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Posts Tagged ‘Stolz’

Wenn (das Monster) Tirion schläft träumt (es) er von Liebe. Eine Hand, die nicht schlägt, sondern streichelt. Doch da ist niemand. Nur eine dunkle schreckenerregende Leere, die es umschließt und die nichts aufzulösen vermag. Und so sehr Tirion sich auch wünscht, dass sein elendiges Leben endlich ein Ende findet, er wird nicht erhört.

Er hatte alles. Geld, Ansehen, sogar eine Art von Liebe, auch wenn sie sich nicht richtig anfühlte. Sein Übermaß an Stolz und Hartherzigkeit kosteten ihn alles. Verbannt und geächtet lebte er unter den Ärmsten der Armen, von niemandem vermisst, von niemandem geliebt.

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Am Anfang waren es 36. Nun besaß ich nur noch 18. Panik ergriff mich. Der alte Mann hatte mich gewarnt. Wenn ich alle verbraucht hatte, gab es keine Rettung mehr. Ich musste sofort damit aufhören, sie zu benutzen, auch wenn ich es nicht für mich, sondern für andere tat. Meine Welt würde untergehen und ich mit ihr. Das durfte niemals geschehen. Bei dem Gedanken zog sich meine Brust zusammen und ich konnte kaum atmen. Am liebsten hätte ich geweint. Der Weg, den ich aus Stolz und falschem Ehrgeiz beschritten hatte führte nur in eine Richtung. In meinen Ohren klangen die Worte des alten Mannes:

„Überlege dir gut, wohin du deine Füße wendest! Sobald du den ersten verbraucht hast, gibt es kein Zurück.“

Es stimmte. Ich hielt es für dummes Geschwafel, aber ich musste schmerzhaft erfahren, dass er die Wahrheit gesagt hatte.

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„Wenn dir jemand einreden will, es gäbe keine Monster, glaub ihnen kein Wort“, flüsterte der alte Mann.

Magnus sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

„Was redest du für einen Unsinn, Alter!“, winkte er ab, „du hast viel zu tief ins Glas geschaut. Aus dir spricht der Fusel.“

In seiner Ehre gekränkt richtete sich der Mann auf. Sein Blick war klar und seine Stimme fest, als er sagte:

„Ich habe die Monster gesehen, Herr. Wenn ihr mir nicht glaubt, überzeugt euch selbst.“

Er legte ein Goldstück auf den Tresen. Der Wirt starrte ungläubig darauf, dann schnappte er danach, als würde sein Leben davon abhängen.

Der Alte erhob sich. Magnus rührte sich nicht.

„Nun, Herr? Habt ihr Angst oder seid ihr bereit, zum Abenteuer eures Lebens aufzubrechen.“

Träge erhob Magnus sich. Was kann es schaden, dachte er, allenfalls ein paar verschenkte Stunden.

„Aber ich muss euch warnen: wenn ihr sie einmal gesehen habt, gibt es kein Zurück.“

Wieder winkte Magnus ab.

„Unk nicht, sondern zeig mir deine Monster, dann werden wir ja sehen.“

Der Mann nickte mit bedeutungsschwerem Blick. Magnus sah ein gefährliches Funkeln, das zuvor nicht dagewesen war und fühlte einen leisen Zweifel aufsteigen. Doch sein Stolz verbot ihm, sein Angebot zurückzuziehen.

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Verloren

 

Ich habe dich verloren

Kenne nicht den Grund

So viele Fragen gestellt

Du bliebst die Antwort schuldig

 

Welcher Schnitt hat uns getrennt

Die Bindung vieler Jahre zerstört

Schlimmer ist dein Schweigen

Als ein Schlag ins Gesicht

 

Kann ich es ungeschehen machen

Ich reiche dir die Hand

Du schaust mich nicht an

Dein Stolz lässt es nicht zu

 

Die Zeit verrinnt beharrlich

Der Schmerz verblasst schleppend

Die Erinnerung an dich bleibt

Ein Splitter in meinem Herzen

 

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Ich ging auf die rote Tür zu und wusste, sobald ich sie passiert hatte und sie sich hinter mir schloss, gab es kein Entkommen. Ich würde hinter den Mauern dieses Klosters auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Ich hörte das Schluchzen meiner Mutter hinter mir und spürte den stechenden Blick meines Stiefvaters in meinem Nacken.

