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Posts Tagged ‘Spiegel’

Mir wurde das Genre: erotisch und die Worte: Strümpfe, Sommerhitze und Zigarette vorgegeben.

Madelaine

Madelaine lag auf dem schmalen Bett und döste vor sich hin. Außer einem dünnen Hemdchen und zarten Seidenstrümpfen trug sie nichts. Seit Tagen lastete eine drückende Sommerhitze über Paris. Sie sehnte sich nach Erleichterung, aber das erlösende Gewitter kam nicht. Träge fächelte sie mit ihrem schwarzen Spitzenfächer laue Luft zu. Ihre gereizte Stimmung verschlechterte sich zusehends, als sie die Glocken von Notre Dame hörte. Alain wollte nur eine Flasche Wein holen, inzwischen war er  zwei Stunden überfällig.

Ein lauter Knall schreckte Madelaine auf. Irgendwo unter ihr im Haus warf jemand die schweren Holzfensterläden zu. Sie seufzte. – Diese entsetzliche Hitze – sie  verspürte einen lästigen Stich in ihrer Brust – und wir sind wieder nicht auf dem Land. Dabei hat Alain es mir letzes Jahr versprochen! Nächstes Jahr bestimmt, ma Cherie, hat er gesagt. Wie das Jahr davor. – Die Freunde hatten sich längst verabschiedet und es vorgezogen sich Anfang Juni in die Provence, ans Mittelmeer oder an den Atlantik zu begeben. Nur Alain und sie bleiben in Paris. Die engen schrägen Wände unter dem Dach erdrückten sie schier.

Sehnsüchtig dachte sie an das glitzernde Wasser des Atlantiks. Den leichten Wind, der nach Salz und Weite roch. Alain hatte einen Auftrag. Sagte er. Madelaine traute ihm nicht. Wer vergab im Sommer so große Aufträge? – Wenn er nur hiergeblieben ist, weil er –  hastig verscheute sie den bösartigen Gedanken und beruhigte sich, – das sind nur meine angeschlagenen Nerven. Nicht mehr! Alain liebt mich. –

Madelaine rekelte sich und gab ein leises Brummen von sich. Die Träger des Hemdchens glitten von ihren schmalen weißen Schultern und gaben den Ansatz der vollen Brüste frei. Langeweile und fortwährendes Warten zermürbten sie. Madelaine stand auf. – Ich werde Fanny besuchen. Mehr als hier, kann ich mich bei ihr nicht langweilen. Die hat Glück, dass ihr wohlhabender Galan ihre Dienste nicht teilen will. Sonst würde sie immer noch in dem stinkenden Loch bei Madame Camilles wohnen. Manche haben mehr Glück als andere. –

Madelaine versuchte den aufflammenden Neid zu unterdrücken. Sie mochte Fanny nicht. Mehr als einmal schnappte ihr die Jüngere wohlhabende Kunden vor der Nase weg. Eigentlich hatte sie keine großen Ambitionen Fanny zu besuchen, aber sie teilte das Leid der Zurückgebliebenen und Fanny bewohnte eine grandiose Zimmerflucht mit einem märchenhaften Wintergarten, in dem es herrlich kühl war.

An dem kleinen Waschbecken wusch sie sich Gesicht und Arme. Madelaine warf einen kurzen prüfenden Blick in den Spiegel. Trotz ihrer 35 Jahre war ihre Haut glatt. Die dunklen Augen hatten nichts von ihrem Feuer eingebüßt. – Warum sieht er trotzdem anderen Frauen hinterher? Wie es mir dabei geht, schert ihn nicht. Liebe ist eine Hure. – Verbittert spuckte sie ihr Spiegelbild an. – Es gibt genug Männer, die wer weiß was dafür geben würden, mich zu besitzen. –

Mit fahrigen Bewegungen streifte Madelaine sich ein leichtes Kleid über, schlang die langen schwarzen Haare in einem lockeren Knoten zusammen. – Alain liebte meine Haare. Damals. – Die wunde Stelle in ihrem Herzen zog sich schmerzhaft zusammen. – Damals galt sein Blick nur mir. Du bist mein ein und alles, hat er gesagt. Ich werde dich immer lieben. – Madelaine ahnte, dass es eine Lüge war, aber Alains Kuss, seine Hände raubten ihr den Verstand und sie wollte ihm glauben.

Während sie die Treppe hinabstieg, hielt sie immer wieder kurz inne. Vielleicht kam er gerade in diesem Moment nach Hause, aber als Madelaine das Foyer des Hauses betrat, war er nicht zurückgekehrt.
Hitze umspülte Madelaine, als sie die schwere Haustür aufzog und auf die menschenleere Straße trat. Nicht eine Kutsche, die sonst zu Dutzenden die Straße herunter klapperten. – Ich habe einfach kein Glück. – Tränen stiegen ihr in die Augen. – Nun muss ich den Weg zu Fuß gehen.

Plötzlich hörte sie hinter sich das markante Rattern eisenbeschlagener Räder und rhythmisches Hufklappern. Sie drehte sich um. Eine Mietkutsche ohne Gäste. Madelaine schluckte die Tränen herunter und winkte dem Kutscher. Er hielt direkt neben ihr. Sie nickte ihm freundlich zu und erklomm flink die kleinen Einstiegsstufen. Erleichtert ließ sie sich auf den Sitz fallen.

Der junge Kutscher betrachtete sie über seine Schulter hinweg und bedachte sie mit einem neugierigen Blick. Madelaine bemerkte es. Liebenswürdig lächelte sie ihm zu. – Andere Männer sehen mich, nur Alain nicht. – Der Kutscher ließ die Peitsche einmal kurz aufknallen. Sofort zogen die Pferde die Karosse an und verfielen in einen leichten Trapp. Durch den unerwarteten Ruck wurde Madelaine in die abgenutzten Lederpolster gedrückt und stieß einen kleinen Schreckenslaut aus.

„Sie wissen doch nicht wohin ich will“, rief sie ihm zu.

Er antwortete nicht. Blickte stur geradeaus, schwang die Peitsche erneut über die breiten Pferderücken und trieb sie in lebhaftem Tempo weiter. Madelaine fühlte sich hilflos. – Was will er von mir? Ich habe doch gar nichts, das ich ihm geben kann. – Madelaine überlegte hinaus zu springen, fand aber nicht den Mut dazu.

„Lassen sie mich gehen, bitte“, flehte sie ihn an, „ich gebe ihnen alles Geld, das ich besitze.“

Der junge Mann sah sich kurz um, schüttelte nur den Kopf. Dann wendete er sich wieder der Straße zu. Madelaine bemerkte entsetzt, dass sich die Kutsche dem Bois de Boulogne näherte. Ihre Ohnmacht steigerte sich zur Panik. Im Bois gab es viele stille Ecken, bevölkert von allerhand Gesindel. Madelaine befürchtete das Schlimmste.

Der Kutscher schien sich gut auszukennen. Geschickt lenkte er die Karosse von den breiten Spazierwegen in immer engere Pfade. Der Wald wurde dichter, legte sich bald wie ein schützender Kokon um das Gefährt und seine Insassen. Nur vereinzelt fielen dünne Sonnenstrahlen durch die verflochtenen Baumkronen. Die Luft wurde frischer und roch nach Erde und Grün. Plötzlich lenkte der Kutscher die Karosse in eine natürliche Laube aus Ästen. Mit einem Ruck brachte er die Kutsche zum Stehen…

…. Fortsetzung ist in Arbeit – aber nicht Jugendfrei *g*.

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Der Aufzug ist klein. Es passen gerade einmal zwei Personen hinein, und auch nur dann, wenn sie sich hübsch in Reihe und Glied hinstellen. Anna drückt auf die 5. Die Türen schließen sich gemächlich. Er hat Zeit, denkt sie. Es riecht nach trockenem Holz und Muff. Das mag von dem grünen abgetretenen Teppich kommen, mit dem der Lift ausgestattet ist.

Mit einem ächzenden Geräusch setzt sich der Flaschenzug in Bewegung und hievt den kleinen Kasten der letzten Etage des Altbaus entgegen. Anna betrachtet sich in den Spiegeln, die an drei Seiten des Lifts angebracht sind. Sie sollen den Eindruck von Raum erwecken. Es gelingt ihnen nicht. Die kleine Gondel lässt Anna an eine Umkleidekabine oder einen begehbaren Kleiderschrank denken.

Das warme gelbe Licht an der Decke bestäubt Anna mit seiner Patina. Als wäre ich plötzlich so alt, wie der Fahrstuhl, geht es ihr durch den Kopf. Sie beugt sich etwas vor, entdeckt winzige blinde Fleckchen auf der Oberfläche. Sie kneift die Augen etwas zusammen. Zieht eine Grimasse. Jäh zuckt Anna zurück. Was war das! Ein Gesicht. Nicht ihr Gesicht! Erschrocken starrt sie auf den Spiegel. Ihre Hand fasst fest nach dem glatten Handlauf, poliert durch Tausende Hände in Jahrzehnten.

Der Fahrstuhl hält mit einem Rucken. Annas Herz ruckt mit. Die Tür öffnet sich bedächtig. Anna atmet auf. Sie steigt aus. Wirft einen schnellen Blick zurück. Gespiegelt.

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Eine kleine Szene – ca 19.Jahrhundert.

Roxanne warf einen letzten Blick in den Spiegel. Perfekt, dachte sie, Anthony wird heute sein blaues Wunder erleben. Ihr rotes Haar leuchtete im Schein der Kerzen, wie frisch poliertes Kupfer. Das Kleid aus dunkelgrüner Seide harmonierte mit ihren grünen Augen. Der Schnitt im angesagten Empirestil brachte ihre schlanke Figur hervorragend zur Geltung und gewährte einen geheimnisvollen Ausblick auf ihren vollkommenen Busen. Die cremefarbene Perlenstickerei und die Smaragdohrringe taten ihr Übriges, sie wie eine Prinzessin aussehen zu lassen.

Eitelkeit gehörte nicht zu Roxannes hervorstechenden Eigenschaften, aber an diesem Abend musste sie so schön sein, dass es allen den Atem verschlug, besonders Anthony und seinen Brüdern. Es war viele Jahre her, aber Roxanne hatte die Hänseleien und Demütigungen nicht vergessen, die sie von ihnen erdulden musste.

