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Posts Tagged ‘Rucksack’

Im Museum

Der R8 schoss in die Parkbox vor dem Museum. Ich stellte den Motor aus und sah Aaron an.

„Und? So schlimm war es doch gar nicht.“

Aaron sah mich mit tadelndem Blick an. Er löste den Sicherheitsgurt und atmete hörbar auf.

„Endlich da.“

Ich verkniff mir ein Grinsen.

„Ach komm, so wie du Motorrad fährst, dürfte diese Fahrt wie auf Wolken gelaufen sein.“

„Du hast keine Ahnung!“

Aarons Diskurs wurde durch ein Klopfen an das Seitenfenster unterbrochen. Wir zuckten beide zusammen.

„Hallo, Clara, ich hatte dich nicht so früh erwartet.“ Oliver bemerkte Aaron und sein Lächeln schrumpfte zusammen. Er nickte leicht und sagte nur: „Aaron.“

„Oliver“, zu mehr war auch Aaron nicht bereit.

Die Fronten waren klar abgesteckt. Das kann ja heiter werden, dachte ich und stieg aus.

„Hallo, Oliver.“

„Schönes Auto“, sagte er anerkennend und klopfte auf das Dach des schwarzen Audis.

„Danke, das ist der Vorteil ein Agent der ABMA (Abteilung zur Beschaffung mysteriöser Artefakte) zu sein. Das Equipment ist hervorragend.“

Oliver wollte etwas sagen, aber Aaron war ebenfalls ausgestiegen und schob sich in sein Blickfeld.

„Und, alles erledigt?“

Er warf Oliver einen scharfen Blick zu. Der ignorierte ihn geflissentlich. Aarons Gesicht sprach Bände. Ich öffnete den Kofferraum. Unter einer speziellen Abdeckung, die durch ein gesondertes Schloss gesichert war, befand sich die Ausrüstung. Aaron schob Oliver beiseite und nahm seine Tasche heraus. Der gab einen knurrenden Laut von sich.

„Leute“, ich drehte mich um, „ihr könnt euch prügeln wenn ihr wollt! Später! Jetzt geht es um eine wirklich wichtige und gefährliche Sache! Reißt euch zusammen.“

Beide sahen mich an. Während Oliver Schuldbewusstsein ausstrahlte, funkelten Aarons Augen kampflustig, aber er sagte nichts. Dass hatte ich allerdings auch nicht erwartet. Ich nahm meinen Rucksack aus dem Safe und verschloss ihn wieder. Ohne auf die beiden Streithähne zu achten, steuerte ich auf das Museum für Stadtgeschichte zu. Der rote Backsteinbau thronte wie ein gigantischer Wächter über der Stadt und beherbergte eine naturkundliche und eine stadtgeschichtliche Sammlung. Erstaunlich, dass das außergewöhnliche Artefakt seit Jahren in einer Vitrine stand, der Öffentlichkeit zugänglich und nie ein außergewöhnliches Ereignis stattgefunden hatte. Oder keines, das publik geworden war.

Oliver hielt mir die Tür auf. Als ich an ihm vorbei ging, nahm ich einen Duft wahr. Er erinnerte mich an etwas, allerdings konnte ich es in diesem Moment nicht an einem bestimmten Ereignis festmachen.

„Erste Etage“, sagte er und deutete die breite Sandsteintreppe hinauf, „frühes Mittelalter.“

Der Innenraum des Museums war ebenso imposant wie das Äußere. Hier sah man, entgegen der schlichten hanseatischen Bauweise der Front, mehr Dekorationen. Schöne Türblätter, verzierte Säulen und Stuckarbeiten an den Decken erfreuten das Auge. Ganz zu schweigen von den ausgestellten Exponaten.

Hinter einem dunklen Holztresen stand eine junge Frau, die für Eintrittskarten und Museumsshop zuständig war. Oliver schien sie über unser Erscheinen informiert zu haben, denn sie grüße nur freundlich und winkte uns ohne weitere Komplikationen durch.

Wir stiegen in den ersten Stock hinauf. Oliver vor mir, Aaron hinter mir. Wieder fiel mir der Geruch auf. Fieberhaft arbeiteten meine Synapsen.