Gut erinnerte ich mich an seine letzten Worte: „Entweder wirst du mir zu Willen sein und alles tun, was ich von dir verlange oder ich werde mir eine Strafe für dich ausdenken, an der du dein Leben lang deine Freude haben wirst.“ Der Ton seiner Stimme jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Ich wusste, er meinte es ernst. Trotzdem konnte ich es nicht tun. Es gab keinen Mann, der mir widerwärtiger war als er. Lieber hätte ich es mit einem Bettler vor unserem Tor getrieben, als seine perversen Wünsche zu erfüllen. Ich entkam ihm nur knapp und dies war seine Rache an mir.

Die Tür wurde entriegelt und öffnete sich. Vor mir stand ein Priester. Er ist noch recht jung, dachte ich. Das gutgeschnittene Gesicht wurde von schwarzen Haaren eingerahmt und seine stechenden Augen bohrten sich in meine. Vermutlich dachte er, ich würde den Blick senken, aber ich hielt stand. Niemand wird mich brechen, dachte ich, sollen sie mich totschlagen, dann hat das Ganze wenigstens ein Ende. Er nickte meiner Mutter und meinem Stiefvater zu.

„Ihr könnt gehen. Ich nehme sie jetzt in meine Obhut“, sagte der Priester. „In der Gnade des Herrn werden wir ihr den Stolz schon austreiben.“

Der strenge Ton in seiner Stimme duldete keinen Widerspruch. Er machte eine einladende Geste, die mir völlig fehl am Platz schien. Ich straffte die Schultern, hob den Kopf und machte einen Schritt nach vorne. Meine Mutter schluchzte. Mein Stiefvater grinste vermutlich. Ich drehte mich nicht um. Meine Zeit wird kommen, dachte ich kampflustig, irgendwo in diesem Gefängnis ist ein Schlupfloch und ich werde es finden.

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Mein Herz ist so hungrig wie ein Wolf in der winterlichen sibirischen Wildnis. Hungere nach Sonne, blauem Himmel, Schönheit, Jugend, Liebe, Süßigkeiten des Lebens, unendlicher Romantik, dem Kribbeln im Bauch. Hunger nach Mehr. Dem Mehr, das das Leben ausmacht. Der besonderen Essenz, die allem einen Sinn verleiht.

Weg mit dem Staub des Alltags! Weg mit den immer gleichen Wegen, denselben Handbewegungen, teilweise sogar mit denselben Gedanken. Die quälenden Grübeleien, mit denen ich einschlafe und morgens aufwache. Ich möchte wollen, was ich tue! Ohne schlechtes Gewissen und den dauernden Fragen nach der Richtigkeit der Dinge. Ich will jeden Tag glücklich sein und jeden Tag meinen Himmel sehen. Ich will Dramaqueen, Prinzessin oder Karrierefrau sein, wenn ich es brauche und wenn nicht? Verdammt, was ist dagegen einzuwenden, dass ich im Pyjama auf dem Sofa sitze und lese?

Wie viel Glamour und Glitzer braucht mein Leben? So viel ich vertragen kann! Nimm, was du kriegen kannst und gib nichts zurück. Ich will stolz auf das sein, was ich tue. Also tue ich etwas, worauf ich stolz sein kann. Wie andere darüber denken? Mir egal. Es ist mein Leben und meine Zeit! Ich brauche keine Einwilligung von anderen Leuten.

Ich habe ein hungriges Herz und es will gefüttert werden. Mit Sonne und Himmel, Nacht und Sternen, Romantik und Sex, Liebe und Lust. Alle Flüsse fließen ins Meer, so sagte man mir. Eines Tages fließt auch mein Leben ins Meer und ich will auf meiner Bootsfahrt dorthin nichts vermissen. Ich will sehen und fühlen, soviel mein Herz verträgt. Und glaub mir, es verträgt eine ganze Menge.

Ok, ich gebe es zu – ich habe mal wieder Bruce Springsteens „Hungry Heart“ gehört. Aber verdammt, der Song ist einfach so gut! Und es gibt diese Momente, da trifft die passende Musik auf das passende Gefühl! Ich wünsche euch allen einen guten Song an diesem Tag und jedem weiteren eures Lebens.