„Aber die Zeiten ändern sich. Jetzt wirst du sehen, wer zuletzt lacht.“

Roxanne streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus. Dann setzte sie wieder ein unschuldiges Lächeln auf und verließ ihr Zimmer. Sara wartete sicher schon auf sie.

***

Der Zusammenstoß kam unerwartet. Roxanne flog der Fächer im hohen Bogen aus der Hand.

„Verzeihung, Mylady“, der Mann bückte sich nach ihrem Fächer, „ich ahnte nicht, dass ich nicht der einzige Gast bin, der zu spät auf dem Ball erscheint.“

Er machte eine leichte Verbeugung, als er ihr den Fächer überreichte. In seinen dunklen Augen blitzte der Schalk auf, als er sagte:

„Darf ich mich vorstellen? Simon Hastings, Lord of Calvedon. Und wer seid ihr?”

„Roxanne Harris, eine gute Freundin von Sara.“

„Es freut mich außerordentlich, dass ich schon jetzt die Ehre habe, die schönste Frau des Abends zutreffen, das erspart mir eine Menge Arbeit und ich kann mich sofort in eure Tanzkarte eintragen.“

Roxanne konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

„Sir, ich kenne euch. Nicht von Angesicht, aber aus den Gazetten. Ihr seid ein Herzensbrecher. Sagt man.“

Sie gingen den Flur entlang. Simon musterte sie unauffällig. Was für ein außergewöhnliches Mädchen, dachte er, und diese Augen.

„Ihr müsst nicht alles glauben, was in der Zeitung steht“, Simon schmunzelte, „leider habe ich über euch noch nichts gelesen.“

„Ich hoffe, dass es nie passieren wird.“

Roxanne blieb an der Treppe stehen und legte ihre schmale Hand auf Simons Arm. Diese kleine Vertraulichkeit gefiel ihm.

„Mylord, darf ich euch um einen Gefallen bitten?“

In Roxannes unergründlichen Augen glitzerte der Schalk.

„Wenn es in meiner Macht steht, tue ich alles für euch.“

„Nicht so voreilig. Ihr müsstet nämlich bereit sein, eurem Freund Anthony einen Streich zu spielen.“

Erstaunt zog Simon die Brauen hoch. Nicht nur rätselhafte Augen, sondern auch Geheimnisse, es wurde immer interessanter.

„Verfügt über mich“, sagte er galant.

„Gut“, Roxanne lächelte, „eigentlich müsst ihr nichts Besonderes tun. Nur das, was ihr immer tut, wenn ihr euch um eine Dame bemüht.“

„Das dürfte mir bei euch nicht schwerfallen“, Simon lachte.

Dieses Feen-Mädchen hatte scheinbar keine Ahnung, was alles dazugehörte, wenn er sich um eine Dame bemühte oder besser, was die Damen von ihm erwarteten. Simons Blick glitt über ihre nackten Schultern, das zarte Dekolleté und die zierlichen Hände, in denen sie den Fächer hielt.

„Allerdings könnte ich dabei ernsthaft in Gefahr geraten getötet zu werden. Lord Brighterton ist ein guter Schütze und sehr leicht erregbar. In welchem Verhältnis steht ihr zu ihm? Seid ihr seine Verlobte?“, fragte er und dachte, bitte sag Nein.

Roxanne lachte schallend.

„Oh, Mylord, Anthony würde mich niemals zur Braut wählen. Seht mich an.“

Simon fiel ein Stein vom Herzen. Er war frei, sich um Roxanne zu bemühen.

„Ich sehe euch an, und obwohl ich mich für intelligent halte, verstehe ich sie nicht so ganz? Wieso könntet ihr nie seine Braut sein?“

„Weil ich ein rothaariger, dicker, sommersprossiger Mops bin. Eine von Anthonys netteren Bezeichnungen für mich.“

Simon schüttelte den Kopf.

„Was immer ihr sein mögt, aber diese Bezeichnung betrachte ich als persönlichen Affront. Soll ich ihn fordern?“

Roxanne forschte in Simons Gesicht nach dem Wahrheitsgehalt dieser Aussage und war froh ein listiges Funkeln in ihnen zu sehen.

„Nun, Mylady, dann wollen wir Sir Anthony einen Denkzettel verpassen.“

Simon reichte ihr den Arm und Roxanne nahm dankbar an. Sie war froh Anthony nicht allein gegenübertreten zu müssen, denn es stimmte, er hatte ein aufbrausendes Temperament. Auch wenn sie keine Kinder mehr waren und er ihr vor der versammelten Gesellschaft keine Szene machen würde, genoss Roxanne Simons bedingungslosen Schutz.

***

Als Roxanne und Simon den blauen Salon betraten, in dem sich die Hausgäste vor dem Ball trafen, um einen kleinen Imbiss zu nehmen, hörte sie gerade noch, wie Anthony zu Sara sagte:

„Oh bitte, doch nicht diesen dicken, sommersprossigen Mops!“

Seine Brüder lachten und Sara machte ein unglückliches Gesicht.

„Aber Anthony, ich muss dich doch sehr bitten! Roxanne ist Mamas Patenkind“, tadelte sie ihren Bruder.

„Immer noch die Liebenswürdigkeit in Person, lieber Anthony“, sagte Roxanne mit ausgesuchter Höflichkeit hinter ihm, „wie ich höre, lässt dein Sarkasmus nichts zu wünschen übrig.“

Schlagartig war es totenstill im Raum. Alle Augen richteten sich auf die schöne junge Frau an Lord Calvedons Arm. Anthony, Ben und Collin drehten sich zu Roxanne um und Sara zwinkerte Roxanne verschwörerisch zu.

„Roxi?“, flüsterte Anthony fassungslos.

„Für dich Roxanne“, erwiderte sie und hielt seinem entgeisterten Blick stand. „du darfst wieder zu dir kommen, wenn du genug gegafft hast.“

„Du bist kaum wieder zuerkennen“, stellte Collin bewundernd fest.

„Danke, mein Lieber“, Roxanne lächelte sanft, als würde sie mit einem kranken Kind reden, „ihr habt euch nicht sehr verändert.“

„Ach Sara, Liebste, sieh wen ich getroffen habe“, Roxanne warf ihrer Freundin einen konspirativen Blick zu, „Lord Calvedon.“

Simon schob sich ins Blickfeld seines Freundes und erntete einen düsteren Blick.

„Fühlst du dich nicht wohl, Anthony“, fragte er besorgt und versuchte ein Grinsen zu unterdrücken.

„Doch mir geht es sehr gut“, knurrte Anthony und fuhr sichtlich beunruhigt durch sein helles dichtes Haar, „wie ich sehe, amüsierst du dich hervorragend.“

„Oh, das tue ich doch immer bei euren Festen. Aber heute Abend besonders.“

Simon neigte den Kopf in Roxannes Richtung, was sie mit einem liebenswürdigen Lächeln quittierte. Anthony spürte einen bösartigen Stich in seinem Herzen. Es durfte unmöglich sein, dass dieses schöne Geschöpf Simon gehören sollte.

„Vergiss nicht, sie ist Gast in meinem Haus und Patenkind meiner Mutter.“

Jeder Muskel in Anthonys Körper war angespannt. Die beiden Männer maßen sich mit durchdringenden Blicken.

„Wie könnte ich das vergessen, Anthony“, erwiderte Simon spöttisch. „Mylady, würdet ihr mich zum Tanz begleiten?“

Roxanne knickste leicht.

„Sehr gerne, Mylord“, und leiser, sodass nur er es hören konnte, „ich las ihr seid ein begnadeter Tänzer.“

Simon lachte herzlich. Anthony sah den beiden unsicher hinterher und ballte die Fäuste. Bei schönen Frauen traute er Simon nicht über den Weg, Anthony kannte ihn einfach zu gut, als dass er ihm bei Roxanne ehrbare Ziele zutraute.

„Da habt ihr tatsächlich die Wahrheit gelesen.“

Roxanne ging an seiner Seite in den Ballsaal. Alles war so passiert, wie sie es sich vorgestellt hatte. Anthony hatte es die Sprache verschlagen, und sie ging mit einem der begehrtesten Männer zum Tanz. Rache ist eben doch süß, dachte sie, und gab sich der Illusion hin, dass sie Anthony eine Lektion erteilt hätte.

***

Simon betrachtete das ätherische Geschöpf an seiner Seite und konnte sein Glück kaum fassen. Was für ein unglaublicher Zufall, dass ausgerechnet er Roxanne begegnet war. Er konnte es an den Gesichtern der Anwesenden ablesen. Die Frauen tuschelten neidvoll mit ihren Bekannten und Freundinnen, während jeder Mann wünschte, an Simons Stelle zu sein. Als das Orchester die ersten Töne spielte, legte Roxanne ihre zierliche Hand in seine und er führte sie auf die Tanzfläche.
Simon hatte nicht zu viel versprochen und die Zeitungen hatten nicht untertrieben, er war ein fantastischer Tänzer.

Roxanne hatte das Gefühl auf Wolken zu schweben. Bis jetzt gab es keinen Mann, der sie gleichzeitig so sanft und doch so bestimmt führte. Einzig die Tatsache, dass Simon den Blick keine Sekunden von ihr wendete, machte sie stutzig.

„Mylord, ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte sie unsicher.

„Nein, wieso?“

„Weil ihr mich so aufmerksam betrachtet.“

Über Simons markantes Gesicht huschte ein Lächeln. Er zog sie etwas näher heran und beugte sich zu ihr hinunter.

„Ihr seid die schönste Frau des Abends, Roxanne, und ich habe die Ehre mit euch zu tanzen. Es wäre eine Schande, wenn ich euch nicht die gebührende Aufmerksamkeit schenkte.“

„Sir, ihr scherzt. Bitte macht euch nicht lustig über mich.“

Simon wurde ernst.

„Niemals würde ich darüber Scherze machen. Habt ihr denn die Blicke der anderen Männer, einschließlich Anthonys und seiner Brüder, nicht bemerkt. Ich bin der meist beneidete Mann des Abends.“

„Nein, habe ich nicht.“

Roxanne riskierte vorsichtige Blicke.