„Hier entlang“, Oliver ging in einen Ausstellungsraum, „dort in der Vitrine.“

Der Raum beherbergte drei riesige Schränke, die einst in Kirchen gestanden hatten und in denen die sakralen Geräte untergebracht waren. Sie waren mindestens 2,50 bis 3 Meter hoch und 2 Meter breit und mit breiten Eisenscharnieren und Nieten verziert. Dazwischen standen eine Kirchenbank, Truhen und Vitrinen mit kleinen Exponaten.

„So und wie läuft das jetzt?“

Oliver sah mich aufmerksam an. Ehe ich antworten konnte, sagte Aaron:

„In dem du die Klappe hältst.“

Ich seufzte.

„Bitte! Wenn ich gewusst hätte, wie das hier abgeht, wäre ich ohne euch gefahren.“

Gespannte Stille trat ein. Ich ging auf die Vitrine zu und schaute mir die verschiedenen Behälter genau an. Besonderes Augenmerkt legte ich auf das älteste Artefakt.

kiste

Das Kästchen war sehr gut erhalten. Es hatte Verzierungen und einen Griff auf dem Deckel, der mit einem zusätzlichen Riegel am Korpus gehalten wurde. Der Schlüssel fehlte. Irgendetwas stimmte nicht. Normalerweise erkannte ich sofort, wenn ein Artefakt eine Anhaftung hatte. Doch hier spürte ich nichts. Entweder war es nicht das Kästchen selbst, das die Gefahr darstellte, sondern der Inhalt. Aber das bemerkte ich normalerweise, wenn ich in die Nähe kam. Manchmal auch von weiter weg, je nachdem wie stark die Kräfte wirkten.

„Merkwürdig“, ich öffnete den Rucksack und holte ein altes Buch heraus und schlug es auf, „es sieht genauso aus, wie auf der Abbildung.“

Aaron trat neben mich und sah mir über die Schulter. Oliver blieb in sicherer Entfernung stehen, er beobachtete mich mit Argusaugen. Ich konnte seinen stechenden Blick in meinem Nacken fühlen.

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4. Manchmal hat die Liebe einen Preis.

„Manchmal hat die Liebe einen Preis.“
Schrieb ich oben auf das Blatt. Darüber sollte ich einen Aufsatz schreiben?! Super. Manchmal hat die Liebe ihren Preis. Wann hat sie keinen Preis? Irgendwas ist immer. Man verbiegt sich, um zu gefallen, macht sich kleiner als man ist, hält Dinge aus, die man sich unter anderen Umständen nie gefallen lassen würde und trotzdem liebt man, zahlt und zahlt.

Oder meinen die so eine Märchensache. Wenn du den Prinzen retten willst oder die Prinzessin, dann gibt`s du deinen Reichtum hin, deine Schönheit, deine Jugend und dann kriegst du sie oder ihn zurück. Im Märchen hat das ganze Bezahlen allerdings immer ein Happy End, die Opfernden kriegen den Preis zurück.

Als meine Mutter meinem Vater hinterher brüllte: „Ich habe dir die besten Jahre meines Lebens geopfert“, hat sie das sicher nicht gemeint. Sie sagt heute noch: Ich habe alles gegeben und was hatte ich davon? Und: Lass dir das eine Warnung sein! Mach nicht denselben Fehler wie ich.

Was meint sie damit? Dass ich nicht lieben oder dass ich keinen Mann, wie meinen Vater lieben soll? Ach, was weiß ich. Manchmal hat Liebe einen Preis – Liebe. Einfach nur wieder lieben. Das Herz öffnen und lieben. Es ist eine Gabe, kein Preis. Ich habe einen interessanten Satz gehört: Du kannst kein Preisschild an die Liebe hängen. Das stimmt! Doch hängen sie überall. Ich gebe dir Geld, Geschenke, Auto, Wohnung usw. und dafür bekomme ich Aufmerksamkeit, Sex, Gesellschaft von dir.

Ich erinnere mich an einen Kommentar meiner Mutter über meinen neuen Freund: „Wieder ein Mann ohne Geld.“ Er nagt nicht am Hungertuch, aber Millionär ist er nicht. Allerdings hat er ein großes Herz, eine unerschütterliche Ruhe, ist Hilfsbreit und liebt mich, so wie ich bin. Wenn er ein dickes Bankkonto hätte, könnte er mich nicht mehr lieben. Also was soll das Gerede vom Preis? Die anderen können ihre Preisschilder tragen, meins liegt schon lange im Papierkorb.

