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Posts Tagged ‘Safe’

Die wuchtigen Eichenmöbel, dunkelgrüne Brokatstoffe, mit passender Seidentapete bespannte Wände und eine, in Jahrhunderten geschwärzte, Holzdecke, in Lady Ednas Zimmer vermitteln Rosalie und Nathan den Eindruck einen Sprung durch die Zeit, in ein weit zurückliegendes Jahrhundert, gemacht zu haben. Auf dem Toilettentisch, mit dem goldgerahmten Spiegel, liegen korrekt aufgereiht Bürsten, Kämme, Handspiegel, diverse Cremetiegel aller Größen und kristallene Flakons mit Duftwässern. Nur die Haarnadeln und Bänder in der zarten Porzellanschale mit Veilchenmotiv bilden eine chaotische Masse.

Nichts in Lady Ednas Zimmer deutet auf die Annehmlichkeiten des in den Jugendjahren steckenden zwanzigsten Jahrhunderts hin. Bis auf den Safe.

„Da ist ja das gute Stück.“

Nathan geht vor dem kniehohen Würfel aus Stahl in die Hocke. Die Tür mit dem Zahlenschloss steht offen. Eine der beiden massiven Schubladen wurde herausgerissen.

„Wie sie sehen, ist der größte Teil des Schmucks noch da. Auch die Schachtel in der Lady Edna die Familienjuwelen der de Clares aufbewahrte. Nur das Collier fehlt. Sagt Gil.“

Nathan wirft einen Blick in die unversehrte Schublade. Er stößt einen Pfiff aus.

„Aufs Geld scheint es der Dieb jedenfalls nicht abgesehen zu haben. Der Wert der Goldmünzen ist immens!“

Auf der flachen Hand hält er Rosalie eine Münze entgegen. Sie nickt anerkennend und nimmt die Münzen mit Daumen und Zeigefinger auf, weil sie annimmt der Inspektor erwartet diesen Akt des Interesses von ihr. Dabei berührt sie mit den Fingerspitzen Nathans Handfläche. Für den Bruchteil einer Sekunde prallen ihre Blicke aufeinander. Rosalies Herz macht einen zusätzlichen Schlag. Die Münze gleitet zurück in seine Hand. Nathan legt die Münze zurück. Er hebt die durchwühlte Schmucklade hoch und stellt sie auf einen zierlichen Tisch vor dem Fenster.

„Was hat es denn mit dem Collier auf sich?“, fragt er und blickt Rosalie streng an, „hat Gil auch dazu eine Meinung.“

Zuerst ist sie erstaunt, dann lacht sie hell auf. Nathan huscht ein Lächeln über die Lippen.

„Nein, hat er nicht. Aber Anthony hat mir von den sagenumwobenen de Clare Juwelen erzählt. An dem Collier hängt einer der ungewöhnlichsten Rubine, die je zu einem Schmuckstück verarbeitet wurden. Wenn man den Familienlegenden Glauben schenkt darf, ist er Schlüssel zu einem riesigen Schatz, der unter dem Schloss versteckt liegen soll.“

Nathan hat den zum Collier passenden Ring aus seinem Samtbett gezogen und hält ihn in die Sonnenstrahlen, die sich einen Weg durch die Wolken in Lady Ednas Zimmer gebahnt haben. Der Rubin leuchtet in einem tiefroten Feuer.

„Mein Erbteil“, seufzt Rosalie, „scheint kein Glück zu bringen.“

Nathan fasst nach Rosalies linker Hand.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie abergläubig sind“, mit sanftem Druck schiebt er ihr den Rubin in der kunstvoll gestalteten Fassung auf den Ringfinger. „Passt wie angegossen.“

Das kühle Gold an ihrem Finger irritiert Rosalie. Der Ring bedeckt ein ganzes Fingerglied. Sein Gewicht lässt sich nicht ohne weiteres ausblenden. Sie spürt ihn bei jeder Bewegung ihrer Hand.

„Was für ein Stein. Wie groß ist erst der Rubin am Collier“, überlegt Rosalie und sieht den Inspektor fragend an.

„Das sollten wir Mister de Clare fragen.“ Nathan überreicht Rosalie die Schmuckschachtel. „Kommen sie. Ich finde das Ganze sehr mysteriös. Ehrlich gesagt“, er hält abrupt im Satz inne und hält Rosalie die Tür auf.

