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Posts Tagged ‘Schloss’

Lea biegt ab, fährt auf die Autobahn auf und gibt Gas. Das Radio dudelt die neusten Hits. Wie an einer Schnurr gezogen fährt sie den Weg, ohne sich ein einziges Mal zu verfahren.

Das Haus liegt still da. Wie damals. Lea steigt aus, wechselt auf die andere Straßenseite.

– Ob er zu Hause ist? – Was tue ich eigentlich hier? Es war eine blöde Idee hier her zu fahren. Ich kann mich nicht ungefragt in sein Leben drängen. –

Lea wendet sich ab und schlägt den Weg zum Schloss ein. Wie damals. Sie setzt sich auf die Bank im Schatten der Platanen und schaut dem Spiel der Sonnenstrahlen auf dem gepflasterten Platz zu. Ihr Herz beruhigt sich langsam.

– Welcher Teufel hat mich bloß geritten? Ich gehe noch einen Kaffee trinken, dann fahre ich wieder. –

Lea geht Richtung Innenstadt. Vor einem Buchladen hält sie inne und schaut sich die Auslagen an. Ein Passant bleibt neben ihr stehen. Sie wirft einen kurzen Seitenblick auf ihn und zuckt zusammen. Nic. Er lächelt. Seine dunklen Augen rufen Erinnerungen und Gefühle wach.

„Was machst du hier?“ fragt er.

„Bücher anschauen“, stottert sie.

Nic lacht, legt ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter.

„So, so. Ist das alles?“

„Nein. Ich wollte noch einen Kaffee trinken.“

„Ohne deinen alten Freund zu besuchen?“

In seiner Stimme liegt leiser Spott. Lea schweigt verlegen. Er nimmt ihren Arm und zieht sie sanft hinter sich her.

„Na komm. Ich lade dich auf einen Kaffee ein.“

„Ok. Aber dann muss ich wieder los.“

Ihre Blicke treffen sich. Als Nic eine Augenbraue hochzieht und sagt: „Bist du sicher?“ Wird sie rot.

Vor einem hübschen kleinen Cafe bleibt er stehen.

„Setz dich.“

Widerspruchslos lässt sich Lea in einen Korbsessel gleiten. Er setzt sich ihr gegenüber und streckt seine langen Beine aus. Provozierend schaut er sie an. Ihr Herz macht einen Satz. Nic hat nichts von der Faszination eingebüßt, die er damals auf sie aus übte.

„Gibt es in München nicht die Bücher die du suchst?“ „Ach hör auf. Du weißt, dass ich nicht wegen der

Bücher gekommen bin.“

Um sich abzulenken rührt sie in ihrem Kaffee. Seine prüfenden Blicke bohren sich in ihre Gedanken.

„Schau mich bitte nicht so an“, Lea seufzt.

Nic ignoriert ihre Bitte.

„Du hättest also nicht bei mir geklingelt?“

Lea schüttelt den Kopf.

„Nein, hätte ich nicht.“

Schweigend nippt er an seinem Kaffee und sieht sie mit seltsamem Ausdruck an.

„Warum?“, fragt er nach einer Weile.

„Warum sollte ich? Du hast mir nie geantwortet“, erwidert sie schlicht.

„Warum?“, fragt er wieder.

„Weil ich das Unmögliche hoffte. Dich zu sehen.“ Lea trinkt einen Schluck. „Im Übrigen, weiß ich nicht warum du mich fragst. Du weiß es doch sowieso.“

„Ich will nur, dass du dir sicher bist“, sagt er.

Lea ist sich nicht sicher, ob das ironisch gemeint ist. Wie damals.

– Ich bin mir sicher. Im Grunde von Anfang an. –

Der Rückweg verläuft still. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Lea würde Nic gerne so viel sagen, sie schweigt aus Angst, es kommt falsch an. Vor seinem Haus streckt sie Nic die Hand entgegen.

„Mach`s gut“, sagt sie leise.

Ihre Kehle ist wie zugeschnürt. Sie versucht die Tränen zu unterdrücken.

„Kommt nicht in Frage! Der Weg ist viel zu weit. Du schläfst hier und fährst morgen“, sagt er energisch.

„Ich schaff das schon. Das macht mir nichts aus“, wehrt Lea ab.

„Keine Widerrede.“ Nic legt ihr die Hand auf den Rücken und schiebt sie den Gartenweg entlang zum Haus.

„Nein,… .“

„Psst“, Nic legt einen Finger auf den Mund, „gegen mich hast du keine Chance.“

Er führt sie ins Wohnzimmer. Legt eine CD auf.

„Ich komme gleich wieder. Ich hol uns schnell was zum Essen. Mach es dir bequem.“

Steif lässt sie sich auf dem Sofa nieder.