„Um so besser“, Simon strahlte, „ich bin nicht bereit meine privilegierte Stellung an eurer Seite kampflos aufzugeben.“

„Oh, das müsst ihr nicht Sir. Ich genieße es mit euch zu tanzen.“

„Das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Allerdings sieht das Anthony nicht sehr wohlwollend. Sein Gesicht gleicht dem eines Kriegers, der nur darauf wartet das sein Gegner ihm seine schwache Stelle präsentiert.“

„Ihr habt nichts zu befürchten. Anthony kann mich nicht leiden. Für ihn bin ich nur eine nervtötende hässliche kleine Kröte.“

Simon schüttelte den Kopf. So mochte es einmal gewesen sein. Er hatte Anthonys Blick gesehen, als sie an ihm vorbei tanzten. Dieses Mädchen war ein Juwel, nur wusste sie nichts davon, oder falls sie es wusste, bedeutete es ihr nichts, was sie um so liebenswerter machte. Er wäre jedenfalls der Letzte, der ihr sagen würde, dass Anthony für sie entflammt war, auch wenn er es vielleicht selbst noch nicht wusste.

Tatsächlich stand Anthony wie erstarrt am Rand der Tanzfläche. Sara lächelte. So hatte sie ihren großen Bruder noch nie erlebt. Er ließ Roxanne keinen Moment aus den Augen. Anthony konnte es einfach nicht fassen, aus dem hässlichen Entlein war ein Pfau geworden. Trotz ihres teuren Kleides und es kostbaren Schmucks wirkte sie natürlich. Als er sah, wie frei und offen sie Simon anlächelte und mit ihm sprach, spürte er ein heißes Gefühl von Eifersucht in sich aufflammen. Er deklarierte es als Verantwortungsgefühl, weil er sich für seine Eifersucht schämte. Immerhin hatte er Roxanne früher oft und bösartig gehänselt, bis sie in Tränen ausbrach, und seine Brüder mit hinein gezogen. Das kam ihm jetzt völlig unpassend und irreal vor. Aber es ließ sich nicht rückgängig machen. Die Frage war, ob Roxanne ihm verzeihen konnte.

Die riesigen Kristalllüster strahlten im Schein der vielen Kerzen und brachen sich in den Spiegeln, die an einer Wand angebracht waren, um den Raum größer erscheinen zu lassen. Die Paare drehten auf dem Parkett ihre Runden und inmitten all der Herrlichkeit schwebte Roxanne in Simons Armen leicht wie eine Feder. Nichts erinnerte an die pausbäckige, linkische, unscheinbare Roxanne von damals.

„Sie ist unglaublich.“

„Wer?“, Collin wandte sich seinem Bruder zu.

Anthony gab keine Antwort. Er war sich nicht einmal bewusst, dass er es laut aussprach. Roxanne schlug ihn völlig in ihren Bann und er war nicht der Einzige.

„Wer ist denn nun unglaublich?“

Collins stupste seinen Bruder in die Seite.

„Roxanne“, murmelte der.

„Da erzählst du nichts Neues. Jeder heiratsfähige Mann schaut sie an, und die anderen ebenfalls. Ich wette ihre Tanzkarte ist voll bis obenhin.“

Anthony wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Roxannes Anblick verhinderte, dass er vernünftig nachdenken konnte. Nur der Gedanke, dass er der Einzige war, der sie besitzen durfte, raste wie ein Sturm durch seinen Kopf und verhinderte, dass er angemessen reagierte.

***

Der Tanz war vorbei, und als das nächste Musikstück einsetzte, bemerkte Anthony, dass Simon mit Roxanne am Arm auf die großen Flügeltüren des Ballsaals zusteuerte. Bevor die beiden auf die Terrasse treten konnten, hatte Anthony sich vor Simon aufgebaut.

„Wohin wollt ihr?“, seine Stimme hatte einen drohenden Unterton.

„Etwas frische Luft schnappen“, erwiderte Roxanne, bevor Simon antworten konnte, „kommt, Mylord.“

„Das solltest du dir zweimal überlegen“, warnte Anthony, „er ist als Schürzenjäger verpönt. Das würde deinem Ruf sehr schaden.“

Roxanne richtete sich zu voller Größe auf. Trotzdem musste sie zu Anthony aufblicken. Ihre Blicke prallten aufeinander. Sie verstärkte den Druck auf Simons Arm. Trotzig reckte sie ihm das Kinn entgegen und antwortete kühl:

„Ich weiß ja nicht, wer dich zu meinem Vormund bestellt hat? Aber soviel sei gesagt: Dein Name, mein lieber Anthony, wird in den Zeitungen nicht weniger mit Damen zweifelhafter Reputation genannt, als der von Lord Calvedon.“

„Touché“, sagte Simon und grinste.

Anthony schnappte nach Luft. Roxanne hatte tatsächlich die Verve ihm die Stirn zu bieten.

„Du bist das Patenkind meiner Mutter. Als Hausherr und Oberhaupt der Familie habe ich die Pflicht, deinen Ruf zu schützen.“

Roxanne lachte hell auf.

„Du!? Ich staune, dass ausgerechnet du, dies anführst. Du bist immerhin der Mensch, der sich die übelsten Schimpfnamen für mich ausgedacht und sie der Öffentlichkeit verkündet hat. Wenn jemand meinen Ruf ruiniert hat, dann doch wohl du! Wenn ich mir meinen Ruf noch mal ruiniere, dann suche ich mir den Mann selbst aus, der sich dieser Ehre rühmen darf.“

Roxannes grüne Augen sprühten Funken. Ihre Blicke maßen sich mit Anthonys. Sara bekam Angst, dass sich die beiden an die Gurgel gehen könnten. Anthony hatte die Hände zu Fäusten geballt. Es kostete ihn Mühe genug Selbstbeherrschung aufzubringen, Simon nicht zu schlagen, der sich das Lachen nicht verkneifen konnte.
Simon hatte noch nie eine Frau gesehen, die Anthony widerstand, geschweige denn so entschieden die Meinung sagte. Collin und Ben beobachteten den Disput aufmerksam und rechneten sich bessere Chancen bei Roxanne aus, je schlechter Anthony da stand. Da dieser sich keinen Schritt von der Tür weg bewegte, wandte sich Roxanne an Simon.

„Sir, seid so gut und schädigt meinen angeschlagenen Ruf mit einem weiteren Tanz, bevor Lord Brighterton eine Prügelei anzettelt und ich mich noch mehr vergesse. Das ist es nicht wert.“

Anthony schluckte. Roxanne zahlte ihm seine Jugendsünden heim.

„Nichts lieber als das, Mylady.“

Simon machte eine leichte Verbeugung und ohne Anthony eines weiteren Blickes zu würdigen, folgte sie Simon zurück auf die Tanzfläche.

Ein bisschen Herz, Schmerz, Liebesgeplänkel fürs Wochenende 🙂 .

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„Ich habe Angst.“

Anna läuft nervös auf und ab.

„Es wird bestimmt nichts schlimmes passieren“, versuche ich sie zu beruhigen, obwohl ich selbst nicht besonders zuversichtlich bin.

„Ich kenne ihn doch gar nicht“, jammert Anna, „er ist so Furcht einflößend, findest du nicht?“

„Aber du hast ihn doch noch gar nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen. Liebste Anna, du solltest nicht so viel auf Gerüchte geben.“

Ich lege ihr den Arm tröstend um die Schulter. Mir ist der Earl of Essex einmal durch Zufall begegnet. Damals lebte mein Vater noch. Mein Herz zitterte, als er seinen dunklen Blick in meine Augen bohrte. Allerdings nicht aus Angst, sondern vor Erregung. Der Earl of Essex ist einer der interessantesten Männer, die ich je getroffen habe.

„Warum er ausgerechnet mich treffen will?“, grübelt Anna.

„Weil dein Vater eine berühmte Pferdezucht hat?“, erwidere ich und lache. Sie sieht mich verblüfft an, „oder weil er von deiner Schönheit gehört hat“, fahre ich diplomatischer fort.

„Leandra, bitte! Deine Scherze machen es nicht besser.“

„Nun Geld kann es jedenfalls nicht sein. Davon hat er selbst genug. Ein richtiger Krösus.“

Anna hört mir kaum noch zu. Sie steht vor dem großen goldgerahmten Ankleidespiegel und prüft zum hundertsten Mal ihre Kleidung und die Frisur. Mein Onkel macht sich außerordentliche Hoffnungen, den Earl für seine einzige Tochter begeistern zu können. Sie sind von sehr altem Adel und besitzen ausgedehnte Ländereien, aber es fehlt an Barvermögen.

Ich nehme an, dass jede Familie des Landes, die eine heiratsfähige Tochter in ihrem Haus beherbergt, darauf aus ist den Earl als Schwiegersohn zu gewinnen. Während die Eltern darüber nachdenken, wie sie ihn in ihre Klauen bekommen können, versuchen die Töchter der Angst vor seinem dunklen strengen Wesen und der Faszination seines guten Aussehens eine positive Seite abzugewinnen. Immerhin gilt er als schwer zu erlegende Beute. Bis jetzt hat sich der Earl jedem Abschussversuch elegant entzogen, um bei der Jagd zu bleiben. Er ist seinen Häschern immer wieder durch die gierigen Finger geschlüpft.

Das nötigt mir Respekt ab. Ein Mann mit ehernen Prinzipien. Welche das genau sind, weiß ich nicht, aber ich habe da so meine Theorien. Er muss schließlich nicht die erst beste Frau heiraten, sondern kann getrost auf die Frau warten, die er wirklich will.

Nicht so wie ich. Mein Onkel hat mir diesen tölpeligen Landjunker als Bräutigam zugedacht. Eine unglückselige Mischung aus Bauernlümmel und Landedelmann, mit gefährlichem Halbwissen und ungepflegtem Äußeren. Nicht dass ich etwas gegen Landjunker habe, aber dieser Mister Masden ist eine echte Katastrophe. Bis jetzt habe ich mich einer Verlobung erfolgreich widersetzt, aber wenn Anna tatsächlich heiratet, wird Onkel Walter nicht zögern, mich unter die Haube zu bringen.