Als er nicht weiterspricht beendet sie den Satz für Nathan: „ehrlich gesagt, ist es wahrscheinlich, dass der Dieb einer von uns ist. Wer wüsste sonst von dem Schatz? Ein Einbrecher von außen, hätte den gesamten Schmuck mitgenommen und die Goldmünzen.“

Er zieht eine Augenbraue hoch, wirft ihr einen erstaunten Blick zu. So viel Ehrlichkeit hat er nicht erwartet. Es war nicht Nathans erster Fall in Adelskreisen. In London bearbeitete er viele Fälle in gesellschaftlich hochstehenden Familie. Für seinen Chef war er der richtige Mann für diese Leute, er kannte sich aus, konnte sich auf dem glattem Parkett der oberen Zehntausend bewegen und Nathan war diskret. Das brachte einen der hohen Herren auf die Idee, er sei deswegen bestechlich. Man hätte Nathan einiges bescheinigen können, Bestechlichkeit gehörte nicht dazu. Das brach das Genick seiner glänzenden Karriere und er wurde in die Provinz versetzt.

„Haben sie keine Angst, dass sie mich auf eine Spur bringen, die ein schlechtes Licht auf ihre Familie wirft, wenn sie sich als wahr erweist?“

Rosalie bleibt vor der Treppe stehen. Gil und Anthony sehen interessiert zu ihr empor. Sie dreht sich zu Nathan um und flüstert:

„Es ist mir egal. Ich schulde dieser Familie nichts. Ich, ich meine wir, sind ein Leben lang ohne sie zurecht gekommen. Der Grund, warum ich zu der Testamentseröffnung kam, war etwas über meinen Großvater zu erfahren. Bis jetzt wenig Schmeichelhaftes und ich glaube kaum, dass es besser wird. Im Übrigen bin ich ebenso verdächtig. Die Familienjuwelen sollte ich erst nach Lady Ednas Tod bekommen. Und das ist sie ja jetzt.“

Bevor sie einen Fuß auf die Treppe setzen kann, fast Nathan nach ihrer Hand und zieht sie ein Stück zurück, so dass sie aus dem Blickfeld der beiden anderen Männer verschwindet.

„Dann hätten sie den ganzen Schmuck genommen“, sagt Nathan leise. Er beugt sich weiter zu Rosalie. Sein warmer Atem streift ihre Wange. Er drückt sanft ihre Hand. Ein angenehmes Kribbeln läuft ihren Rücken hinauf. „Tun sie mir den Gefallen, passen sie auf sich auf.“ Nathan löst den Griff und schiebt ihr eine Karte mit einer Nummer in die Hand. „Sie können mich jederzeit erreichen.“

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Es ist genau acht Uhr, als Inspektor Robins in Begleitung eines jungen Sergeant, den schweren Türklopfer gegen die Eingangstür krachen lässt.

Misses Morse zuckt nervös zusammen und blickt Rosalie irritiert an.

„Wer kann den jetzt noch kommen?“

Ihre Augen sind vom Weinen gerötet und ihre Hand zittert, als sie an ihrem Tee nippt. Rosalie streicht beruhigend über ihre kleine, mollige Hand.

„Ich nehme an, die Polizei. Wären sie so nett, den Herren einen frischen Tee aufzubrühen und im Arbeitszimmer servieren zu lassen?“

„Natürlich, Miss“, sie springt eifrig auf und macht sich an die Arbeit.

Rosalie verlässt die Küche und begibt sich in die Eingangshalle. Ehe sie sich bemerkbar machen kann, hat der Inspektor sie bemerkt. Er steht zwischen Anthony und Gilbert, mit dem Rücken zu ihr. Als sie sich nähert, dreht er sich um. Der intensive Blick lässt ihr Herz für einen Moment schneller schlagen.

„Sie müssen Miss Graville sein“, seine Stimme ist tief und angenehm. Er reicht ihr die Hand. Sie erwidert seinen festen Händedruck und ein flüchtiges Lächeln umspielt seine etwas zu sinnlichen Lippen. „Inspektor Nathan Robins.“

Zwischen den beiden athletischen, blonden Männern mit den ebenmäßigen Gesichtszügen, wirkt der drahtige Inspektor mit dem dunklen welligen Haar, dem etwas zu eckigen Gesicht, der charakterstarken Nase und den tiefbraunen, fast schwarzen Augen, wie ein dunkler Engel. Ein Wort, eine Geste von ihm könnte Anthony und Gil aus ihrem zerbrechlichen Himmel stürzen lassen.

„Wie mir mein Sergeant berichtete, haben sie uns rufen lassen.“

Nathan lässt Rosalie nicht aus den Augen.

„Das stimmt.“

Anthony lächelt schief, während Gils Gesichtsausdruck keine Emotionen erkennen lässt.