Ich dürfte nicht hier sein. – Panik steigt in ihr auf. – Ich muss weg. –

Sie will gehen, da steht Nic mit einem Teller Pizza, Gläsern und einer Flasche Wein vor ihr.

„Nanu, du willst doch nicht flüchten.“ Er stellt die Sachen auf das Tischchen vor dem Sofa und lässt sich auf dem Boden nieder. „Hier wird nicht gekniffen.“

Nic grinst spitzbübisch. Lea lässt sich neben ihm nieder, als er ihr das Glas Rose hinschiebt, trinkt sie.

„Du musst was essen“, sagt er und beißt in die Pizza.

„Nein, ich bringe nichts runter.“

Lea schaut Nic beim Essen zu. Als er fertig ist, erhebt sie sich.

„Ich glaub ich sollte schlafen gehen, damit ich morgen früh fahren kann.“

Der Wein verursacht einen angenehmen Schwindel. Lea wankt ein bisschen.

„Wo geht’s noch mal ins Gästezimmer?“

„Ich zeig es dir.“

Nic nimmt ihre Hand und führt sie über den Flur.

„Ich hab einen Schwips“, Lea muss kichern.

„Ja“, sagt er leise, „so wie damals.“

„Stimmt, aber damals hast du mich geküsst.“

Lea lässt sich auf die Matratze plumpsen. Nic bleibt vor ihr stehen und schaut auf sie herunter. Sein Blick trifft direkt in ihren Bauch.

„Und du bist noch genauso süß, wie damals.“

Nics Stimme ist rau. Er nimmt Leas Gesicht in seine Hände und küsst sie. Nicht wie damals, zart und vorsichtig. Sondern wild und leidenschaftlich. Er zieht sie eng an sich. Lea spürt seine suchenden Hände auf ihrem Körper, der sofort reagiert.

„Ich will dich“, flüstert Nic. „Ich habe solange gewartet.“

„Warum?“ sie schaut ihn erstaunt an.

„Weil ich Angst hatte.“

„Warum?“

„Weil ich mich auf der Stelle in dich verliebt habe und panische Angst hatte, dass du fortgehen und mich verletzen würdest.“

„Warum hast du nichts gesagt? Du weißt doch, dass ich gehen musste. Aber ich wäre wiedergekommen.“

„Ich weiß, das war dumm.“

Nic küsst sie wieder. Lea überlässt sie sich seinen Zärtlichkeiten. Sie wird wiederkommen. Diesmal für immer.

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…oder: was ihr wollt. Eine kleine Schreibübung.

Illyrien, Schloss des Herzogen Orsino

5.Mai 1821

Es ist nun zwei Monate her, dass ich beim Herzog Orsino eine Zuflucht gefunden habe. Hier gibt es genug Tätigkeit und Zerstreuung und doch fühle ich mich unter all diesen Menschen so einsam, dass es mich mehr schmerzt, als Worte ausdrücken können. Ich bin nicht die einzige Person, die in ihrer Einsamkeit gefangen ist. Mein Herr und Meister Orsino leidet an der Krankheit des Liebeskummers. Schwermut zeichnet sein schönes, ebenmäßiges Gesicht und ich bin glücklich, dass ich seine Qual durch mein Klavierspiel etwas lindern kann.

Heute Abend verlangte der Master nach mir. Wir spielten Schach. Ich bin froh, dass Sebastian mir schon früh dieses königliche Spiel beigebracht hat. Er hat eine gute Schachspielerin aus mir gemacht, aber ich bemühe mich schlechter zu spielen als mein Herr Orsino, damit er gewinnt und sich darüber freut. Allerdings befürchte ich, dass er mir über kurz oder lang auf die Schliche kommen wird. Immer öfter spüre ich seinen prüfenden Blick und mein Herz schlägt schneller, als hätte er mich bei einer Sünde ertappt.

Herzog Orsino ist ein aufmerksamer Mann, wenn er seinen Kummer für einige Zeit vergessen kann. Er liebt die schönen Künste, exzellentes Essen und hat einen der schönsten Gärten, die ich je gesehen habe.

Ich erwarte jeden Augenblick, dass er meine Scharade durchschaut, aber sein Kummer hält ihn gefangen und beschäftigt seine Gedanken vor allem anderen.

Ach, liebster Sebastian, ich vermisse dich so sehr. Deinen Rat deine Hilfe. Warum nur mussten wir diese verheerende Schiffsreise antreten? Du warst mein einziger Halt, seit Vater von uns ging. Ich weinte so viele Tränen um dich, das es für zwei Leben reicht, deins und meins.

 6.Mai 1821  

Heute Morgen erhielt ich meine erste ordentliche Fechtstunde. Zu Hause hatte Sebastian mich heimlich unterrichtet, weil ich solange bettelte, bis er mir nicht mehr standhalten konnte. Vater durfte nichts davon erfahren, er hätte es für unschicklich gehalten.