Mister Masden langweilt mich damit wie gut seine Hühner Eier legen und welche Sau Junge wirft. Wie gerne hätte ich einen Mann, von dem ich lernen, mit dem ich über Literatur, Geschichte und andere interessante Dinge sprechen kann. Ein Mann, der gerne reist und gebildet ist, ohne damit anzugeben. Verträumt sehe ich aus dem Fenster.

„Was meinst du, kommt er pünktlich?“

Anna steht immer noch vor dem Spiegel und zupft an sich herum. Gegen sie fühle ich mich in meinem schmucklosen Kleid und dem schlichten Zopf, wie eine Küchenmagd. Mein Blick bleibt an einem Punkt hängen, der sich dem Schloss sehr schnell nähert.

„Ja!“, stelle ich lapidar fest, „er reitet gerade die Allee herauf. Und er ist schnell.“

Anna verlässt ihren Spiegelplatz und hält nach dem Earl Ausschau.

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Im Spiegel sehe ich dich – mich
Du und ich sind eins geworden
Verschmolzen zu einem Gesicht

Heute und gestern vereint
Sehe dich – mich
Mit weiseren Augen

Deine Angst, dein Schmerz
Vergangen in den Jahren
Des Lernens und Erkennens

Du wolltest gehen
Ich hielt dich
Fest auf dem Boden

Die Zeit verging
Du wuchst mit dem Leben
Wurdest die ich bin

Der Funke entfachte das Feuer
Der Phönix erhob sich
Aus der Asche der Vergangenheit

Legte die goldene Spur
Den Weg in die Zukunft zu erkennen
Ich bin die du sein wolltest

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Du bist mein Land

Ich deine Flut

Die sehnend dich ummeeret

Du bist der Strand

Dazu mein Blut

Ohn`Ende wiederkehret

An dich geschmiegt

Mein Spiegel wiegt

Das Licht der tausend Sterne

Und leise rollt dein Muschelgold

In meine Meergrundferne.

                 

              Christian Morgenstern

Ich kann nicht anders: ich liebe seine Gedichte 🙂 *seufz*

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Mein Leben verlief in recht geordneten Bahnen, bis ich vor drei Tagen eine Tür öffnete und mit einem Mann zusammenstieß, der meine schöne Ordnung völlig durcheinanderbrachte.

Es war die Tür meiner Lieblingsbäckerei, gleich neben dem Haus, in dem ich wohnte. Gerade hatte ich mir einen Kaffee und ein Croissant gekauft, um mir eine gemütliche Schreibstunde an meinem Roman und in der Sonne sitzend zu gönnen.

Ich trug meine Laptoptasche über der Schulter, meinen Becher Cappu in der einen und meinen Teller in der anderen Hand. Der besagte Mann kam mir in dem Moment entgegen. Seine ganze Konzentration war auf sein Handy gerichtet, dass er fest an sein Ohr drückte. Groß und wichtig rechnete er nicht mit Gegenverkehr oder nahm zumindest an, dass dieser prompt ausweichen würde. Mercedes vor Mini.

Also preschte er mit unverminderter Geschwindigkeit an mir vorbei, oder hatte es vor, aber ich, beladen wie ein Maulesel, konnte nicht schnell genug von der Bildfläche verschwinden und stieß mit ihm zusammen.

Es war wie in einem dieser Filme. Ich sah in Slow Motion, wie meine Tasse im Flug Flüssigkeit verspritzend hinunter fiel und konnte, das Geräusch des Zerbrechens hören, noch bevor sie aufschlug. Mein Croissant segelte zwischen die Bistrotischchen auf dem Bürgersteig und was am Schlimmsten war, die Tasche mit dem Laptop rutschte mir von der Schulter. Ich konnte nichts dagegen tun. Nur zusehen. Der dumpfe Aufprall des Computers drang durch meine Gehörgänge in mein Hirn und ließ sofort meine Tränenproduktion in Aktion treten. Mein bestes Stück lag auf kalten Betonfliesen.

Er hatte innegehalten, ohne das Handy vom Ohr zunehmen. Mit der freien Hand schüttelte er ein paar Tropfen Cappu von seinem Designerjackett, als wären es lästige Fliegen. Ich kannte ihn vom Sehen. Er wohnte in dem Haus gegenüber. Im Penthouse. Glas und Stahl vom Feinsten.

„Alles OK“, fragte er, das Handy schien an seinem Kopf angetackert zu sein.

Ich versuchte die aufkommende Hysterie zu unterdrücken. „Kaffee und Croissant kann ich neu kaufen, aber mein Laptop ist meine Existenz!“

Er zog eine Augenbraue hoch, als ob er damit sagen wollte, dass ich nicht so maßlos übertreiben sollte.

„Ich bin Schriftstellerin und arbeite nebenbei als freie Mitarbeiterin bei einer Zeitung“, schob ich nach und ärgerte mich über meinen Versuch mich zu rechtfertigen. Immerhin hatte er mich überrannt.

„Tut mir leid“, endlich nahm er das Handy herunter und steckte es in die Jackentasche. Ich glaubte ihm nicht.

Dann bückte er sich, hob meine Tasche auf und reichte sie mir. Ich öffnete den Reißverschluss und sah hinein. Natürlich gab es nichts zu sehen. Wenn mein Laptop etwas abbekommen hatte, dann würde sich das erst zeigen, wenn ich es in Betrieb nahm.

„Alles OK?“, fragte er.

Ich zuckte mit den Schultern.

„Woher soll ich das wissen? Ich habe noch keinen Röntgenblick.“

Es sollte witzig klingen, hörte sich aber nicht so an.

„Dann sollten sie meinen Techniker mal einen Blick darauf werfen lassen.“

Ich sah mich suchend um.

„Und wo haben sie den versteckt? In ihrem Handy vielleicht?“

Unsere Blicke trafen sich und die Kälte, die ich auffing, ließ mich in der Sonne frösteln.

„Wenn sie meine Hilfe nicht wollen – noch einen schönen Tag.“

Er drehte sich um und ging. Völlig perplex sah ich ihm nach. War das wirklich passiert oder gehörte das zu dem Film von vorhin? Ohne sich umzudrehen, ging er über die Straße. Ich eilte hinter ihm her. So leicht würde er nicht davon kommen. Er betrat das Foyer seines Wohnhauses. Kurz bevor die schwere Haustür zu schlug, schlüpfte ich durch den Spalt. Der Portier sah mich mit prüfendem Blick an. Bevor er Fragen stellen konnte, deutete ich auf die Aufzüge, zeigte ein entschuldigendes Lächeln und log, ohne rot zu werden:

„Ich bin seine neue Privatsekretärin. Er hat es mal wieder ganz besonders eilig. Aber sie kennen das ja bestimmt.“

Ein winziges Zögern, dann winkte er mich durch. Er schien großen Respekt vor Mister X zu haben. Bestimmt hatte er sich schon den ein oder anderen Tadel eingefahren.

Die Lifttüren schwebten geräuschlos auf und ich trat ein. Mein Bild wurde von der Rundumverspiegelung mehrfach wiedergegeben und ich beschloss auf dem Rückweg die Treppe zu nehmen. Mich so deutlich ausgeleuchtet von allen Seiten zu sehen, war nicht gut für mein Selbstwertgefühl. Daran änderte das sanfte Gedudel der Fahrstuhlmusik auch nichts.

 

Dieser Text entstand aus den Anfangsworten, die dick gedruckt sind 🙂 . Da mich zur Zeit ein eingeklemmter Nerv ärgert, ist die Geschichte leider noch nicht fertig geworden, aber wer Lust hat, darf nach den Anfangsworten gerne seine eigene Story schreiben.

 

 

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Wieso war Raoul ausgestiegen, obwohl ich ganz deutlich spürte, dass er sich zu mir hingezogen fühlte? Angst vor Verletzungen? Lieber gleich alles aufgeben, bevor auch nur die geringste Möglichkeit bestehen könnte, sich eine Wunde zu zuziehen? – Das sind mir zu viele wenn’s und aber`s. Wunden. Wie viele Wunden kann ich mir zuziehen, bevor ich rettungslos verloren bin? Wie viel kann ein Mensch ertragen, bis die Seele sich so sehr verdunkelt, dass sie keinen Ausweg mehr sehen kann? Meine Reise erscheint mir sinnlos. Wohin soll ich gehen, wenn ich Raoul nicht mehr finden kann? Es wird keinen Ort geben, an dem ich ohne ihn sein möchte. Ich will gar nichts mehr. Ich habe keine Lust in den Büchern zu lesen, keine Lust zu denken, und wenn ich an Schokolade denke, dann wird mir plötzlich übel. Die Sache mit Justin hat mich mehr mitgenommen, als ich dachte. Ich will lieben und kann es nicht, weil ich nicht frei bin. In meinen eigenen Gefühlen verstrickt bis zum Ersticken.

Es geht ein leichtes Rucken durch den Zug. Ich blicke aus dem Fenster. Auf dem Bahnhofsschild steht: Lands End. Genau der richtige Ort um auszusteigen. Ende des Landes, Ende der Hoffnung. Ich nehme mein Gepäck und verlasse den Zug. Ein Pfiff und die Lok setzt sich in Bewegung. Ganz allein stehe ich hier. Kein aufgeregter Bahnhofsvorsteher, keine Fahrgäste, die warten oder ausgestiegen sind, außer mir. Aber was habe ich auch erwartet? Einen großen Bahnhof jedenfalls nicht. Ich setze mich auf die schäbige Bank auf dem Bahnsteig und starre auf die Gleise. Ich bin kraftlos, am liebsten würde ich mich auf die Gleise werfen und auf einen Zug warten, der mich erlöst. Gleichzeitig schießt mir ein absurder Gedanke durch den Kopf: was wenn gar kein Zug mehr kommt? Dann werde ich auf den Gleisen verhungern und verdursten. Ich entschließe mich dazu, auf eine Art zu reisen, die ich lange nicht mehr ausgeübt habe. Auf Schusters Rappen, heißt das glaube ich.