„Sie glauben nicht, das der Sturz von Lady Edna ein Unfall war?“

Seine Blick streift die Runde und bleibt wieder bei Rosalie hängen.

„Dazu kann ich mir kein Urteil erlauben, ich bin kein Arzt. Sie war eine alte gebrechliche Dame.“
Gil unterbricht Rosalie durch einen verächtlichen Laut. Sie runzelt unmerklich die Stirn und ist sicher, dass der Inspektor es gesehen hat.

„Es wäre ein Leichtes gewesen, ihr einen Schubs zu geben, damit sie die Treppe herunterstürz“, fährt sie fort, genauso gut könnte sie gefallen sein. Aber deswegen sind sie nicht hier.“

„Nicht?“

„Nun ja, irgendwie schon“, Rosalie zuckt entschuldigend mit den Schultern, „sie sind hier, weil die Familienjuwelen aus dem Safe gestohlen wurden. Vielleicht gibt es da einen Zusammenhang?“

„Wo befindet sich der Safe, Mister de Clare?“

Gils Gesichtsausdruck ist Ablehnung pur. Nathan zieht eine Braue hoch, ohne die Schärfe seines Blicks zu mildern. Männer wie Gilbert de Clare lehrten Nathan nicht klein beizugeben und zu kämpfen.

„Der Safe mit dem Familienschmuck befindet sich in Lady Ednas Zimmer“, lässt Gil sich zu einer Antwort herab.

„Wann wurde der Diebstahl bemerkt?“, Nathan wendet sich erneut Rosalie zu. Miss Graville passt überhaupt nicht in dieses Haus, geht es ihm durch den Kopf, sie scheint die einzige mit gesunden Menschenverstand zu sein.

„Nachdem der Bestatter eintraf. Etwa gegen sechs Uhr. Ich sollte ein Kleid für Lady Edna heraussuchen. Sie ist im Nachthemd gestürzt“, fügt sie hinzu, als würde diese Erklärung ausreichen.

„Wo befanden sie sich alle, als Lady Edna stürzte?“

„Ich war mit Miss Graville in der Küche“, kommt Anthony Rosalie hilfsbereit zu vor.

Nathan runzelt die Stirn.

„Und sie, Mister de Clare?“

„In meinem Bett“, Gils Ton lässt deutlich erkennen, dass er die Frage des Inspektors für eine Zumutung hält.

Nathan ignoriert es und sagt zu seinem Sergeant:

„Collins, befragen sie die Angestellten.“

„Ja, Sir.“

Der junge Mann eilt dienstbeflissen in die Küche, in der sich die Dienstboden zur Verfügung halten sollen.

„Miss Graville, würden sie mir bitte den Tatort zeigen?“

Nathan macht eine einladende Handbewegung. „Darf ich sie bitten voranzugehen.“

Rosalie setzt sich in Bewegung. Gil und Anthony wollen ihr folgen, aber Nathan schüttelt den Kopf.

„Sie warten bitte in der Bibliothek.“

„In meinem Haus haben sie gar nichts zu befehlen“, Gils Stimme ist gefährlich ruhig.

Nathan lächelt überlegen.

„Ich habe nichts befohlen. Ich habe bitte gesagt.“

Über Rosalies Gesicht huscht ein Lächeln und sie ist froh, dass Gil ihr Gesicht nicht sehen kann.

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III.

(Sätze-mit-nicht-mehr-als-sieben-Wörtern-Übung)

Mani knackt sie alle

Mani sah in das Fenster gegenüber. Endlich ging das Licht aus. Er sah auf sein Handy. 22 Uhr 37. Mani wartete geduldig. Das war sein Job. Sitzen und warten. Er sah wieder auf sein Handy. 23 Uhr 4. Fast eine halbe Stunde vergangen. Jetzt dürfte die alte Dame schlafen. Mani schlich zum Haus. Mit Schwung erklomm er den Balkon. Das war die leichteste Übung. Ein Fensterflügel stand offen. Wie in den Nächten davor. Mani hatte alles genau beobachtet. Er fasste durch den Spalt. Vorsichtig drückte er den Griff herunter. Der andere Fensterflügel öffnete sich. Leise drückte Mani ihn herunter. Ein leises Quietschen war zu hören. Mani wartete, lauschte. Er hörte leise Atemzüge. Die schläft fest, dachte er beruhigt. Bedächtig stieg er ein. Nur ja nichts umwerfen. Mani zückte seine kleine Taschenlampe. Ruhig ließ er den Strahl kreisen. Lautlos schlich er ins Wohnzimmer. Hinter dem Bild war der Safe. Ein echter Burgwächter. Damit kannte er sich aus. Er arbeitete seit 20 Jahren dort. Wurde gut bezahlt der Job. Außerdem brachte er einen guten Nebenverdienst. Mani erkannte die reichen Schnösel sofort. Frau Schneider-Möhring war eine davon. Goldbehängt, mit Aktienanteilen und Grundbesitz. Mani hängte den Monet ab. Er holte sein Stethoskop aus der Hosentasche. Langsam drehte er das Zahlenrad. Er hörte es knacken. Vier Mal. Er drehte am Drehkreuz. Der Tresor sprang auf. Mani starrte auf die leeren Fächer.