(Nach der ersten, irgendwie ernsten Betrachtung, brauchte ich eine) Zweite Version:

„Manchmal hat die Liebe einen Preis“, sagte ich leichthin und stellte ihm den bestellten Rotwein auf den Tresen.

Er sah auf mich herunter und lächelte.

„Und welchen Preis hat ihre Liebe?“, seine dunkle Stimme traf mich bis in den Bauch.

Ich errötete und schlug die Augen nieder. Warum fragte er mich das?

„Auf so privaten Fragen antworte ich nicht“, erwiderte ich.

„Und was muss ich tun, um eine Antwort zu bekommen?“

Er griff in die Innentasche seines teuren Jacketts, zog einen Geldschein heraus und schob ihn mir zu. Fünfzig Euro. Die Antwort schien ihm wichtig zu sein, aber mich konnte er nicht kaufen. Ich schob den Schein zurück. Bevor ich meine Hand wegziehen konnte, hielt er mein Handgelenk sanft fest. Erstaunt sah ich auf.

„Was muss ich tun?“, wiederholte er seine Frage eindringlich.

Mein Widerstand schien ihn zu reizen. Das passierte ihm scheinbar nicht oft. Er sah sehr gut aus. Vermutlich würden ihn viele Frauen als schön bezeichnen, obwohl da diese kleine Narbe über der Augenbraue war. Und Frauen, die einen zusätzlichen Anreiz brauchten, wurden wohl von seiner Großzügigkeit beeindruckt.

„Mir ihren Namen sagen, wäre ein Anfang.“

Er ließ mein Handgelenk los. Den fünfzig Euroschein ließ er neben seinem Glas liegen.

„Ray Givens.“

Er streckte mir die Hand entgegen.

„Lassen sie nie locker?“, ich konnte mir das Schmunzeln nicht verkneifen und legte meine Hand in seine, „Lea Winter.“

„Stimmt, Lea“, auf seinen vollen Lippen lag ein herausforderndes Lächeln, das ihn noch anziehender machte „ich akzeptiere kein Nein.“

Er schob mir den Geldschein erneut zur.

„Dann haben sie ein Problem“, der Schein wanderte wieder zurück, „sie können mich nicht kaufen.“

Diesmal steckte er den Schein zurück in die Jackettasche.

„Um auf die Ursprungsfrage zurückzukommen. Was ist ihr Preis?“

„Den werden sie nicht bezahlen wollen.“

Diesmal war ich es, die ihn herausforderte.

„Wieso sind sie sich da so sicher?“

„Weil sie das mit Geld nicht kaufen können.“

5. Ich bin nicht 100 % sicher, dass er es ist, aber verdammt noch mal, ich hoffe es!

„Ich bin nicht 100% sicher, dass er es ist, aber verdammt noch mal, ich hoffe es!“

Sander starrte seit einer geschlagenen halben Stunde durch das Fernglas.

„Das hast du schon drei Mal gesagt! Und du nervst total!“, zischte ich.

„Was ist denn los mit dir?“

„Wir sitzen seit beinahe drei Tagen in diesem Auto, dass sich immer mehr in einen Mülltransporter verwandelt und dieser Typ da!“, ich deutete auf den verhuschten älteren Herrn in sandfarbenem Mantel und Hütchen, „ist der dritte Mann, den du für „IHN“ hältst.“

Sander machte ein Gesicht, als hätte ich ihm einen Eimer Dreckwasser in den Kragen geschüttet.

„Also“, ich versuchte meine Gefühlsaufwallung zu mildern, „du bist mein bester Freund und ich tue alles für dich, aber diese Observierung ist eine Katastrophe. Ich muss hier raus, sonst gehe ich gleich in Flammen auf.“

Je mehr ich sagte, desto düsterer wurde Sanders Gesichtsausdruck. Ich schnappte meinen Rucksack und stieg aus.

„Hey, du kannst doch jetzt nicht einfach abhauen?“, rief er hinter mir her.