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„Danke, sie sind meine erste Kundin heute“, sagt sie, mit einer Fröhlichkeit als hätte sie einen Sechser im Lotto gewonnen.

„Und das ist mein erster Kaffee seit, ich weiß nicht wie lange“, meine Begeisterung kennt keine Grenzen, „was bekommen sie dafür?“

„Nichts, nur“, sie bricht ab.

„Ja, bitte, zögern sie nicht, was kann ich für sie tun?“

„Sie sind doch eine Geschichtenerzählerin nicht wahr?“

„Woher wissen sie das?“, frage ich überrascht.

„Nun, ich hörte davon, dass sie bei uns unterwegs sind“, sie errötet.

„Nun, dann will ich ihnen eine Geschichte erzählen.“

Die Verkäuferin strahlt mich an.

„Das ist wundervoll!“, sie klatscht in die Hände, „ich habe schon ewig keine Geschichte mehr gehört. Bitte setzen sie sich und trinken ihren Kaffee.“

Die Dame deutet auf die Bahnhofsbank und ich setze mich. Sie brüht sich einen Espresso, bringt mir einen Teller mit einem Stück Mohnkuchen.“

„Mohnkuchen“, ein Seufzer flüchtet über meine Lippen.

Die Verkäuferin lächelt wissend. Sie setzt sich zu mir und blickt mich erwartungsvoll an. Mein Gehirn arbeitet fieberhaft. Wo fange ich an? Jetzt müsste mir eine gute Zeile einfallen. Ich teile mit der Gabel ein Stück Mohnkuchen ab und stecke es in den Mund. Genießerisch schließe ich die Augen. Das Gebäck zergeht auf meiner Zunge.

„Was für ein wundervoller Geschmack.“

Da, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und da soll mal einer sagen, die Musen küssen einen nicht, fällt mir ein erster Satz ein:

„Sie kam eines Nachts in die Seemannskneipe, setzte sich an den Tresen und bestellte einen Scotch beim Barkeeper. Ihr rotes Haar fiel wie ein Vorhang vor ihre geheimnisvollen dunklen Augen. Alle Männer richteten ihren Blick auf sie, denn noch nie hatte sich eine Frau in diese düstere Kaschemme verirrt. Am Ungewöhnlichsten war ihre elegante Kleidung. So etwas bekam man hier sonst nie zu sehen. Sie trug ein kostspieliges dunkelgrünes Kostüm, unter dem eine weiße Spitzenbluse hervor blitzte, dazu ein passendes Hütchen mit Schleier und teure Lederstiefelchen. Schmuck trug sie nur sparsam. Ein paar Perlohrsteckerchen und eine goldene Kette mit Medaillon.“

„Oh wie aufregend“, flüstert die Verkäuferin.

Ihre rosa Wangen glühen vor Begeisterung. Ich lächele über ihre Begeisterung und fahre fort:

„Der Drink geht auf meine Rechnung“, hört sie eine tiefe Stimme neben sich.

Eine silberne Münze flog auf den Tresen. Erstaunt blickte sie auf. Vor ihr stand ein riesiger Mann, breite Schultern, schmale Hüften. Seine Kleidung war schlicht, aber stilvoll. Er trug einen Degen, am Gürtel und zwei Pistolen, außerdem einen Dolch. Über der linken Wange prangte eine Narbe, die ihm das Aussehen eines Draufgängers und Abenteurers verlieh.

„Mit wem habe ich das Vergnügen?“, fragte sie und lächelte.

„Kapitän Richard Morgan“, stellte er sich vor.

Er deutete eine leichte Verbeugung an, ohne sie aus den Augen zu lassen.

„Und mit welch mutiger, oder sollte ich lieber sagen: lebensmüder, Dame habe ich das Vergnügen?“, fragte er spöttisch.

„Also was mich betrifft, würde ich furchtlos vorziehen. Mein Name ist übrigens Sandrine de la Roche.“

Sie streckte ihm graziös ihre behandschuhte Hand hin, Richard ergriff sie und deutete einen Kuss an.

„Darf ich sie fragen, was sie hier herführt, Mademoiselle la Roche?“

„Sie dürfen, aber ob ich es ihnen sage, weiß ich noch nicht“, antwortete sie mit einem geheimnisvollen Lächeln.