Herzog Orsinos Fechtmeister war überrascht und meinte mein Talent zu erkennen. Orsino dagegen lobte meine Geschicklichkeit den Stößen meines Gegners geschickt genug auszuweichen, um am Leben zu bleiben. Ich hörte den Spott in seiner Stimme, aber da er Recht hatte, gab es nichts was ich darauf hätte erwidern können. Sebastian sagte immer: wenn du einen Gegner nicht bezwingen kannst, sei schneller als er. Genau das tat ich. Meine zierliche Gestalt und meine Behändigkeit waren mir dabei eine Hilfe. Allerdings hegte ich den Verdacht, dass Orsino Meister Antonio gebeten hatte, mich beim ersten Mal zu schonen.

Ich liebe ihn! Orsino. Ich versuche mich gegen meine Gefühle zu wehren, aber sobald er in meiner Nähe ist, schlägt mein Herz wie wilde Trommeln. Seine sanfte Stimme jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken und wenn sein entflammbares Temperament hervor bricht, habe ich das Gefühl der Sturmwind hebt mich auf seine Flügel und trägt mich zu den Wolken. Jede Sekunde an seiner Seite ist wie das verbrennen in der Mitte des Feuers, aber ohne ihn befinde ich mich am kältesten Punkt der Erde.

Niemals hätte ich geglaubt, dass ich so fühlen könnte. Ich will dort sein, wo er ist. Ohne ihn ist kein Leben möglich. Ich kann nicht atmen ohne ihn, nicht essen, nicht schlafen. Mit diesen Empfindungen bin ich nicht allein. Meinem Master geht es ebenso. Nur bin nicht ich der Grund für seine Erregung, sondern Olivia.

Ach, du glückliche Olivia. Was musst du für eine wunderbare, göttliche Frau sein, dass Orsino sich so sehr nach dir verzehrt und was für ein kaltes, gefühlloses Herz schlägt in deiner Brust, dass du Orsino von dir stößt und er an der unerfüllten Liebe zu dir zu ersticken droht. Ich wünschte nur ein einziges Mal würde Orsino von mir sprechen, wie er von dir spricht.

 7.Mai 1821

Nach dem Fechtunterricht nahm mich Orsino zur Seite. Er wünscht, dass ich einen Auftrag für ihn ausführe. Orsino diktierte mir einen Brief an Olivia, den ich ihr morgen bringen soll, um für ihn um sie zu werben. Mein Herz blutet bei dem Gedanken. Jedes Wort, das aus meiner Feder auf das Papier floss, war ein Stich in mein Herz. Orsino ersann ein Sonett, ja fast ein Poem, dass Olivias Schönheit und seine Liebe zu ihr preist.

Ach, du schöne, eiskalte Olivia, könnte ich an deiner Stelle sein, ich würde vor Glück vergehen.

Morgen werde ich die Feuerprobe bestehen müssen, Olivia Orsinos Liebe zu gestehen und mein Herz hinter einer Mauer aus Stein zu verbergen. Unerfüllte Liebe ist schlimmer als der Tod.

8.Mai 1821

Ich habe sie gesehen. Olivia. Sie ist ein hübsches kleines Ding, aber an ihr ist nichts Besonderes, und ich muss ihr natürlich zu gute halten, dass ich ihr eigenes Geschlecht bin und anders urteile, als ein Mann. Ihre dunklen Locken fallen weich über schmale Schultern, wie meine hellen bevor ich sie abschneiden musste, um unerkannt zu bleiben. Ihr zartes Gesicht wird nicht durch einen künstlichen Bart entstellt, wie meins, da ist Olivia mir im Vorteil. Sie hat dunkle Augen, die gleichgültig drein blickten, als ich ihr von Orsinos Liebe sprach und haben nichts von dem fiebrigen Feuer, dass ich in meinen eignen sehe, wenn sie mir aus dem Spiegel entgegen blicken. Das Schlimmste sind ihre boshaften Lippen, die meinen Herrn verspotten und seine Liebe schmähen. Ist es nicht das kostbarste, das er zu vergeben hat? Und er legt ihr, außer seinem Herzen, noch sein Reich zu Füßen.

Jeden Abend befreie ich mich von meinen Bandagen, von meiner überflüssigen Gesichtsbehaarung und schaue mein wirkliches ICH im Spiegel an. Ich gehe, stehe, rede, kämpfe wie ein Mann, jede Stunde des Tages, aber nachts erwacht die Frau in mir. Mit jedem Stück meiner Verkleidung fällt das Raue, Harte von mir ab. Meine Muskeln entspannen sich, nicht mehr auf der Hut, vor unangemessenen Berührungen, die ich abwehren muss, um nicht entdeckt zu werden.