Ich erhebe ich mich, schultere meinen Rucksack und verlasse das Bahnhofsgebäude, dass diese Bezeichnung keineswegs verdient hat. Es ist nur eine gemauerte Attrappe, mehr nicht. Vor dem Bahnhof ist nichts. Lands End. Zumindest diese Bezeichnung passt hervorragend. Einzig eine staubige Straße, die wie ein unendliches Band vor mir liegt, und am Ende meines Blickes auf den Horizont trifft ist zu sehen. Mich wundert allerdings, dass sie von hier fortführt. Ich habe schon befürchtet, dass man nur an diesen Ort gelangen, ihn aber nicht mehr verlassen kann. Es muss Nachmittag sein, denn der Glast lag in seinem ganzen Schimmer über der kargen Ebene.

Ich las dieses Wort an einem fernen Tag und seitdem hat es sich in meinem Gedächtnis niedergelassen, ohne es wieder verlassen zu wollen. Ich habe dieses besondere Licht schon lange nicht mehr gesehen. Dazu waren Züge zu schnell. In dem Wort Glast verbirgt sich dieses ganz besondere Licht, das sonst nur Dichter benutzen, weil es für die triviale Prosa zu Aufsehen erregend ist.

Während ich meinen ersten Schritt auf die Straße setze, erfasse ich den Glast mit allen Sinnen. Ich rieche die Wärme, die der Sand gespeichert hat, und höre das Zirpen der Grillen, die sich kaum bändigen können vor Überschwang. Und über dem Land liegt dieser eigentümliche Glanz, ein Flirren in der Mittagshitze. Am schönsten ist es, wenn der Glast über einem Gewässer zu sehen ist. Ein mattes Gleißen und Schimmern. Wenn eine leichte Brise über das Wasser streicht, verwandelt der Glast die durchsichtige Flüssigkeit in ein funkelndes Meer aus Silber. Immer weiter tragen mich meine Füße. Und in Gedanken höre ich die Worte die Bilbo zu Frodo sagte:

„Es ist gefährlich, Frodo aus der Tür zu treten und seine Füße auf die Straße zu setzen, denn man weiß nie, wo sie einen hinführt.“

Aber er sagte auch:

„Die Straße gleitet fort und fort, weg von der Tür, wo sie begann. Weit über Land, von Ort zu Ort, ich folge ihr so gut ich kann.“

Ich möchte mir nicht anmaßen, den Hobbits Konkurrenz zu machen, aber ich werde der Straße folgen und sehen, wohin sie mich bringt. Ich werde sehen, ob ich mich in einem gekrümmten Raum befinde oder ob die Straße gerade vor mir herlaufen wird. Allerdings habe ich das Gefühl mich in einer verbogenen Zeit zu befinden. Ich rase in einer Schleife durch die Zeiten und komme niemals an. Aber vielleicht kann mich das archaische Ritual des Wanderns aus der Schleife befreien.

Ich bin schon eine ganze Weile unterwegs. Wie lange kann ich nicht sagen, unter diesem strahlenden Himmel und in der Weite, lässt sich dass nicht einschätzen. Da sehe ich vor mir eine Baumgruppe. Das ist ein schöner Platz zum Ausruhen. Ich wandere darauf zu und bin erfreut, als ich sehe, dass die Bäume an einem See stehen.

Das Wasser ist glatt wie ein Spiegel. Ich stelle mein Gepäck ab, entkleide mich ohne Scheu, hier in dieser Einöde wird mir niemand begegnen, da bin ich sicher, dann prüfe ich die Wassertemperatur. Mit einem Satz springe ich ins erfrischende Nass. Mit langen Zügen durchmesse ich den See. Lange habe ich mich nicht mehr so wohl und entspannt gefühlt. Das Schweben auf dem Wasser, die Leichtigkeit, das kühle Wasser, dass meine erhitze Haut umschmeichelt, versetzt mich in einen tranceartigen Zustand. Das Wasser umschließt mich wie ein Kokon. Die Vorstellung ich könnte mich einspinnen, schlafen bis meine Verwandlung abgeschlossen ist, und dann als ein schöner Schmetterling aus meiner Zelle schlüpfen, gefällt mir.

Entgegen den Meinungen der Männer, die mir viele Komplimente gemacht haben, finde ich mich nicht besonders schön. Ich mag meine roten Locken und meine Augen, aber mein Mund ist zu klein und die Sommersprossen auf der Nase, na ja. Meine Leidenschaft für Schokolade lässt meinen Körper nicht eben wie den einer Gazelle erscheinen. Ich bin nicht dick, aber meine Rundungen sind eher barock zu nennen. Gut proportioniert, fest und glatt, aber mit einem Hauch Rubens. Ich steige aus dem See und betrachte mein Spiegelbild. Mir gefällt, was ich sehe. Meine Silhouette ergibt ein ausgewogenes Bild und meine weiße Haut schimmert im Wasser.

Plötzlich gerät das Wasser in Bewegung. Hastig weiche ich zurück und fixiere den Wasserspiegel. Vor meinen Augen öffnet sich ein Strudel. Wie gebannt stehe ich da und kann mich nicht abwenden. Immer stärker rauscht das Wasser, dann durchbricht ein Mann die Oberfläche und nähert sich dem Ufer. Über seinen muskulösen Körper läuft das Wasser und zwei strahlend blaue Augen sehen mich mit begehrlichem Blick an. In seinem blonden Schopf und seinem Bart hängen glitzernde Tropfen. Am meisten irritiert mich allerdings der Dreizack in seiner Hand. Seine Augen haben eine hypnotische Wirkung. Langsam gehe ich auf ihn zu. Je näher ich dem Wasser komme, je stärker wird seine Anziehung auf mich. Ich sehe nur noch seine Augen, blau wie der Himmel, der sich in seinem See spiegelt. Aber hinter diesem Blau erkenne ich eine unendliche Tiefe, die des Meeres. Er spricht kein Wort und doch höre ich seine Stimme, die mich umschmeichelt, ein leichtes Säuseln, das mich schwindlig macht. Kurz bevor meine Füße wieder das Wasser berühren, höre ich eine aufgeregte helle Stimme hinter mir:

„Nein! Nicht weiter gehen! Sonst sind sie verloren.“

Aufgeschreckt aus meiner Trance weiche ich zurück. Eine kleine Hand packt meinen Arm und reißt mich vom Ufer weg.

„Ihr dürft das Wasser nicht berühren, sonst gewinnt Poseidon Macht über euch und ihr kehrt nie wieder zurück.“

Neben mir steht ein Junge, nicht älter als zehn Jahre.

Verwirrt sehe ich von ihm zu dem Mann im Wasser. Poseidon. Ich würde mich wundern, wenn ich auf meiner Reise nicht schon soviel außergewöhnliche Dinge gesehen hätte. Poseidons Blick sprüht Funken. Er scheint sehr wütend darüber zu sein, dass sein Fangversuch schief gegangen ist. Ich höre ein wildes Rauschen und Stürmen. Blitzschnell taucht er ab und eine gewaltige Woge überrollt ihn und überspült den Strand bis zu meinen Füße. Knöcheltief stehe ich in der Flut. Der Junge zerrt an mir.

„Komm, komm weg aus dem Wasser“, schreit er aufgeregt, „das ist sein Element. Es wird dich in die Tiefe ziehen!“

Noch ehe ich reagieren kann, reißt es mich von den Füßen. Das Wasser besteht plötzlich aus Händen, die mich packen und immer weiter zum See zerren. Ich wehre mich aller Kraft, aber gegen diese geballte Macht kann ich bestehen. Da ertönt eine laute gebieterische Stimme. Sie spricht in einer fremden Sprache. Ich kann die Worte nicht verstehen, aber ich spüre ihre große Macht. Immer lauter hallt die Stimme über den See. Von Sekunde zu Sekunde lässt das Zerren an mir nach, bis das Wasser völlig zurückgegangen ist. Der Junge steht auf einem großen Stein, beide Arme ausgebreitet und die Augen geschlossen. Er hat diese Stimme hervor gerufen und Poseidon zurück in sein Reich gedrängt.

„Komm, wir müssen weg von hier. Ich kann Poseidon eine Weile aufhalten, aber jetzt wo er dich gesehen hat, wird er wieder kommen.“

Schnell ziehe ich mich an und folge dem Jungen zurück zur Straße. Er trägt einen hübschen Anzug aus blauer Seide, mit Troddeln und silbernen Tressen, dazu schwarze glänzend polierte Stiefel.

„Danke für deine Hilfe. Wie heißt du?“, frage ich ihn.

„Isidor Lilienstein“, sagt er und lächelt, „und du bist Noelle, nicht wahr.“

„Ja. Woher weißt du das?“

„Nun, ich kenne die Orte sehr gut, wo sich die Elfen und ihr Gefolge treffen.“

„Dann kennst du also Puck, wenn ich richtig liege?“

Isidor lacht.

„Genau. Und er hat mir von dir erzählt.“

Ich stimme in sein Lachen ein.

„Warum wundert mich das nicht?“

„Weil du ein kluges Mädchen bist.“

„Sag mir“, frage ich ihn, „bist du ein Zauberer?“

Er macht eine unbestimmte Handbewegung.

„Nicht so ganz. Man nennt so etwas wie mich Elementare. Wir beherrschen die Elemente: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Ich bin noch ein Schüler und beherrsche immer nur eins auf einmal. Aber die Meister können mit allen vier jonglieren, als wären sie nichts.“

„Das hört sich sehr spannend an“, stelle ich fest.

„Ist es auch, glaub mir.“

Isidors helle Augen strahlen mich begeistert an. Sein hübsches Gesicht wird von einer Stupsnase mit Sommersprossen dominiert, eingerahmt von schwarzen Locken, die beim Lachen auf und ab wippen.

„Würdest du gerne meinen Meister kennenlernen?“

„Warum nicht?“, sage ich möglichst emotionslos.

Immerhin kann man nie wissen, was sich hinter diesem harmlosen Meister verbirgt. Wenn aus einem hübschen kleinen  See Poseidon persönlich steigt und mich in die Tiefe des Ozeans reißen will, wer weiß, was dann mit einem Mann los ist, der mit vier Elementen gleichzeitig um sich wirft.