„Wovon wird das abhängen? Sie sollten sich nicht zu viel Zeit lassen, dies hier ist keine gute Gegend für feine Damen.“

„Oh“, antwortete sie herablassend, „ich glaube Kapitän Morgan, ich kann recht gut allein auf mich aufpassen.“

Richards sinnliche Lippen wurden von einem gönnerhaften Lächeln umspielt.

„Nun, wenn sie meinen, dann will ich sie bei ihrer Mission nicht stören.“

Er verneigte sich kurz und strebte dem Ausgang zu.

„Ach, Kapitän Morgan“, rief sie ihm hinter her, „möchten sie sich ein gutes Handgeld verdienen.“

Er hielt inne und drehte sich zu ihr um.

„Das kommt auf das Handgeld an“, erwiderte Richard mit der Selbstsicherheit eines Mannes, der es nicht nötig hatte auf solche leicht zu durchschauenden Manöver einzugehen.

Sandrine Miene verriet keine Gefühlsregung, als sie einen Beutel von ihrem Gürtel nahm und ihn Kapitän Morgen zuwarf. Nachdenklich öffnete er die Börse, aus der ihm glänzende Goldstücke ins Auge sprangen.

„Dies ist für den Anfang, um die Expedition auszustatten, bei Abfahrt gibt es das Doppelte und bei gesunder Rückkehr das Dreifache“, sagte Sandrine.

Ihre Stimme zeigte ihm ihre leichte Unsicherheit an und Richard schüttelte den Kopf. Er würde sich Sandrine nicht kampflos ergeben, auch wenn ihn ihre Augen erregten. Sie verrieten Stolz und Leidenschaft. Zwei Eigenschaften, die man bei den Matronen, Mauerblümchen und höheren Töchtern nicht oft fand. Aber was auch immer sie vorhatte, sie brauchte ihn und er würde sich nicht mit Kleinigkeiten abspeisen lassen.

„Also, was wollt ihr?“, fragte sie gereizt, als er nicht antwortete.

„Ich will das Doppelte jetzt, das Vierfache bei Abfahrt und das Sechsfache bei Ankunft.“

Richard machte eine Kunstpause und kam langsam näher.

„Und?“, ihre Stimme zitterte.

Kapitän Morgan beugte sich vor und flüsterte Sandrine ins Ohr.

„Und euch!“

Empört schnappte sie nach Luft. Das konnte, nein das durfte nicht wahr sein! Dieser unverschämte Kerl, was bildete der sich ein.

„Niemals“, zischte sie.

Riss ihm den Beutel aus der Hand und begab sich zum Ausgang.

„Ihr braucht mich“, rief er hinter ihr her, „ich bin der einzige, der euch helfen kann und der dafür garantiert, dass ihr wieder heil englischen Boden unter den Füßen haben werde.“

Abrupt blieb Sandrine stehen. Sie überlebte fieberhaft, welche Möglichkeiten ihr blieben. Keine. Sie hatte schon alles versucht. Wohl oder übel würde sie in den sauren Apfel beißen müssen. Aber wenn er glaubte, sie würde es ihm leicht machen, dann hatte er sich getäuscht. Langsam drehte sie sich um. Richard kam ihr entgegen, streckte ihr die Hand hin.

„Schlagen sie ein, Mademoiselle“, sagte er mit Siegerlächeln.

Sandrine zögerte noch einen Moment. Dann hob sie den Blick kampfbereit, sich nicht in ihr Schicksal zu ergeben, und legte ihre Hand in seine.

„Also, wann kann es losgehen?“, fragte sie.

„Sofort“, gab ihr Richard zur Antwort und reichte Sandrine den Arm.

„Gut, dann gehen wir.“

Sie drehte sich um, kerzengrade um Haltung bemüht und schritt ihm voran, hinaus in die kalte Nacht.