Was würde Orsino tun, wenn er wüsste, wer ich wirklich bin? Würde er mich verbannen oder das Todesurteil fällen? Fern von ihm zu leben, wäre die schrecklichste aller erdenklichen Strafen. Ich würde an gebrochenem Herzen zu Grunde gehen. Verbannung ist schlimmer als der Tod.

 9.Mai 1821

Es war noch vor dem Frühstück, als Orsino mich einbestellte, um mich nach dem Erfolg meines Werbens zu befragen. Ich versuchte so besonnen wie möglich, von Olivias Ablehnung zu sprechen. Ich konnte nicht um hin, die Härte ihres Verweises zu mildern, als ich Orsinos Blick sich verschleiern sah, während ich ihm ihre Worte wieder gab. Jedes Wort war wie ein Dolchstoß, den ich Unglückliche, in sein verzweifeltes Herz stoßen musste.

Mit anzusehen, wie sehr ihn ihre Gleichgültigkeit verletzte, war grausam. Nur zu gerne hätte ich diese Qual auf mich genommen, wenn es Orsinos krankes Herz besänftigt hätte, aber er war untröstlich. Wir saßen am Rand der Klippen und beobachten das tosende Meer. Sein Antlitz war so blass, seine schönen, grauen Augen sahen nichts als Dunkelheit, die sein Herz verfinstert hatte. Ich fürchtete um ihn und bat ihn einen Spaziergang mit mir zu machen.

Wir verließen die Klippen und wanderten einen sanften Hügel hinter dem Schloss hinunter. Bei einer umgestürzten Eiche zog Orsino plötzlich seinen Degen.

„Zeig mir, Cesario, was du bei Meister Antonio gelernt hast.“

Ich war überrascht. Ehe ich meinen Degen ziehen konnte hatte Orsino schon einen Angriffsstoß getan. Das ganze ging so unglücklich zu, dass er mir eine Schramme an der Hand beibrachte. Sofort quoll das Blut aus der Wunde. Meine Knie zitterten, obwohl ich keinen Schmerz verspürte.

„Verzeih, Cesario, meinen dummen Scherz!“

Orsino stand schon neben mir, presste mir sein spitzenbesetztes Leinentuch auf die Hand und führte mich besorgt zu dem Baumstumpf. Mein Herz flatterte und Orsino drückte mich sanft auf den Stamm. Er setzte sich zu mir, drückte mir mit der einen Hand, das Tuch auf meinen Handrücken und legte mir den anderen Arm um die Schulter. Noch nie, war ich ihm so nah gewesen. Ich schloss meine Augen. Still saßen wir da, Orsino reuig über seine unbedachte Tat und ich seine Nähe aufsaugend, wie ein Schwamm, der seit Jahren ausgetrocknet war. Seine Wärme und sein Duft waren berauschend und ich fühlte eine wilde Euphorie in mir aufsteigen, die mich unvorsichtig werden ließ. Gedankenlos ließ ich meinen Kopf auf seine Schulter sinken. Nur bei ihm sein. Die Zeit sollte still stehen.

„Cesario, wie ist dir? Bleib wach. Komm wir wollen zurück gehen. Der Arzt soll dich anschauen.“

Oh, dieser köstliche Augenblick war viel zu schnell vorbei. Orsino brachte mich zurück ins Schloss. Er veranlasste seinen Leibarzt nach mir zu sehen. Seine Besorgnis tröstete mich, aber ich wäre lieber in seinen Armen verblutet, als allein in meinem weichen Bett zu liegen.

 10.Mai 1821

Orsino ließ am Vormittag nach mir schicken. Er erkundigte sich nach meinem Befinden und war beruhigt mich wohlauf zu sehen. Wir spielten mehrere Partien Tarock, die Orsino gewann, weil ich mich in seiner Gegenwart verlegen fühlte und nur an unser gestriges Zusammensein denken konnte.

Am Nachmittag machten wir einen kurzen Spaziergang durch den Park. Orsino traf sich mit Meister Juan Perez, dem Gartenarchitekten. Er ist ein kleiner dicker Mann, mit Glatze, der sogar bei niedrigen Temperaturen ins Schwitzen gerät und sich fortwährend die Stirn abtupft. Während er nervös auf und abtrippelte, erklärte er meinem Herrn, wo er den chinesischen Teepavillon zubauen gedenkt und welche Bepflanzung er empfehlen würde. Ich fürchte, Meister Perez war sehr aufgebracht über Orsinos Unaufmerksamkeit. Dauernd murmelte er ungereimtes Zeug vor sich hin und scheuchte seinen Assistenten durch die Gegend. Nachdem sich Meister Perez wegen Unpässlichkeit verabschiedet hatte, folgte ich Orsino zu seinem Lieblingsplatz.