„Toll. Er wird sich freuen dich zu sehen“, Isidor hüpft fröhlich neben mir her, „es ist nicht mehr weit.“

Ich halte Ausschau nach irgendetwas, dass wie eine Behausung aussieht. Ein Zelt oder eine Höhle. Vielleicht auch nur ein Lagerfeuer, aber es ist nichts zu sehen. Ich weiß nicht wie viele Kilometer ich heute zurückgelegt habe, aber die Umgebung hat sich noch nicht grundlegend verändert. Immer noch wandere ich in einer steppenartigen Ebene. Inzwischen sind am Horizont, wie ein Gebilde aus Nebel ferne Berge zu erkennen. Neben dem niedrigen Gestrüpp bereichern jetzt Büsche und kleine Bäume das Landschaftsbild. Nur von einer Behausung ist nichts zu sehen.

„Sag mal“, frage ich Isidor, „ist Poseidon wirklich so schlimm?“

„Schlimmer“, erwidert der Junge und macht ein besorgtes Gesicht, „er lockt Mädchen an, dann verwandelt er sie in seinesgleichen und bringt sie in seinen Unterwasserpalast. Dort werden sie gehalten wie Gefangene. Sie gehören nicht zu den echten Meernixen und können doch nicht mehr zurück an Land. Oder hast du schon einmal einen Menschen mit Fischschwanz gesehen.“

„Nein, habe ich nicht“, gebe ich zu.

„Manchmal, in Vollmondnächten erlaubt Poseidon ihnen an die Wasseroberfläche zu kommen. Dort vergießen sie heiße Tränen und singen traurige Lieder, die die Seeleute in den Wahnsinn treiben und Schiffbruch erleiden lassen. Dann solltest du Poseidons Lachen hören“, Isidor schüttelt traurig den Kopf, „und die armen Mädchen vergießen noch heißere Tränen, weil sie Unschuldige in den Tod gerissen haben.“

„Könnt ihr Elementare nichts dagegen tun?“

„Nicht sehr viel. Sich mit Poseidon anzulegen ist nicht sehr ratsam. Schließlich hat er es sich nicht ausgesucht, der Herrscher der Meere zu sein, sondern Zeus hat ihn dort hin verfrachtet. Diese Schmach hat er bis heute nicht vergessen.“

„Findest du nicht, dass Götter weniger rachsüchtig sein sollten? Wenn sie die Schöpfer der Menschen und der Erde sind, sollten sie ihrer Schöpfung helfen und nicht zu einem Spielball ihrer Leidenschaften machen.“

„Du hast Recht, aber sag das mal den Göttern“, er senkt die Stimme, „die sind nicht gerade mit Intelligenz und Sanftmut gesegnet.“

„Sag mir, Isidor, du bist doch ein schlaues Kerlchen, kannst du mir sagen, wo ich eigentlich bin? Ich bin schon lange auf der Reise, aber noch nie, habe ich solche außergewöhnlichen Erlebnisse gehabt.“

„Weißt du noch, wann es anfing?“, fragt er.

„Ja, es war kurz, nachdem ich die Notizbücher von Herrn Grimm fand.“

„Und du hast sie aufgeschlagen?“

Isidor ist ganz blass um die Nase. Er schaut mich an, als sei ich ein Gespenst.

„Ja, warum nicht? Es war ein Brief dabei, der an mich gerichtet war und ich dachte mir nichts Böses dabei.“

„Na, das kann ich mir vorstellen. Dein Wagemut grenzt an Dummheit. Hat man dir als Kind nicht beigebracht, nichts von Fremden anzunehmen?“

Isidor ist für sein jugendliches Alter sehr bestimmt und altklug.

„Ich weiß es nicht. Ich bin eine Verlorene“, erkläre ich.

„Jetzt wundert mich nichts mehr“, seufzt Isidor.

„Hör bitte auf, herum zu orakeln. Erkläre mir lieber, was das bedeuten soll.“

„Wie soll ich dir das erklären?“

Isidor macht ein unglückliches Gesicht.

„Fang einfach an.“

„Also, Herr Grimm reist schon seit ewigen Zeiten durch die Lande, um einen Nachfolger für sich zu finden. Er ist auch ein Verlorener gewesen und hat das Amt des Geschichtenerzählers vor vielen, vielen Jahren von einem Reisenden übertragen bekommen, genau wie du. Aber das Entscheidende ist, dass jeder neue Geschichtenerzähler von einer schrecklichen Kreatur verfolgt wird, die versucht seine Fantasie und seine Liebe zu fressen und die Welt in einen kalten Rationalismus zu stürzen, der jegliche Farbe und Freud verschlingt. Alles wird dann automatisch ablaufen, für Spontaneität und Ideen wird es keinen Platz mehr geben.“

Er macht eine bedeutungsvolle Pause. Ich versuche das Gehörte zu verarbeiten. Aber das, was Isidor mir eben gesagt hat, kommt mir völlig wiedersinnig und verrückt vor.

„Kannst du dir eine Welt ohne Musik, Tanz, Kunst und Lachen vorstellen?“

Ich schüttele den Kopf.

„Ich verstehe, dass dir das auf den Magen schlägt. Wenn man das zum ersten Mal hört, haut einen das bestimmt um.“

„So könnte man das auch nennen. Aber wer sollte Interesse daran haben, die Fantasie und die Liebe abzutöten?“

„Kannst du dir das nicht denken?“, fragt Isidor, „es sind Mammon, Arroganz, Dummheit und Bosheit. Du hast doch schon selbst die Erfahrung gemacht. Erinnerst du dich nicht?“

„Doch, leider“, antworte ich, „aber ich wünschte ich könnte das vergessen.“

„Du solltest nicht vergessen. Wissen ist dein einziger Schutz. Die Menschen sind von Hektik, Gier nach schnellem Geld und Rücksichtslosigkeit geprägt, da bleibt für die wichtigen Dinge im Leben keine Zeit. Die Geschichtenerzähler sind die Einzigen, die sich dieser Krankheit des Vergessens in den Weg stellen, aber dafür müssen sie ihre eigenen Dämonen und die Schatten besiegen, die sie zerstören wollen.“

Ich habe plötzlich das Gefühl, mein Rucksack, mit den Büchern des Jacob Grimm, ist schwer wie Blei. Sie lasten auf mir, wie Felsbrocken. Ich kann keinen Schritt mehr gehen.

„Es tut mir leid, Isidor, aber ich kann nicht weiter gehen. Ich bin müde und mein Rucksack lastet auf mir.“

Erschöpft lasse ich mich auf einem Stein nieder, der am Wegesrand liegt.

„Du Arme, das hat dich aber ganz schön mitgenommen!“, stellt Isidor erschrocken fest, „aber ich darf dich nicht hier lassen. Mein Herr hat mir aufgetragen dich sicher zu ihm zugeleiten. Wenn ich dich nicht zu ihm bringe, dann kriege ich riesigen Ärger.“

Für einen langen Augenblick sehe ich Isidor an.

„Na, gut, aber lange kann ich nicht mehr laufen. Das ist heute einfach zu viel gewesen.“

„Gut, dann komm, bevor die Nacht hereinbricht. Ich werde dir helfen und deinen Koffer ziehen.“

Diensteifrig schnappt er sich den Trolley und marschiert los. Wortlos schultere ich meinen Rucksack wieder und folge ihm. Ich frage mich, warum Herr Grimm ausgerechnet mich ausgesucht hat? Liam sagte doch, es gäbe andere Verlorene. Ich wollte doch nur einen Ort finden, der meine Heimat werden könnte. Nun war ich praktisch auf der Flucht. Da kommt mir der Gedanke, dass alles nur ein Traum sein könnte. Ich werde irgendwann aufwachen und alles ist wieder normal.

„Leider nicht“, höre ich Isidor, „das hier ist kein Traum.“

„Liest du etwa meine Gedanken?“, frage ich gereizt.

„Entschuldige, nur ein bisschen. Wenn ich nicht aufpasse, kommt das vor, aber nur ausversehen“, rechtfertigt Isidor seinen Ausrutscher.

„Na, gut. Aber jetzt ist Schluss“, gebiete ich ihm energisch.

Isidor nickt eifrig. Schweigsam gehen wir weiter.

Rasch verwandelt sich die Dämmerung mit einem wilden Aufflammen aller Rotschattierungen in Nacht.

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Ich erwache vom Rucken des Zuges. Ich reibe mir die Augen, streiche mir durch die wirren Locken. Der Zug hat wohl angehalten. Mit wackligen Beinen stehe ich auf und öffne das Fenster des Abteils. Draußen läuft ein geschäftiger Bahnvorsteher hin und her, der den Leuten beim Aussteigen hilft. Da bemerkt er mich und winkt mir zu.

„Sie müssen leider auch aussteigen“, ruft er mir zu.

„Wieso? Was ist denn passiert?“

„Der Zugverkehr endet hier.“

Inzwischen ist er näher gekommen und steht vor meinem Fenster.

„Sie wollen mir sagen, von hier aus fährt kein Zug?“, frage ich entsetzt, „wie soll ich denn jetzt weiterkommen?“

„Keine Angst“, beruhigt mich der Bahnvorsteher, „der Zugverkehr endet zwar hier, aber in den nächsten Tagen, wird ein Zug von hier wieder zurückfahren.“

„Wohin zurückfahren?“

„Wohin sie wollen.“

Was für eine merkwürdige Antwort. Aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig. Ich steige aus, obwohl es mir gar nicht recht ist, den Zug zu verlassen. Hier weiß ich wenigstens, womit ich es zu tun habe, sobald ich aussteige, ist alles Neuland. Ich nehme meinen Trolley und meinen Rucksack und verlasse den Zug. Der Bahnvorsteher nimmt mir den Koffer ab.

„Wohin darf ich sie bringen?“, fragt er freundlich.

„Ich weiß ja noch nicht einmal, wo ich bin, und war auf so einen Zwischenstop nicht vorbreitet.“

„Ich verstehe“, sagt der Mann und kratzt sich am stoppeligen Kinn, „lassen sie mich überlegen. Ah, ich weiß, wohin ich sie bringen könnte. Eine sehr nette Familie.“

Er nimmt meinen Koffer, geht den Bahnsteig entlang durch das winzige Bahnhofgebäude auf die Straße. Ich folge ihm gespannt und aufgeregt. Immerhin ist es schon lange her, dass ich einen Bahnhof verlassen habe und mich ins Leben wagen musste.