Nur ein paar Stunden später war Kapitän Richards Schiff „Loreley“ fertig beladen und nahm Kurs auf die schwarze Insel. Sandrine hatte sich in ihre Kabine zurückgezogen. Sie überlegte fieberhaft, wie sie den aufdringlichen Kapitän, auf Distanz halten sollte. So selbstbewusst ihr Auftreten auch war, wenn es um Männer ging, war sie vollkommen ahnungslos. Nicht, dass sie keine Verehrer gehabt hätte, aber das waren junge Männer, noch grün hinter den Ohren. Ihre Mutter lag ihr dauernd in den Ohren, sich endlich zu erbarmen und einen dieser Grünschnäbel zu erhören, aber das kam für Sandrine überhaupt nicht infrage. Sie wollte im Sturm erobert werden und nicht von einer lauen Brise angeweht.“

Die Bäckereiverkäuferin lachte.

„Das haben sie schön gesagt! Ich bin auch mehr für Sturm, als für Brise. Mögen sie noch einen Kaffee?“

„Das wäre nett, danke.“

Hastig eilte sie davon, um zwei Minuten später mit zwei dampfenden Tassen Kaffee zurück zukehren. Sie reichte mir meine Tasse und ich wärmte meine Hände an der heißen Tasse.

„Und wie ging es weiter“, fragte die Dame, „wieso wollte sie überhaupt die Dienste des Kapitäns in Anspruch nehmen?“

„Genau das fragte Kapitän Morgan Sandrine, als sie ihm in der Kapitänskajüte gegenüber saß und mit ihm zu abend aß.

Sandrine zögerte unter seinem spöttischen Blick, entschied sich dann aber doch ihm die Wahrheit zu sagen.

„Es ist schon viele Jahre her, als mein Vater noch selbst zur See fuhr, als er auf der schwarzen Insel Schiffbruch erlitt. Dort verbarg er die kostbare Fracht seines havarierten Schiffes, um sie eines Tages zurück zu holen, wenn er in Not sein würde.“ Sie seufzte, machte eine kleine Pause und nippte an ihrem Wein. Dann fuhr sie fort, „durch unglückliche Umstände hat mein Vater sich hoch verschuldet. Sie können sich also denken, warum ich den Schatz heben muss.“

„Und warum geht ihr Vater nicht selbst auf die Reise und schickt seine Tochter?“, fragte Richard interessiert.

„Weil er schwer krank ist. Wenn ich den Schatz nicht finde, wird eine wilde Horde Schuldner bei uns einfallen uns alles wegnehmen und mein Vater wird diese Schmach nicht überleben.“

Ihre schönen Gesichtszüge wirken erschöpft und traurig. Richard wurde das Gefühl nicht los, das mehr hinter ihrer Geschichte steckte, als sie ihm gesagt hatte.

„Sie sind eine mutige Frau, Mademoiselle la Roche“, Richard nickte ihr zu. „Begeben sie sich zur Ruhe. Versuchen sie zu schlafen. Die Reise zur schwarzen Insel wird noch ein paar Tage dauern.“

Sandrine tupfte sich den Mund ab.

„Danke, Kapitän“, sie steuerte auf die Kajütentür zu, „sagen sie Kapitän, wird es gefährlich?“

Sie drehte sich noch mal zu ihm um. Sein Gesicht war ernst und nachdenklich.

„Ich nehme es an. Bis jetzt habe ich immer einen Bogen um die schwarze Insel gemacht. Man erzählt sich merkwürdige Dinge über sie. Ich hoffe darauf, dass die meisten nicht stimmen.“

Wortlos zog Sandrine sich zurück. Vorsichtshalber verschloss sie die Tür ihrer Kabine.

Am nächsten Morgen klopfte es an Sandrines Tür.

„Mademoiselle, der Master erwartet sie zum Frühstück“, rief die Stimme vor der Tür.

„Ich eile mich, bin gleich da!“, antwortete sie.

Hastig wusch sie sich, zog sich eines ihrer leichten Mousselinekleider an und begab sich zu Kapitän Morgans Kabine.

„Guten Morgen, Mademoiselle, haben sie wohl geruht.“ Richard hatte seine alte ironische Maske wieder

aufgesetzt.

„Danke, Kapitän“, antwortete Sandrine kühl.

Hocherhobenen Hauptes setzte sie sich ihm gegenüber. Das gemeinsame Frühstück wurde in einem dumpfen Schweigen eingenommen. Beide vermieden es den ersten Schritt zu tun, geschweige denn aufeinander zu zugehen.