„Ich liebe das Meer. Das Geräusch der Wellen, die Unendlichkeit. Man könnte glauben, dass dieses Urchaos meinen fiebrigen Geist noch mehr verwirrt, aber das Gegenteil ist der Fall. Nichts beruhigt mich mehr.“

Er sah auf den Horizont und ich spürte seine Einsamkeit.

„Ich weiß, mein Herr. Es ist als würde das Meer unseren Schmerz aufnehmen und ihn für uns heraus schreien.“

Orsino wandte sich mir zu. Ich fühlte seinen fragenden Blick heiß auf meinen Wangen.

„Cesario, ich wundere mich – nein, ich wundere mich nicht, dass du fühlst, was ich fühle. Ich beobachte dich schon eine ganze Weile. – Und mein Intuition hat mich nicht getäuscht, auch in dir steckt ein großer Schmerz, eine tiefe Einsamkeit, nicht wahr?“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und nickte.

„Möchtest du mir davon erzählen?“

„Mein Herr“, ich suchte nach Worten, „ich möchte euch nicht mit dem beschweren was mich belastet. Ich bin der Diener, ihr der Meister, mein einziger Wunsch ist, dass ihr glücklich seid.“

Orsinos ließ mich nicht aus den Augen. Er zögerte einen Moment und ich wusste, dass er nicht aufgeben würde nach dem Grund zu forschen.

„Nun, dann eben ein anderes Mal, ich will nicht in dich dringen, aber ich spüre die Finsternis in dir, weil sie auch mein Herz fest in ihrer kalten Hand hält. – Wenn du mein Glück willst, dann bitte ich dich, geh nochmals zu Olivia, sprich zu ihr von meiner Liebe.“

„Herr, ihr wisst, ich tue alles, euch zu gefallen, selbst von den Klippen springen, wenn es zu eurem Glück beiträgt. – Doch, mein Herr Orsino, wenn euch Olivia nun nicht lieben kann? Was kann ich tun? Mein ganzer Wille könnte ihre Kälte nicht in Zuneigung wandeln.“

„Nein!“, Orsino packte mich am Arm und dreht mich zu sich, seine grauen Augen spieen Feuer, „nein! Diese Antwort lass ich nicht gelten.“

„Herr, verzeiht meinen Widerspruch, ihr wisst meine Liebe, meine Treu gehört euch, euch allein“, Tränen traten mir in die Augen, „aber stellt euch ein Mädchen vor, das euch so liebt, wie ihr Olivia. Sie fühlte ebensolche Qual, wie ihr, weil ihr sie nicht lieben könnt. Muss sie nicht die Antwort hinnehmen?“

Orsino ließ mich los.

„Nein, keine Frau erträgt die Liebe, die ich fühle. Ihre Herzen sind wankelmütig und launisch. Sie sind nicht fähig wirklich tiefe Liebe zu empfinden. – Doch meine Liebe ist so hungrig wie die See. Niemals kann man die Liebe, die eine Frau für mich empfinden könnte, mit der vergleichen, die ich zu Olivia hege.“

Die Tränen rannen mir über die Wangen. Seine Worte waren wie Pfeile. Ich begehrte auf.

„Herr, so glaubt mir, ich weiß, dass Frauen ebensolcher Gefühle fähig sind.“

„Woher kannst du das wissen? Du bist ein Jüngling“, er strich fast zärtlich über meine Wange, „deine Haut ist weich wie Pfirsich und deine Lippen zart wie Rosenknospen, du kannst höchstens zwanzig Lenze zählen – was weißt du schon von Liebe?“

Mein Herz zog sich zusammen, der Schmerz war ungeheuerlich.

„Ich weiß was Liebe ist“, ich wurde lauter als mir zustand, „mein Vater hatte eine Tochter, die so sehr liebte, wie ich euch liebte, wäre ich eine Frau, mein Herr.“

Orsino stand still. Seine Ruhe machte mir mehr Angst, als sein ungezügelter Temperamentsausbruch. Unerwartet legt er mir den Arm um die Schulter. Oh mein Gott, wie sehr ich ihn liebe.

„Erzähl mir von deiner Schwester.“

Orsino führte mich zu einer Bank, mein Blick fiel auf Beete voller Rosen, die zu knospen begannen. Wäre ich nicht Cesario, sondern Viola, das Herz wäre mir aufgegangen. Er sah mich auffordernd an und ich rückte etwas von ihm fort.

„Sprich, Cesario. Verzeih meinen Ausbruch, hab keine Angst.“

Ich begann zu sprechen, ohne das Orsino den Blick von mir gewendet hätte. Mein Herzschlag nahm mir fast den Atem.