Um den Bahnhofsplatz herum liegen ein paar Häuser, weiß getüncht wie im Süden. Der Platz wird von schattenspendenden Platanen gesäumt und in dem kleinen Cafe, sitzen ältere Männer beim Espresso, rauchen Zigarren und plaudern. Der Bahnhofsvorsteher stößt einen Pfiff aus und nach ein paar Sekunden hört man das Trappeln von Pferdehufen. Ein hübscher Einspänner biegt um die Ecke. Der junge Kutscher springt vom Bock, lädt meinen Koffer auf und hilft mir beim Einsteigen.

„Bringen sie die junge Dame zu Lady Shelley, sie hat immer ein nettes Plätzchen für Besucher frei“, sagt der Vorsteher und winkt mir zum Abschied.

Der Kutscher nickt und lässt seine Peitsche einmal knallen. Das Pferd setzt sich in Gang. Da fällt mir ein, dass ich nicht weiß, wann der nächste Zug fährt. Ich lehne mich aus der Kutsche.

„Wann kommt der nächste Zug?“ rufe ich dem Bahnhofvorsteher zu.

„Ich weiß es nicht. Wenn es soweit ist, werde ich es sie wissen lassen“, schreit er mir hinter her.

Ich lasse mich resigniert in meinen Sitz fallen und weiß nicht was ich sagen soll. Ich sitze fest. Was wenn kein Zug mehr kam? Ein vergessener Bahnhof. Gibt es so etwas? Das kann ich mir kaum vorstellen, wo doch bei der Bahn alles auf Fahrplänen festgehalten wird. Könnte es möglich sein, dass dieser hier durch die Finger der Bahnbediensteten gerutscht war? Auf nimmer wiedersehen verschwunden? Ein panisches Gefühl steig in mir auf. Ich muss in Erfahrung bringen, was hier vor sich geht, sonst werde ich Raoul niemals finden.

Als die Kutsche vor Lady Shelleys Anwesen hält, versuche ich meine Angst so gut wie möglich zu unterdrücken. Die Villa gleicht einem englischen Landhaus in einem südlichen Garten. Überall stehen üppig blühende Bäume, Büsche und fremdartige Blumen, die ich noch niemals gesehen habe. Zumindest scheint die Hausherrin Geschmack zu haben. Der Kutscher trägt mir den Koffer bis vor die repräsentative Haustür. Auf sein Klopfen hin erscheint ein Hausdiener im schwarzen Frack und mit gestärkten Hemd. Ich wundere mich doch sehr, dass in unserer Zeit noch solche antiquarische Bräuche gepflegt werden. Bis die Dame des Hauses erscheint. Lady Shelley kommt mit einem freundlichen Lächeln und ausgestreckten Armen auf mich zu.

„James, nicht so schüchtern. Lassen sie die junge Dame doch herein. Endlich mal wieder ein frisches neues Gesicht.“

James tritt mit unbewegter Miene zur Seite und lässt mich eintreten.

„Darf ich erfahren mit wem ich das Vergnügen habe?“, fragt Lady Shelley interessiert.

„Entschuldigen sie Lady Shelley, wie unhöflich. Mein Name ist Noelle Snow.“

Ich mache eine angedeutete Verbeugung.

„Was für ein hübscher Name“, Lady Shelley lächelt gewinnend, „darf ich sie Noelle nennen?“

„Ja, gerne.“

„Bitte nennen sie mich, Mary“, bietet mir Lady Shelley an und erklärt mir, während sie mich unterhakt, „wissen sie, ich hatte schon lange keinen Besuch mehr.“

„Das könnte an der ungünstigen Bahnverbindung liegen“, bemerke ich.

Sie zieht für eine Sekunde die Nase kraus, dann lacht sie schelmisch.

„Da könnten sie recht haben“, sie zieht mich weiter in die große Eingangshalle, „kommen sie meine Liebe. Sie werden müde sein, von der langen Reise und wollen sich sicher noch etwas frisch machen vor dem Abendessen?“

„Ja, sehr gerne, danke.“

„Kommen sie, ich zeige ihnen ihr Zimmer.“

Lady Shelley geleitet mich durch die Eingangshalle zu der großen Treppe, die zu beiden Seiten der Halle in den ersten Stock führt. Mir ist aufgefallen, dass Mary, ebenso wie ihr Diener, in einer altmodischen Tracht gekleidet ist. Nicht dass es zerschlissen oder alt, im Sinne von verbraucht wäre, sondern nur was den Schnitt betrifft. Man nennt es Empirestil. Ihr duftiges Kleid ist aus einem kunstvoll bestickten kostbaren Stoff und ihre dunklen Haare sind zu einer kunstvollen Frisur gesteckt, die mit Bändern und Perlennadeln zusammengehalten wird.

Lady Shelley ist eine ausgesprochen sinnliche, anziehende Frau. Ich blicke verstohlen zur Seite. Es fällt mir schwer ihr Alter zu schätzen. Sie bewegt sich und spricht, wie eine junge Frau, aber als ich vorhin ihre Augen sah, hatte ich das Gefühl, irgendetwas stimmte nicht.

Ich habe auf meiner Reise schon ab und an, das Phänomen der alten Seelen erlebt. Das unbestimmte Gefühl, dass in einer jungen Person eine alte Seele wohnte, die vor langer Zeit in einem anderen Zeitalter, oder in vielen durchlebten Leben, mit Wissen erfüllt worden war und sich wieder manifestierte, kenne ich. Allerdings habe ich das immer als positiv empfunden.

Von Mary geht eine ungewöhnliche Aura aus, die ich nur als unheimlich bezeichnen kann, obwohl es mir widerstrebt, meiner wohlwollenden Gastgeberin so etwas zu unterstellen. Davon abgesehen trägt die Lady einen großen Namen. Die Schöpferin der genialen „Frankensteingeschichte“ ist ein Klassiker. Möglicherweise bin ich auf meiner langen Reise etwas merkwürdig geworden. Ich versuche den unliebsamen Gedanken abzuschütteln und mich auf ein paar Tage der Ruhe zufreuen, statt mich zu sehr zu sorgen.

„Das ist ihr Zimmer. Ich hoffe, es gefällt ihnen.“

Mary stößt die Tür zu einem Zimmer auf, das so groß ist, dass zehn Menschen darin übernachten könnten. Ich staune über soviel Großzügigkeit. In der Mitte des Zimmers steht ein riesiges Himmelbett mit einem zarten Voilevorhang in Lindgrün. In diesem Ton sind auch die Wände und die Accessoires gehalten, der durch den Kontrast zu weißen Möbeln und Vorhängen den Eindruck von Frühling erweckt.

„Wunderschön“, flüstere ich beeindruckt.

„Ich habe mir schon gedacht, dass ihnen die Farbgebung gefallen wird“, Mary lächelt, „dort drüben“, sie deutet auf eine Tapetentür, „befindet sich das Bad. Und im Schrank hängen Kleider. Bedienen sie sich.“

„Danke, Lady Shelley.“

„Mary, bitte sagen sie Mary.“

„Ja, natürlich.“

„Ich lasse sie jetzt allein. Wenn sie fertig sind, dann kommen sie doch herunter. Vor dem Abendessen nehmen wir noch einen kleinen Aperitif.“

Die Tür fällt ins Schloss und ich bin allein. Ich lege meinen Rucksack auf den Stuhl vor dem Sekretär und trete ans Fenster. Mein Blick fällt auf einen herrlichen Rosengarten. Ein betörender Duft weht durch das offene Fenster herein und macht mein Herz wehmütig. Ich bin in einem Haus, ohne zu wissen wo. Außerdem weiß ich nicht, wann ich weiter reisen kann. Ich bin ein verlorenes Kind, aber selten habe ich mich wirklich so verloren gefühlt, wie in diesem Moment. Ich kann meinem wahren Ziel nicht näher kommen und dann ist da auch noch Raoul. Hier wird er mich niemals wiederfinden, falls er mich suchen sollte und ich kann ihm nicht wieder begegnen, wenn ich nicht auf der Reise bin. Es zerreißt mich fast, so groß ist meine Sehnsucht. Ich kann seine Augen sehen, immer wieder dieser Blick. So tief, dass er mir bis in die Seele geschaut hat. Nicht nur das, er hat sich auch in mir festgesetzt. Seine Stimme, die zu mir spricht, auch wenn er unendlich weit von mir entfernt ist. Der unausgesprochene Wunsch ist immer in meinen Gedanken: Komm zu mir zurück, lass dich von mir finden.

Ein leises Klopfen reißt mich aus meinen Gedanken.

„Miss, ihr Bad ist bereit.“

Eine junge Zofe, in schwarzem Kleid, mit Schürze und Haube, bittet mich ins Bad, hilft mir beim Auskleiden und legt mir Handtücher bereit.

„Wenn ihr Hilfe beim Ankleiden braucht, klingelt und ich werde sofort kommen.“

„Danke. – Wie ist dein Name?“, frage ich sie.

„Jenny, Miss“, antwortet sie verlegen.

„Danke, Jenny. Ich sage bescheid, wenn ich etwas brauche.“

Jenny schließt lautlos die Tür. Ich genieße das warme, nach Lavendel duftende, Wasser. Der leichte Rosenduft dringt bis ins Bad und ich komme mir vor wie eine Prinzessin. Mein Körper entspannt sich langsam und die Wärme des Wassers und die Schwerelosigkeit machen mich müde und ich döse vor mich hin.

„Du bist schön“, höre ich seine leise Stimme, „ich liebe dich so sehr und ich will dich so sehr. Ich kann an nichts anders mehr denken, dich zu lieben und bei mir zu haben.“

„Raoul“, flüstere ich.

Ich spüre seine Finger, die zärtlich über meinen Hals streifen. Seinen warmen Atem auf meiner Haut, der mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper laufen lässt. Seine weichen Lippen – Lippen? Ich schrecke aus meinem Tagtraum auf, drehe mich um und sehe in zwei stahlblaue Augen.