„Und wer hindert mich daran?“, ich beugte mich zum Beifahrerfenster hinunter, „ich bin frei zu gehen, wohin es mir beliebt.“

Sander machte Anstalten auszusteigen. Ich drehte mich um und rannte die Straße hinunter, bog um die nächste Ecke und rannte auf die U-Bahn zu. Sollte Sander mich einholen, würde das nicht gut ausgehen.

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Ich schrecke auf. Niemand ist in meinem Abteil. Ich bin allein. Aufmerksam schaue ich mich um. Ein Notizbuch liegt auf dem Boden. Ich hebe auf. Es muss heruntergefallen sein, als ich einschlief. Ich zupfe an meinem Kleid. Alles ist etwas verrutscht.

Aus meinem Kosmetikbeutelchen hole ich meinen kleinen Taschenspiegel. Ich sehe furchtbar aus. Meine Augen sind von meinen Tränen verquollen, meine Wangen gerötet. Leider habe ich kein Beutelchen Eis, das ich mir auf die Augen legen könnte. Ich streiche mir eine Haarlocke aus dem Gesicht, als mir etwas in den Schoß fällt.

Ich lasse den Spiegel sinken und sehe ein kleine rote Blüte in meinem Schoß liegen. Ich nehme sie auf und rieche daran. Ein Duft so süß wie Honig, so frisch wie eine Sommerbrise. Ich sehe das Gestade des Meeres an dem Titania und ihre Elfen die Nächte verbrachten, sehe die Wälder, Wiesen, die Quellen und Flüsse an denen sich die Feen vergnügten.

„Puck!“, flüstere ich ehrfurchtsvoll.

Es war doch kein Traum. Er ist hier gewesen. Alles war wirklich gewesen. Ich habe nicht geträumt. Der Duft der Blume betört mein Herz und meine Sinne. Die Sehnsucht nach Raoul wird plötzlich wieder so groß, dass ich einen scharfen Stich spüre. Schnell schlage ich das Notizbuch auf, lege die Blüte zwischen zwei leere Seiten und schlage es wieder zu. Wenn ich mein Herz nicht dauernd in Aufruhr bringen will, sollte ich jedenfalls nicht zu oft daran riechen. Immerhin hatte Amor selbst den Pfeil verschossen und die Blume mit der Liebe infiziert. An sich ein ganz hübscher Umstand, wenn es Shakespeare geholfen hat seine Stücke zu schreiben. Aber ich frage mich, wie lange wohl so eine Verzauberung anhalten mag. Was passiert, wenn der Rausch aus Amors Geschützen dem Alltag weicht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese ekstatischen Zustände auf Dauer angelegt sind. Ich für mich denke, dass außer dem Rausch und der Ekstase noch etwas da sein muss, das stärker ist. Liebe und Verständnis halten bestimmt länger. Stop! Ich will jetzt nicht mehr daran denken. Und wenn ich ehrlich sein müsste, dann müsste ich meinen eigenen Rausch bekennen, der mich erfasst hat. Könnte es möglich sein, dass Amor auf mich geschossen, getroffen und Raoul verfehlt hat? Da hätte Amor aber keinen guten Abschuss gehabt. Denkbar wäre es, denn immerhin hatte er sich ja damals schon verschossen. Aber in Zeiten großer Brillenläden sollte das ja eigentlich kein Problem sein. Was auch immer es ist, ich hatte eine Begegnung der besonderen Art und wünsche mir ich könnte Raoul davon erzählen.