„Mein Herr Orsino, das arme Kind liebte einen Fürsten, so wie ihr es seid, doch niemals sprach sie von ihrer Liebe, denn er hatte sein Herz an eine andere vergeben. Die Schwermut ward ihr ständiger Begleiter, so wie der Tod den Knospen droht, die von einer kalten Nacht im Mai geküsst werden. Sie lächelte im Kummer. Sagt mein Herr, ist das nicht Liebe?“

Orsino Blick halb fragend, halb wissend, ließ mich nicht los. Er lag wie ein Kuss auf meinen Lippen. Ich wünschte mir eine Ohnmacht herbei, aber Orsino wäre nicht Orsino hätte er sich damit zufrieden gegeben.

„Starb deine Schwester an dieser Liebe?“

Ich stand auf, um Orsinos Blicken zu entfliehen.

„Ich bin was meines Vaters Haus, an Töchtern und an Söhnen blieb, und doch“, ich brach ab.

Orsino trat neben mich. Ich wusste, was er von mir wollte.

„Morgen werde ich noch einmal zu dem Fräulein gehen“, seufzte ich.

„Gib ihr dies Kleinod, Cesario, sag ihr, dass ich ein Nein nicht dulden kann.“

Der Master drückte mir einen kleinen Samtbeutel in die Hand und verließ mich. Als Orsino fort war, sank ich zu Boden und weinte um meine verlorene Liebe.

11.Mai 1821

Olivia, die kühle Schöne, war so liebenswürdig, als ich kam, dass ich es kaum glauben konnte. Sobald ich ihr von Orsinos Liebe sprach und ihr das Geschenk in die Hände legen wollte, wurde sie abweisend. Als ich sie verlassen wollte, warf sie mir verlockende Blicke zu und wollte mich nicht gehen lassen, obwohl ich ihr klar mitteilte, dass ich nicht verweilen würde, da ich nur meinem Herrn verpflichtet wäre. Das ganze Spiel war so seltsam. Sie benahm sich, als sei ich der Bewerber um ihre Gunst.

Das kann doch nicht möglich sein? Erkannte nicht einmal sie, dass ich ihres Gleichen in Verkleidung bin. Es war komisch, in gewisser Weise, allerdings ist mir nicht klar, wie ich Orsino diese Posse erklären soll.

Als meinem Herrn den ungeöffneten Beutel wieder in die Hände legte, sprach er kein Wort. Er wandte sich ab und ging hinaus. Angst stieg in mir auf, denn ich befürchtete, er könnte sich ein Leid antun. Überall suchte ich nach ihm und war erleichtert, als ich ihn im Badehaus fand. Ich wollte gerade die Tür wieder schließen, als er mich entdeckte.

„Cesario, komm Junge, leiste mir Gesellschaft!“

Unsicher trat ich ein. Noch nie hatte ich einen nackten Mann gesehen.

„Komm, ich beiß dich nicht, wasch mir den Rücken.“

„Ja, mein Herr“, meine Stimme zitterte.

Ich schlich mit gesenktem Blick um die Wanne und setzte mich auf einen Schemel. Orsino reichte mir einen Schwamm. Ich tauchte ihn in das dampfende, wohlriechende Wasser, und strich ihn sanft über seine Schultern, seinen Rücken.

„Oh, was für eine Wohltat! Wüsste ich nicht das du ein Jüngling bist, du könntest eine Jungfrau sein.“

„Herr“, protestierte ich.

„Schon gut, schon gut“, Orsino lachte leise, „ich nehme es sofort zurück und ich verspreche dir, es soll in diesen vier Wänden bleiben.“

„Dann ist es nicht gut aufgehoben. Hier gehen viele ein und aus.“

„Gut gesprochen, Cesario.“ Orsino seufzte.

Meine Fingerspitzen berührten seine Haut. Es war wie ein Blitz, der durch meinen Körper schoss und ich fühlte eine Welle aus Hitze und Lust in mir aufsteigen.

Ich wollte ihn so sehr, so schmerzhaft und er stieß mich ab, wie das Wasser, das über seinen Rücken perlte. Es erfrischte ihn, aber es blieb nicht haften. Und da, ganz plötzlich erkannte ich es. Olivia wehrte sich gegen die Liebe, die Orsino ihr zu Füßen legte und je mehr sie sich wehrte, umso größer wurde seine Leidenschaft. Würde es mir gelingen meine Liebe in mir zu verschließen, um ein Abstoßen zu verhindern?

„Cesario, träumst du? – Reich mir das Handtuch und warte draußen auf mich.“

Ich reichte Orsino das Tuch und eilte hinaus. Die kühle Nachtluft stieß schmerzhaft in meine Lungen und ließ mich meinen Schmerz für einen Moment vergessen. Von irgendwoher wehte die zarte Melodie einer Laute zu mir herüber.