„Scheiße!“, entfuhr es ihm.

Das Deckenlicht flutete auf.

„Da haben sie recht“, hörte er sie.

Er fuhr herum. Die alte Schneider-Möhring im Morgenmantel. Sie richtete eine Pistole auf ihn.

„Geben sie sich keine Mühe. Die Polizei ist schon im Anmarsch. Einen wie sie erkenn ich sofort.“ Sie grinste spöttisch. „Mein verstorbener Mann war einer von euch.“

Mani blieb der Mund offen stehen. Er hörte das Heulen der Sirenen.

„Du hast noch einen kleinen Vorsprung. Das war der stille Alarm.“ Frau Schneider-Möhring machte eine Handbewegung. „Lauf.“

Mani sah sie verständnislos an.

„Oder willst du auf die Bullen warten?“

Mani begriff endlich. Er rannte wie ein Hase.

Frau Schneider-Möhring schloss den Safe. Sie hängte den Monet zurück. Sie lächelte. Eine Nacht nach ihrem Geschmack.

IV.

(Reizworttext) Siamkatze, Verzweiflung, Schadensbegrenzung

Voller Verzweiflung saß ich vor dem PC. Die Datei war weg! Vor zwei Sekunden war sie noch da und jetzt war sie weg. Leerer Bildschirm und Mister North saß hinter seinem riesigen Teakholzschreibtisch und wartete. Er wartete auf die Anweisungen, die er mir diktiert hatte. Eilig, dringend, am liebsten vorgestern hatte er gesagt. Mister North war ein guter Chef, aber ständig im Stress und an Tagen wie diesen, wenn alles besonders wichtig war, konnte er ziemlich unwirsch werden, wenn etwas nicht klappte. Es gab zwei Möglichkeiten das Problem zu lösen: Mich aus dem 24. Stock stürzen, das würde als Entschuldigung reichen, oder Schadensbegrenzung durch Naturkatastrophe, landesweiten Stromausfall, Bürgerkrieg oder ähnlich einschneidende Ereignisse. Aber wo ich so schnell einen Wirbelsturm herbekommen oder wie ich einen Bürgerkrieg anzetteln konnte, war mir nicht klar. Stromausfall kam da schon eher infrage.

„Julia, wann ist der Brief fertig. Ich warte!“ hörte ich seine tiefe, ungeduldige Stimme durch die Wechselsprechanlage. Oh, Gott, was jetzt, der rettende Einfall musste her, sofort. Aber mein Hirn war so leer wie mein Desktop

„Noch einen Moment, Mister North“, ich versuchte ruhig zu klingen, „ich bin gleich da.“

Er gab keine Antwort. Ich konnte mir sein Gesicht mit der zornigen Stirnfalte gut vorstellen. Wenn nicht gleich etwas passierte, würde er aus seinem Büro stürmen und ich das Donnerwetter meines Lebens kassieren. Eigentlich konnte ich schon mal meine Sachen packen.

„Na, Probleme?“

Adam vom Support lehnte sich lässig an den Tresen und sah zu mir herunter.

„Was ist denn das für eine Frage?“, ich begann gerade hysterisch zu werden. „Gleich kommt Mister North aus dieser Tür und wird mich den Schweinen zum Fraß vorwerfen, weil der Text weg ist!“

Er grinste.

„Was kriege ich, wenn ich dir den Text wieder herstelle.“

„Was du willst!“

Ich sah an seinem Blick, dass diese Äußerung viel zu voreilig gewesen war. Adam schob mich mit meinem Bürostuhl zur Seite.

„OK, ich besorge dir den Text und du gibst mir, was ich will.“

„Ja.“

Jetzt war sowieso alles egal, denn ich hörte, wie Mister North die Klinke seiner Tür herunter drückte. Gleichzeitig summte der Drucker und Adam hielt mir meinen Text entgegen. Erleichtert reichte ich ihn Mister North, der ohne ein weiteres Wort verschwand. Ich drehte mich zu Adam um und erwartete seine Forderung.

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