Was soll man tun, wenn man sich nach einem Menschen so sehr sehnt, dass alles wehtut. Das Herz, der Körper, der Kopf. Wenn die Seele nur noch Trauer trägt und man weiß, dass der andere so fern ist, dass nichts die Kluft überbrücken kann. Ich sehe mir zu, wie ich da sitze das Notizbuch an mich gepresst, zwischen dessen Seiten die rote Blume steckt und mein Herz nur einen Gedanken hat: Raoul. Ich schließe die Augen, sehe ihn vor mir. Kein anderer Gedanke hat Platz, nichts dass ihn aus meinem Kopf und meinem Körper heraus bringen kann. Es gibt noch nicht einmal Worte, mit denen ich diesen Zustand beschreiben kann. Wahnsinn würde es vielleicht treffen, aber das wäre doch zu profan. Auch wenn das Verlieben von Hormonen, Endorphinen und Adrenalin abhängen mag. Ich wehre mich aber dagegen, die Liebe als einen Cocktail zu betrachten, den meine Gene gemixt und in mir verschüttet haben, um meinen Verstand auszuschalten und den Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Nichts ist so zufällig, wie die Liebe. Nichts ist so irre und gleichzeitig so stark, egal ob in negativer oder positiver Hinsicht. Ich erinnere mich an einen Mann, dem ich auf meiner Reise begegnete. Seinen Namen möchte ich vergessen, und auch die Umstände, unter denen ich ihn traf, aber diese Begebenheit ist ein interessantes Beispiel für die negative Seite.

Ich war lange allein gereist, fühlte mich einsam und dachte, es wäre an der Zeit am nächstbesten Bahnhof auszusteigen und zu bleiben. Im Zug traf ich einen Mann, der mir sympathisch war, und der mich bat, mit ihm zu gehen. In meiner Einsamkeit betrachtete ich ihn nicht mit dem Herzen und dem Verstand, sondern gab meiner Angst nach, die mir suggerierte, ich würde niemals den richtigen Menschen finden. Ich versuchte seine positiven Eigenschaften durch eine Lupe zu sehen und seine Schlechten versuchte ich unter den Teppich zukehren. Ich stieg mit ihm an seinem Zielbahnhof aus und blieb. Aber es dauerte nicht lange. Eigentlich wusste ich schon, als ich meine Sachen bei ihm in die Diele stellte, dass ich wieder fortgehen würde. Nur hatte ich nicht den Mut die Konsequenzen sofort zu ziehen. So blieb ich und begann zu schrumpfen. Meine Seele schrumpfte zu einem unansehnlichen Etwas und ich erkannte mich kaum wieder. Sein Stumpfsinn, seine Arroganz und seine Dummheit, machten mich sprachlos und begannen meinen Geist zu verwirren. Wenn ich in den Spiegel sah, fragte ich mich immer, was für ein merkwürdiges Geschöpf da vor mir stand. Alles an mir wurde glanzlos, fantasielos und nichts ergab mehr einen Sinn. Eines Morgen, er war gerade zu seiner stupiden Arbeit gegangen, als ich im Spiegel meine Augen sah. Leer und ohne Hoffung starrten sie mich an. Da schrak ich aus meinem schrecklichen Traum auf. Ich packte sofort meine Sachen, rannte zum Bahnhof und stieg in einen Zug, der mich soweit wie möglich fortbrachte. Aber ich rechnete nicht mit seiner Bosheit, die seine Dummheit, gepaart mit seiner Überheblichkeit hervor brachte. Er beschuldigte mich, ihm etwas gestohlen zu haben und da er wusste, dass ich eine Verlorene war, leider hatte ich es ihm verraten, begann er nach mir zu suchen. Auf jedem Bahnhof hingen Bilder von mir. Wie eine Verbrecherin wurde ich gejagt, obwohl ich nichts getan hatte, dass man mir zur Last legen konnte. Aber wer glaubt schon einem verlorenen Kind?

Eines Tages begegnete ich einer weisen Frau. Ich war so verzweifelt, dass ich ihr mein Herz ausschüttete. Sie hatte von dem Vorfall gehört. Wer nicht? Bei dem Aufgebot an Mitteln! Sie tröstete mich und sagte, ich solle mir keine Sorgen machen. Er würde mich eines Tages wahrscheinlich in Ruhe lassen, aber bis dahin, riet sie mir, sollte ich in ein anderes Land gehen und dort weiter suchen.

Das tat ich. Ich bereiste viele Länder Europas. Sah das Meer, die Berge, dunkle Wälder, Schnee und Eis, die Sonne des Südens. Ich hörte fremde Sprachen und lernte neue Menschen kennen, die mir viele interessante Dinge erzählten und mir von ihren Kulturen und Gebräuchen erzählten. Sie machten mich mit Mythen und Märchen ihrer Völker bekannt und ich dachte lange schon nicht mehr an meinen Verfolger, bis er mich eines Tages doch wieder fand. Ich saß mit einem netten jungen Mann im Abteil. Er hieß Lance und erzählte mir von seiner Familie. Er hatte einen Zwillingsbruder, der in einem fernen Land weilte, während er in der Nähe seiner Familie geblieben war. Lance hatte das Herz eines Löwen. Seine schönen braunen Augen und sein strahlendes Lächeln erwärmten mein Herz, als plötzlich die Abteiltür aufschwang und mein Verfolger auf der Bildfläche erschien.