„Hörst du das, Cesario, der Spielmann ist zurück“, Orsino schlug mir freundschaftlich auf die Schulter, „er hat sein Nachtlager im Stall, bei den Pferden, komm, er soll uns eine Weise spielen.“

Wir liefen die Wiese hinunter und stürzten in den Stall. Der Spielmann begrüßte Orsino ehrerbietig und als er ihn bat ein Lied für uns zu spielen, kam er der Bitte bereitwillig nach. Ich hatte mich in den Schatten zurück gezogen, Orsino sollte nicht sehen, wie sehr mich die Melodie ergriff, aber es gab kein Entkommen. Mein Herr stand hinter mir und legte mir die Hände auf die Schulter. Orsino beugte sich vor und flüsterte mir ins Ohr:

„Nun, mein Freund, ist dieser Spielmann nicht ein trefflicher Sänger?“

Sein Atem streifte meinen Hals. Ich vermochte nichts zu antworten. Orsino griff mir sanft in den Nacken und bog meinen Kopf zurück. Seine Lippen berührten meine Ohrmuschel:

„Antworte, Cesario, oder hat es dir vor lauter Rührung die Sprache verschlagen.“

„Ja, Herr“, flüsterte ich und wandte ihm mein Gesicht zu. Unsere Blicke versanken in einander und unsere Münder waren nur einen Wimpernschlag von einander entfernt. Das Lied brach ab. Ich schrak zurück. Ohne mich umzusehen, lief ich davon.

12. Mai 1821

In der letzten Nacht war mein Schlaf so leicht wie eine Feder. Ich stürzte von einem Traum in den nächsten. Erschöpft erwachte ich, als es an meiner Tür klopfte.

„Cesario, eil dich, der Herr erwartet dich.“

Es war Valentin, einer der Kavaliere des Fürsten.

„Ich bin gleich bei euch, Valentin“, rief ich und sprang auf. Schnell wusch ich mich und kleidete mich an. Dann eilte ich die langen Gänge hinunter, in den großen Saal. Was wohl so dringend sein mochte? Als ich die Tür öffnete, sah ich die Kavaliere des Herzogs und ihn selbst in Uniform. Valentin grinste spöttisch. Er hatte mir absichtlich nicht Bescheid gesagt, weil er neidisch darauf war, dass der Herzog mich ins Vertrauen zog, obwohl ich erst seit kurzer Zeit im Schloss lebte. Warum das so ist, kann ich mir selbst nicht erklären, aber ich hätte es nicht anders gewollt.

Orsino sah mich und winkte mich zu sich heran.

„Cesario, mein Freund, ich habe mich entschlossen der Lady Olivia einen Besuch abzustatten.“

„Ja, mein Herr“, mein Herz krampfte sich zusammen, „ich hohle nur schnell meinen Mantel.“

„Nein, Valentin soll ihn dir holen. Wir treffen uns bei den Ställen, du sollst nicht von meiner Seite weichen.“

Ich konnte mir vorstellen, was Valentin dachte, aber es war mir unwichtig.

Als wir mit dem großen Gefolge eintrafen wurden wir von einer aufgebrachten Lady Olivia empfangen.

„Wie könnt ihr es wagen, hier einzudringen. Man könnte denken, es wäre Krieg.“

Orsino war abgestiegen und verneigte sich.

„Nicht ganz, my Lady, aber Liebe und Krieg sind nicht so verschieden.“

„Cesario, wie kommt es, dass ich dich im Gefolge des Herzogs antreffe.“ Olivia kam auf mich zu.

„My Lady, ich weiß nicht, was ihr von mir wollt.“

„Du hältst nicht das Wort, das du mir gabst. – Ich werde nach dem heiligen Mann schicken, der uns nach Gottes Gesetz verbunden hat.“

„Cesario, was soll das bedeuten?“

Orsino trat zwischen Olivia und mich.

„Ich weiß es nicht mein Herr! Bei meiner Liebe zu euch schwör ich, ich weiß nicht wovon die Lady spricht.“

Mein Herz schlug bis zum Hals, als ich Orsinos verletzten Blick sah.

„Du gabst mir dein Wort als Ehemann!“, stieß Olivia verzweifelt hervor.

„Nein“, rief ich voller Schrecken aus, „niemals!“ Ich packte Orsino am Arm, „Herr ihr wisst, ich bin euch treu ergeben, niemals bin ich euch von der Seite gewichen.“

Olivia klammerte sich an meinen Arm.

„Was sprichst du?“ Ich sah das Entsetzen in Olivias Augen.

„Ich flehe euch an, ich weiß nicht was hier passiert ist, bitte, Herr.“

Ich sah Orsinos Augen und wusste, dass er dachte, ich hätte ihn verraten. Ich wünschte mir, die Erde würde sich auftun, mich zu verschlingen, aber meine Bitte wurde nicht erhört.