„Wer sind sie?“, frage ich aufgebracht, „was machen sie in meinem Badezimmer? Wie sind sie hier rein gekommen?“

Ich rutsche weiter in die Wanne hinein und versuche mit en Armen meine Blöße zu bedecken. Der Mann lacht leise und sein jungenhaftes Gesicht zeigt charmante Lachfalten.

„Was für viele Fragen. Also ich bin John St. Claire, der Halbbruder von Mary.“

Ich unterbreche ihn.

„Gut. Die anderen Fragen können sie mir gleich beantworten. Vorher muss ich mich anziehen. Gehen sie bitte in meine Zimmer. Ich komme sofort.“

„Der Wunsch einer schönen Dame ist mir Befehl.“

Er erhebt sich und entschwindet in mein Zimmer. Ich stehe auf, schnappe mir ein Handtuch und wickele mich darin ein. Mit einem anderen trockne ich meine Haare ab.

„Sie sind eine außergewöhnliche Frau, deswegen bin ich in ihrem Zimmer“, höre ich John aus dem Nebenzimmer rufen.

„Und sie sind unverschämt“, erwidere ich.

Ich gehe hinüber und sehe ihn lässig auf meinem Himmelbett sitzen. Er grinst mich frech an.

„Sehen sie“, ich deute auf ihn, „unverschämt.“

„So bin ich“, erwidert er unbekümmert, „ach und gekommen bin ich durch die Tür.“

„Auch wenn ich sehr tolerant bin, finde ich es doch auch im einundzwanzigsten Jahrhundert nicht sehr schicklich, oder sollte ich sagen, kompromittierend, bei einer Dame, die man nicht kennt, ins Badezimmer einzudringen.“

Ich verschwinde hinter meinem Paravent und schlüpfe in eines der wunderschönen Kleider, die Jenny für mich herausgelegt hat. Es ist ein Kleid im Empirestil aus dunkelgrünem Mousseline mit kleinen Ärmelchen. Auf die Säume und Bänder sind kleine Rosenblüten und Knospen aufgestickt. Ich frage mich, wie viele Stunden die Stickerin an diesem Kleid gesessen hat. Als ich wieder hinter dem Wandschirm hervor trete, sehe ich wie John mich von oben bis unten betrachtet.

„Ich sagte doch sie sind schön.“

Seine Augen leuchten begeistert, er springt vom Bett auf, kommt auf mich zu, zieht meine Hand an seine Lippen und küsst sie zärtlich.

„Sie haben das gesagt?“, frage ich schwermütig.

„Ja, vorhin im Bad“, John nickt, „das scheint sie aber nicht zu freuen.“

Ist es wirklich John gewesen, der mit mir gesprochen hatte? Ich kann es nicht glauben, will es auch nicht. Ich entziehe John meine Hand, gehe zum Spiegeltisch, greife mir eine der vielen Bürsten und richte mir die Haare. Ich nehme das goldene Band aus meinem Rucksack und flechte es mir in meinen Zopf. Ich wünschte, ich könnte aufwachen und säße in meinem Abteil, Raoul hielte meine Hand und würde mich seinem unglaublichen Lächeln ansehen.

„Verzeihen sie John“, versuche ich eine Erklärung, „aber mein Herz ist nicht frei und ich dachte“, ich breche ab.

„Sie dachten, er wäre es, der bei ihnen ist.“

Ich nicke wortlos. John tritt hinter mich und betracht mich im Spiegel und ich ihn. Er hat halblange Locken, die sein männliches Gesicht etwas weicher wirken lassen. Sein Körper ist sehnig und muskulös, ohne kraftprotzig zu sein. Seine tadellose Kleidung ist schlicht und chic. Sie betont sein breiten Schultern und seine schmalen Hüften. Sanft legt er seine schlanken Hände auf meine Schultern. Sein Blick ist dunkel, aber ich kann seine Gefühle verstehen.

„Wer weiß“, sagt er, „was die Zeit uns zeigt.“

„Die Zeit“, flüstere ich und sehe seinen begehrenden Blick im Spiegel.

Die Zeit läuft mir davon, habe ich das Gefühl. Ich bin hier und Raoul ist weit fort. John scheint zu glauben, dass ich für längere Zeit hier sein werde. Ich weiß ja nicht, wie er darauf kommt, aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht verzettele.

„Begleiten sie mich in die Bibliothek?“, fragt er galant.

„Gerne“, ich nehme seinen Arm, „wussten sie, dass ich komme?“

John schüttelt den Kopf.

„Nicht direkt. Ich habe es gehofft. Schon oft sah ich sie in meinen Träumen und betete dafür, sie eines Tage zu sehen.“

James öffnet die Tür zur Bibliothek und wir treten ein. Gespannte Gesichter sehen uns entgegen. Ich klammere mich hilfesuchend an Johns Arm.

„Ich bin bei ihnen“, flüstert er, „verlassen sie sich auf mich.“

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… erklang aus dem CD-Player. Ich las gerade Jane Eyre zu Ende. Ich weiß nicht, was es war, diese große alle Hindernisse beseitigende Liebe, das Lied und die Erinnerung an damals. Oder vielleicht einfach meine, durch die drückende Hitze, angespannten Nerven (um gute Ausreden bin ich nie verlegen). Als das nächste Lied anfing, es waren nur die ersten Noten, ich wusste sofort, welches Lied kam, stiegen mir Tränen in die Augen und nichts konnte sie aufhalten. Es heißt: Wenn der Himmel und wird von Bintia gesungen:

Wenn der Himmel sich zu mir runterbeugt
mir ein Lächeln schenkt
hat es sich gelohnt
alle Sorgen kann ich überstehen
denn jeder Tag könnte mein letzter sein
Wenn der Himmel sich für mich öffnen tut
meine Wange küsst
dann kann auch ich hinter den Horizont sehen

Aller Anfang ist schwer
so viele Schmerzen
ich bleib zurück
mit dieser Leere in meinem Herzen
du fehlst mir so
doch ich schau nach vorn
ich lieb dich so, Baby
deshalb lass ich los

Mein Kopf ist zu
voller Gedanken
warum bist du nur
von mir gegangen
ich kann nicht essen,nicht schlafen,

nicht lachen ohne dich
doch ich weiß auch
es ändert sich, alles ändert sich

Keine Angst vor Gefühlen
was auch kommt
nach dem Regen lacht die Sonne
und die Blumen gehen auf

Wenn der Himmel sich für mich öffnet und
meine Wange küsst
dann kann auch ich hinter den Horizont sehen

Ich weinte, als hätten sich alle Schleusen geöffnet und konnte nicht aufhören. Ich mochte dieses Lied schon 2005. Es drückte genau das aus, was ich damals fühlte und heute spülte es alles wieder hoch. Damals: unsere Lieder, die durchwachten durchliebten Nächte, die langen Gespräche, Liebesschwüre, das Hochgefühl des Begehrtseins. Die Sehnsucht, die mein Herz schneller schlagen ließ, wenn ich auf ihn wartete und die mit jeder Sekunde wuchs, wenn er ging. Die zärtlichen Gesten, die süßen Küsse, die Erregung und die Tausende Schmetterlinge, das Gefühl jemandem alles zu bedeuten.

Wo ist es hin? Im Alltag zerronnen, dahin geschwunden im Stress der Arbeit, der verzehrenden Selbstverständlichkeit oder einfach untergetaucht im Nebel sich wiederholender Tage aus ständiger Nähe und Eintönigkeit.

„Ich bin nun seit zehn Jahren verheiratet. Ich weiß, wie es ist, ganz für und mit dem Menschen zu leben, den ich auf Erden am meisten liebe. Ich schätze mich zutiefst glücklich – glücklicher, als Worte es auszudrücken vermögen, denn ich bedeute meinem Gatten alles im Leben und er mir. … Und Zusammensein bedeutet für uns, dass wir uns in Gegenwart des anderen so frei fühlen, als wären wir allein, und dabei so fröhlich und unbeschwert sind, wie in Gesellschaft. Ich glaube, wir sprechen den ganzen Tag miteinander, denn miteinander sprechen ist ja nichts anderes als angeregtes, lautes Denken. Mein ganzes Vertrauen gehört ihm und auch er hat mir sein ganzes Vertrauen geschenkt.“

Jane Eyre, Charlotte Bronte

Aus Realitätsgründen sehe ich davon ab, die Zeilen zu zitieren, in denen Charlotte schreibt, „sie waren stets zusammen und harmonierten in jeder Hinsicht, vollkommene Eintracht und Übereinstimmung seien die Folge.“ Nobody is perfect, das ist selbst mir klar. Auch wenn manche Menschen mir einen Hang dazu bescheinigen, dass ich meinen Kopf in den Wolken trage. Jane Eyre ist Literatur und oft ist Literatur das Ideal, das wir in uns tragen. Erwarte ich zu viel? Soll ich nichts erwarten? Ist es zu viel zu erhoffen, dass man das Interesse für den anderen behält, seiner Gesellschaft nicht überdrüssig wird, ebenso wenig wie dem Pochen des anderen Herzens?

Einverständnis und Frieden sind toll. Aber wo ist damals? Unser Lied? Bintia singt: Alles ändert sich. Ich weiß das. Sehr gut sogar. Ich bemerke es jeden Tag. Ich muss nur in den Spiegel schauen oder meine Kinder ansehen. Alles ändert sich. Die Zeit läuft und egal ob es mir nun passt oder nicht, damals ist vorbei. Ich will nicht im Damals feststecken. Doch ich bedauere, dass wir so oft in unserer Alltäglichkeit gefangen sind, dabei kostet es so wenig uns ein bisschen Damals zurückzuholen. Nur ein Lied. Eine laue Nacht im Wald, wenn die Glühwürmchen ausschwärmen und alles märchenhaft verzaubert vor uns liegt. Der Geschmack von Schokoladeneis, der uns den Sommer ins Gedächtnis ruft, in dem wir uns so sehr liebten, dass wir es ohne das Pochen des anderen Herzens keine Sekunde auszuhalten glaubten.

Könnte ich doch die Jahre zurückhalten, meine Tränen verbergen in meinem sehnsuchtsgeplagten Herzen, gestern gestern sein lassen. Leider habe ich das Gefühl, dass ich dem Horizont zu nahe bin, um mich nur mit vergangenen Träumen zufrieden zu geben.

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