„Endlich habe ich dich gefunden“, donnerte er, „gib heraus, was du gestohlen hast!“

„Ich habe nichts gestohlen! Ich bin nur gegangen.“

Ich konnte kaum sprechen, so sehr schnürte mir die Angst die Kehle zu.

„Du hattest nicht das Recht! Ich habe dich in mein Haus aufgenommen und du gehörst mir!“, brüllte er.

Seine kalten Augen schossen Blitze hervor und mein Mut war so kleine geworden, dass es noch nicht einmal für eine Antwort reichte. Da trat Lance zwischen mich und ihn.

„Noelle gehört niemandem, nur sich selbst!“, sagte er ganz ruhig und mit ernstem Gesicht.

„Ich habe ihr zu essen gegeben, sie hat in meinem Bett geschlafen, mein Geld verbraucht. Sie gehört mir.“

Er versuchte Lance aus dem Weg zu schieben, aber der stand felsenfest und rührte sich keinen Zentimeter.

„Geh, oder du wirst es bereuen!“, warnte Lance ihn.

„Du Wicht, du bist doch nur eine Ameise und ich werde dich zerquetschen.“

Er trat nach vorne und wollte Lance einen heftigen Stoß geben, aber der sah dies voraus und sprang zur Seite. Er stolperte und Lance setze einen Schlag nach, der ihn zu Fall brachte. Ächzend versuchte er sich wieder aufzurappeln. Aber Lance zerrte ihn auf den Gang. Er versuchte Lance von den Füßen zu reißen, aber der junge Mann war kampferprobt und ließ sich seinen Vorteil nicht nehmen. Da fuhr der Zug in einen Tunnel ein. Mein Herz raste wie verrückt. Ich betete dafür, dass Lance nichts geschah. Als der Zug den Tunnel wieder verließ, war er weg. Lance stand schwer atmend auf dem Gang, eines der Fenster war geöffnet. Ich stürzte mich in seine Arme.

„Oh, Lance, ich dachte dir wäre etwas passiert! Ich bin so froh, dass du in Ordnung bist.“

Ich konnte vor Erleichterung meine Tränen nicht zurückhalten und benetzte sein Hemd. Lance drückte mich an sich und küsste mich auf die Stirn.

„Alles in Ordnung, nichts passiert. Der Finsterling muss schon früher aufstehen, um einen Lancelot zur Strecke zu bringen“, lachte er.

„Lance – Lancelot. Du bist Lancelot“, stammelte ich.

Lance nickte belustigt. Dabei erschienen zwei Grübchen auf seinem schönen ebenmäßigen Gesicht.

„Genau der.“

„Lancelot vom See“, mir blieb die Sprache weg.

„So schlimm ist das nicht“, er hob meinen Kopf etwas, damit er mir in die Augen schauen konnte, „ich bin froh, dass ich dich vor ihm gefunden habe“, stellte er ernst fest, „sonst hätte etwas Schlimmes passieren können.“

„Du wusstest, dass er kommen würde?“, fragte ich verwirrt.

„Ich weiß vieles. Aber ich darf dir nicht zuviel verraten. Merlin hat es verboten.“ Lance beugt sich etwas vor und flüstert mir ins Ohr, „Merlin hat mich geschickt. Dein Verfolger ist ein dunkles Monster, das die Liebe und Fantasien der Menschen frisst. Besonders die der Menschen, die eine ganze Welt dieser Fantasien und der Liebe in sich tragen. Und du gehörst zu ihnen. Ich musste dich beschützen, damit nichts von diesen kostbaren Gaben verloren geht.“

Hatte er Merlin gesagt? Ich sah Lancelot nur an. Ich hatte tausend Fragen und doch kam mir keine über die Lippen. Das war einfach unmöglich.

