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Posts Tagged ‘Schwan’

„Na du armer Kerl, hast du dich verirrt?“

Janni blickte mitleidig auf den Schwan herunter, der allein in dem großen Brunnenbecken schwamm.

„Nein, wie kommst du darauf?“, erwiderte der Schwan.

Janni schrak zurück. Hatte der Schwan ihm eben tatsächlich geantwortet?

„Was schaust du mich so überrascht an? Meinst du Tiere haben keine Sprache?“

„Doch schon“, stotterte Janni, „aber keine Menschensprache.“

„Na, wie du siehst können wir sie doch.“

Der Schwan streckte seinen langen Hals und schlug einmal mit den Flügeln. Janni kniff sich in den Arm. Es tat weh.

„Du träumst nicht“, lachte der Schwan, „arme Geschöpfe, seid nicht mehr in der Lage an Wunder zu glauben.“

„Redest du deswegen mit mir?“, fragte Janni.

„Teils, Teils. Ich habe etwas verloren und du sollst mir helfen, es wiederzubeschaffen.“

Janni sah den Schwan kopfschüttelnd an.

„Du könntest wenigstens bitte sagen.“

„Ich bin ein Schwanenkönig, ich bitte nicht. Ich befehle. Entweder hilfst du mir oder ich suche mir ein anderes Kind.“

„Ist ja schon gut. Ich helfe dir“, gab Janni nach, „was also soll ich für dich suchen?“

„Meine Krone. Sie ist mir vom Kopf gerutscht, als ich über den Park flog.“

„Das wird schwierig“, sagte Janni und ließ den Blick schweifen, „der Park ist sehr groß und falls er in den See gefallen ist, dann wird es schwer sie wiederzufinden.“

„Es hilft nichts. Irgendwo müssen wir anfangen.“ Der Schwan öffnete seine Flügel, schlug ein paar Mal kräftig und erhob sich aus dem Brunnen und landete neben Janni. „Dann lass uns gehen“, sagte er und watschelte los.

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Der Zug donnert mit ohrenbetäubender Geschwindigkeit über die Gleise. Die Schienen beben, der Felsspat zwischen den Bohlen schleudert nach oben. Ich sehe ihn immer näher kommen, kannt mich nicht rühren. Schweiß steht mir auf der Stirn, mein Herz rast. Ich muss springen. Von den Gleisen weg. Spring! Schreit die Stimme in meinem Kopf. Ich bin gelähmt. Nur noch wenige 100 Meter. Ich höre den Lokführer brüllen, die Bremsen kratzen auf dem Eisen, Funken stieben auf. Ich rieche das Feuer. Schließe die Augen.

Schreiend fahre ich hoch. Der Pyjama klebt auf der Haut. Immer wieder dieser schreckliche Traum. Ich krieche aus dem Bett. Ein kranker Mond scheint durch mein Fenster und wirft Schatten auf meine Decke. Ich schleiche zur Toilette. Vielleicht liegt es am Kaffee. Aber die Kanne war fast voll gewesen und ich hatte nicht wiederstehen können.

Wann hatte ich das schon gekonnt? Wiederstehen? Wollte ich das überhaupt? Das Urteil über mich war sowieso gefällt und was konnte ein zerbrechliches Geschöpf dagegen tun.

Meine Täuschungsabsicht war aufgeflogen und ich hatte Job, Freund und selbst Feind verloren. Ich folgte einem unsichtbaren Muster, dass ein launisches Schicksal für mich gestrickt hatte. Einsam und allein. Man konnte allein sein, ohne einsam zu sein. Ich war gnadenlos einsam und allein. Kein Mensch wagte es sich mir zu nähern oder Partei für mich zu ergreifen. War das mein Urteil für die Ewigkeit? Die Verräterin, die Ausgestoßene zu sein?

Diese nagenden, brennenden Gefühle, die in meinem Bauch aufsteigen sich durch meinen ganzen Körper ziehen und meine Gedanken immer wieder kreisen lassen. Was wäre, wenn ich ihn nie getroffen hätte? Was wäre, wenn ich an diesem Tag meine Mutter besucht hätte? Was wäre, wenn mein Freund bei mir gewesen wäre?

Er hatte mich gesehen, meine Zweifel, meine Sehnsucht, meine Unsicherheit und hatte mich für seine Machenschaften benutzt. Wir tanzten die ganze Nacht. Ich hatte das Gefühl weit fort von allem zu sein. In seinen Armen. Seine Lippen meinen ganz nah. Ich hatte nicht wiederstehen können und er hatte es gewusst.

Die Briefe kamen per Express und noch bevor ich sie öffnete, ahnte ich ihren Inhalt. Der Sturz war lang und er endet noch lange nicht.

Morgen beginnt der Prozess und ich werde ganz vorne stehen. Einsam. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen, die endlich ihr Sommerloch stopfen können. Ich stürze und stürze, solange bis mich die Justiz durch jede Mangel getrieben hat, die ihr zur Verfügung steht und nichts mehr von mir übrig sein wird, als eine leere, hohle Hülle.

Er wird weit fort sein und einen anderen Schwan finden, dem er das Gefieder ausreißen kann. Einem, der ihm nicht wiederstehen kann.

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