So vergingen die Tage in eintönigem Einerlei. Sandrine zog die Einsamkeit ihrer Kajüte vor, während Richard ihr aus dem Weg ging. Die Matrosen tuschelten untereinander, was zwischen den Beiden für ein Zwist herrschen mochte. Sie schlossen Wetten darauf ab, wann es endlich soweit sein würde, dass der Kapitän den zweiten Teil seiner Bezahlung erhalten mochte. Nach dem feindlichen Verhalten der Mademoiselle zu urteilen, hatte sich Kapitän Morgan die Bezahlung schon genommen, aber niemand wusste Genaueres.

Eines Abends klopfte es an Sandrines Kajütentür und Kapitän Morgan trat ungerufen ein. Sandrine ärgerte sich. Sie hatte vergessen die Tür zu verschließen. In den langen Tagen der Reise hatte er nie versucht bei ihr einzudringen und Sandrine war nachlässig geworden.

„Was wollt ihr?“, fuhr sie ihn an, „wollen sie sich etwa holen, was sie sich im Angesicht meiner Notlage von mir erpresst haben?“

Erstaunt sah Richard Morgan sie an. Er konnte sich auf ihren hysterischen Ausbruch keinen Reim machen. Während der ganzen Reise hatte er sich äußerst ehrenhaft verhalten, auch wenn er ihre Ablehnung ihm gegenüber als Beleidigung empfand. Immerhin versuchte er alles, um ihr die Reise so angenehm wie möglich zu gestalten. Hatte er ihr nicht seine Bibliothek, sein Grammophon, Papier, Feder und Tinte zur Verfügung gestellt? Sie konnte sich überall frei bewegen und bekam vernünftige Mahlzeiten vorgesetzt. Außerdem hatte er der Mannschaft unmissverständlich klar gemacht, dass Sandrine de la Roche ein Gast war und keineswegs zu ihrer Verfügung stand. Das hatte ihn pro Mann eine Golddublone gekostet. Richard wiederstand dem Drang die Dame über das Knie zu legen und ihr den wundervollen Hintern zu versohlen und ihr klar zu zeigen, wer hier das Sagen hatte.

„Was für eine verlockende Aussicht“, dachte er und ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Also hätte er nicht gewusst, dass sie ihre Tür jeden Abend abschloss. Es hätte eines gezielten Tritts bedurft, sie aus den Angeln zu heben und sich Einlass zu verschaffen.

Sandrine deutete sein Lächeln in einer ganz anderen Richtung. Sie reckte sich zu voller Größe auf, löste die Bänder ihres Nachgewandes und ließ es über die Schultern auf den Boden gleiten. Nackt stand sie vor ihm und ihr perfekter Körper ließ ihn einen anerkennenden Pfiff ausstoßen. Sandrine konnte ihre Wut über diese Provokation kaum im Zaum halten. Richard erkannte es und lachte. Seine Augen verrieten unverhohlenes Begehren. Er trat einen Schritt auf sie zu und sie zuckte eingeschüchtert zusammen, als er so direkt vor ihr stand. Richard beugte sich vor und hauchte ihr dabei, wie ausversehen, über die Schulter und den Hals. Sofort stellten sich ihre Brustknospen auf und verrieten ihm, ihre Erregung.

„Nein, meine Liebe“, flüsterte er Sandrine ins Ohr, „ich werde es mir nicht holen, damit sie ein Vergnügen genießen können, und trotzdem in ihrer verlogenen Moral verharren können. Sie werden ES mir geben, und zwar freiwillig. Sie werden mich sogar darum bitten.“

Sein siegessicherer Blick brachte Sandrine in Rage.

„Niemals! Was bilden sie sich ein!“

Hastig raffte Sandrine ihr Nachtkleid zusammen und bedeckte ihre Blöße.

„Gehen sie! Sofort“, schrie sie ihn an.

„Ihr Wunsch ist mir Befehl“, der Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Bevor er die Tür hinter sich schloss, sagte er noch:

„Ich wollte ihnen eigentlich nur sagen, dass wir morgen die schwarze Insel erreichen.“

Sandrine warf einen Pantoffel nach ihm, traf aber nur die Tür. Tränen liefen ihr über die Wangen.

„So ein unverschämter frecher Mensch“, dachte sie, „wie kann er mich nur so beleidigen?!“

Und sie wusste nicht, ob sie wütend sein sollte, weil er sie überrascht oder verschmäht hatte. Sie gestand es sich nicht ein, aber Richard Morgan zog sie unwiderstehlich an.