„Eins darf ich dir noch sagen“, dabei wurden seine strahlenden Augen plötzlich dunkel und traurig, „du wirst den einen Menschen finden, der dich glücklich macht.“

„Und warum bist du deswegen so niedergeschlagen?“, fragte ich leise.

„Weil ich nicht dieser Mann sein darf. Ich sehe dich schon so lange in meinen Träumen, um dich vor der Gefahr zu beschützen, aber ich muss wieder dorthin zurückkehren, woher ich gekommen bin.“

Ich sah in seine Augen und konnte dort all die Liebe und die Sehnsucht erkennen, die in ihm war. Ein heftiger Stich ging durch mein Herz. Lancelot kam meinetwegen. Auch wenn Merlin ihn zu mir sandte, ist er doch deswegen aus seiner Welt gekommen, weil er mich liebte.

„Lancelot“, flüsterte ich.

„Bitte sag nichts.“ Er legte sanft einen Finger auf meinen Mund. „Es ist mir nicht vergönnt um dich zu werben, aber du wirst immer in meinem Herzen und in meinen Träumen sein. Wenn du mich irgendwann brauchst, werde ich zu dir kommen. Ein Ritter ist treu bis in den Tod.“

Tränen lösten sich von meinen Wimpern und tropften auf meine Wangen. Zärtlich strich er sie fort. Seine Augen hielten meinen Blick gefangen. Er beugte sich vor. Seine warmen Lippen küssten mich mit einer Leidenschaft, die jeden dunklen Gedanken aus meiner Seele vertrieb, der mich in den unruhigen Zeiten davor beschäftigt hatte. Die Angst und die Dunkelheit wichen einem warmen Strahlen, dass er mir mit seinem Kuss zum Geschenk machte.

„Egal, was auch immer sein wird. Du bist nicht mehr verloren, denn ich habe dich gefunden und werde dich immer lieben.“

Der Zug fuhr wieder in einen Tunnel und als er das Tageslicht wieder erblickte, war ich allein. Lancelot war fort.

Genau wie bei Puck vorhin. Meine Begleiter haben alle ihre eigene Art sich in Luft aufzulösen. Aber so wie Puck mir die Blume zurückließ, so hatte auch Lancelot etwas zurückgelassen. Sein Kuss hatte ein Gefühl in meinem Herzen erweckt, das wie ein Sonnenstrahl in mir glühte und mir Zuversicht und Mut einflößte. Die letzten Tage hatte ich es kaum noch gespürt. Die Traurigkeit und die Verwirrung über Raouls Verschwinden senkten einen Nebel in mein Herz. Ich schlage das Notizbuch auf, dass ich fest an mich gepresst habe, als wäre es mein Rettungsanker. Langsam blättere ich die Seiten durch. Da sehe ich auf einer Seite ein paar schwache Linien, die immer stärker hervor treten. Es ist Lancelots schönes Gesicht, ein wehmütiges Lächeln schwebt auf seinem Antlitz. Unerwartet verändert sich das Bild. Ich sehe plötzlich Raouls Augen. Diese melancholischen Augen mit den sanft geschwungenen Brauen, die mich sofort ins Herz getroffen haben. Langsam verwandelt sich Lancelots Bild immer mehr ins Raouls Bild. Ich sehe seinen sinnlichen Mund, den ich so gerne küssen möchte, um zu wissen, wie es sich anfühlt. Dieses Lächeln, das mich schwach macht und die Grübchen auf seinen Wangen. Grübchen? Nein. Alles ist möglich aber das? Nein! Ich kann mich nicht von seinem Anblick lösen. Immer plastischer wird Raouls Bild. Vielleicht hatte Lancelot recht.

Bin ich nicht mehr verloren, weil ich gefunden wurde und es bloß nicht bemerkt hatte? Oder habe ich etwas gefunden, was ich nicht als einen Fund betrachtet habe? Ich bin so unendlich müde. In meinem Kopf dreht sich alles. Jeder Gedanke ist wie ein Gummiband. Wenn er gedacht ist und vorschellt, kommt er augenblicklich zurück und schwirrt in meinem Kopf herum, ohne ein Ziel zu finden. Ich packe die Notizbücher in meinen Rucksack, lehne mich in meinen Sitz und schließe die Augen.

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