„Olivia, ich bin zurück!“

Die Stimme! Diese Stimme! Ich wandte mich um.

„Sebastian“, flüsterte ich.

„Viola! Schwester, du lebst!“

„Ich glaube meinen Augen kaum, zwei mal Cesario“, hörte ich Olivia, „wie kann das sein.“

Ehe ich etwas sagen konnte, schloss mich Sebastian in seine Arme. Tatsächlich, er lebte! Das Schicksal hatte uns getrennt und führte uns hier wieder unter den merkwürdigsten Umständen zusammen. Eine Welle des Glücks durchströmte mich. Plötzlich erinnerte ich mich Orsinos. Ich würde mich erklären müssen. Sanft löste ich mich aus Sebastians Armen.

„Ich liebe dich, liebster Sebastian“, flüsterte ich und dann lief ich davon.

„Viola!“

„Cesario!“

Aber ich hörte nicht, drehte mich nicht um. Ich kannte den Weg an den Klippen entlang sehr gut. Im Schloss würde ich nicht mehr willkommen sein. Ich blieb stehen, riss mir den unsäglichen Bart ab, entledigte mich meiner Uniformjacke und zerrte mir die Bandagen vom Leib, die Cesario aus mir gemacht hatten. Ein wilder Schrei entrang sich meiner Kehle, der in dem Brüllen der Wellen unterging. Ich trat an den Rand der Klippe und betrachte die aufgepeitschte See. Ich schloss die Augen. Orsino liebte Olivia, sie hatte sich in Sebastian verliebt und ich war nicht mehr Cesario. Orsino war immer wie ein offenes Buch für mich gewesen. Er hatte mir vertraut, während ich ihn zum Narren gehalten hatte.  Niemals würde er mich lieben können. Nur ein Schritt fehlte bis zum Abgrund. Ein Schritt und mein krankes Herz würde Ruhe finden. Ich wurde heftig zurück gerissen. Orsino presste mich fest an sich. Sein weicher Mund bedeckte mein Gesicht mit Küssen.

„Tu das nie wieder!“ sagte er rau und zog mich von den Klippen fort. „Wenn du mich verlässt, werde ich an gebrochenem Herzen streben.“

„Liebt ihr mich denn?“

„Ich liebte dich mehr, als du dir vorstellen kannst. Aber deine Verkleidung stürzte meine Seele in Verwirrung. Ich dachte, einen Jüngling zu begehren. – Du sagtest mir vor ein paar Tagen, dein Vater hatte eine Tochter, die so sehr liebte, wie du mich liebtest, wärest du eine Frau. – Nun, jetzt bist du eine Frau, und Gott sei Dank, kann ich nur sagen, denn ich traute meinen Sinnen nicht mehr über den Weg, liebe mich, wie du es mir versprochen hast.“

„Ich muss träumen“, flüsterte ich.

„Nein, mein kleiner Harlekin. Schau mich an und sag, ob ich wirklich bei dir bin oder nicht.“

Ich tat es. Orsino lächelte und es reichte bis in seine schönen Augen. Es war das erste Mal, seit ich ihn kannte.

„Mein Herr…“, begann ich, es gab soviel, dass ich ihm sagen wollte.

Orsino legte mir einen Finger auf die Lippen.

„Sag nichts, sieh mir in die Augen und fühle. Lass mich dich ebenso lieben, wie du mich liebst. Es ist doch wahr?“

„Ja, mein Herr, ich liebe euch, mehr als mein Leben.“

Seine Augen nahmen wieder einen schmerzlichen Ausdruck an.

„Es muss eine Qual für dich gewesen sein, zu tun, worum ich dich gebeten habe und deiner eigenen Liebe Schweigen zu gebieten. Ich bitte dich, mein Engel, vergib mir.“

„Ihr dürft euch nicht grämen, mein Fürst, es gibt nichts, dass ich euch vergeben müsste.“

„Ich werde ein Leben lang Zeit haben, meine Schuld wieder gut zu machen“, er beugte sich herunter und flüsterte in mein Ohr, „ich lege dir alles zu Füßen, was ich bin und habe. Niemals werde ich dich aus meinen Armen und meinem Bette lassen.“

Purpurröte schoss mir in die Wangen. Orsino lachte leise.

„Wie schön dich erröten zu sehen, wenn dir ein Mann sein Herz zu Füßen legt.“

Orsino küsste meine Wangen, meine Augen, meine Lippen. Ein begehrliches, heißes Gefühl durchströmte mich. Ich erwiderte sein Verlangen, als hätte es nie etwas anderes für mich gegeben. Niemals sollte er aufhören solche Empfindungen in mir zu entfachen. Ich wollte ihn lieben, bis ans Ende meiner Zeit.

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