David immer noch hart und tief in sich zu spüren. Ein letztes Mal fuhren ihre Finger über Davids warme Haut. Unauslöschlich in ihr Leben gebrochen, hatte er wilde Samen auf ihre Zurückhaltung gesät. Melancholie sprang sie an.

„Ich muss gehen.“

Lea griff nach ihren Sachen, wollte sich anziehen.

„Born to be wild.“

Davids Worte hakten sich in Leas Gedanken. Energisch zog er sie zurück in seine Arme.

Geboren um wild zu sein.

Die Saat zerstörte Leas Widerstand. Das Ende war ein Anfang.

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