Am nächsten Morgen lief die Loreley San Marino an, den Hafen der schwarzen Insel. Sandrine war mehr als erstaunt, denn sie hatte damit gerechnet, dass es eine unbewohnte Insel war. Richard Morgan gab der Mannschaft Befehle, frisches Wasser und Proviant an Bord zunehmen und das Schiff zum sofortigen Auslaufen bereit zuhalten, falls es nötig sein sollte.

Am Kai wurden sie von einer Abordnung des Gouverneurs erwartet und in den Palast gebeten. Er war aus rosa Muschelkalk erbaut und schimmerte in der Morgensonne. Der Gouverneur war ein kleiner, dicker, ausnehmend hässlicher Mann, von ausgesucht höfischen Manieren. Er war begeistert den berühmten Kapitän Morgan und Mademoiselle de la Roche in seinen bescheidenem Heim willkommen zu heißen. Er quartierte die beiden in seinem Gästehaus direkt neben dem Palast ein und bot ihnen jegliche Hilfe an, die sie benötigten.

„Wie kommt ihr darauf, dass wir Hilfe benötigen“, fragte Richard und sah den Gouverneur erstaunt an.

„Nun, ich dachte, wenn ihr, der große Kapitän Morgan, sich den weiten Weg zu unserer unbedeutenden Insel antut, dann gäbe es etwas, dass ihr benötigt.“

„Wir danken euch für eure Fürsorge. Mademoiselle de la Roche hegte den Wunsch die Insel zu sehen, auf der ihr Vater einige Jahre lebte und die er in den schönsten Farben schilderte.“

Nun war es an dem Gouverneur verduzt zu sein. Man sah ihm an, dass er fieberhaft überlegte, was er davon halten sollte.

„Wenn ihr uns für eine Exkursion eine Kutsche zur Verfügung stellen würdet, wären wir euch dankbar.“

„Natürlich gerne. Sie steht jederzeit zu eurer Verfügung“, willigte der Gouverneur ein, „würdet ihr mir die Ehre machen und heute Abend mit mir und meiner Tochter speisen?“

„Sehr gerne.“

Sandrine und Richard bedankten sich und verließen den Inselherrscher. Eine Stunde später trafen sich die Beiden und gingen zu den Pferdeställen. Dort herrschte ein reges Treiben. Mehrere Burschen waren mit Stall ausmisten, füttern, Pferde striegeln und bewegen. Richard wollte sich gerade an einen der Stallburschen wenden und ihn darum bitten eine Kutsche anzuspannen, als die beiden eine helle Stimme hinter sich hörten und sich neugierig umdrehten.

„Guten Morgen, sie sind also Kapitän Morgan?“

Vor ihnen stand eine junge Frau, in Sandrines Alter, groß, schlank mit langen strohblonden Haaren und hellblauen Augen. Sie trug ein leichtes Kleid, dass nichts von den Rundungen ihres Körpers verbarg.

„Ja, ich bin Richard“, er verbeugte sich leicht und küsste der jungen Frau die Hand, „und mit wem habe ich die Ehre?“

„Mein Name ist Natalia, ich bin die Tochter des Gouverneurs.“

„Sehr erfreut.“

Natalia nahm Richards Arm und führte ihn ein paar Schritte weg. Sandrine schnappte nach Luft. Sie konnte es kaum fassen. Dieses Mädchen erschien auf der Bildfläche und schon war Richard eifrig um sie bemüht. Wütend über diese Unverschämtheit trat sie auf einen der Stallburschen zu und bat ihn ihr ein Pferd zu satteln.

„Soll er doch mit der dummen Schnepfe reden. Selbst ist die Frau“, dachte sie.

Kurz darauf ließ sie sich von einem der Burschen in den Sattel helfen und preschte vom Hof.

„Sandrine“, rief Richard ihr hinter her.

Wutentbrannt sattelte sich Richard einen Wallach und verfolgte Sandrine. Es dauerte eine ganze Weile, ehe er sie eingeholt hatte.

„Was denkst du dir!“, stieß er aufgebracht hervor.

Richard griff ihr in die Zügel und stoppte ihr Pferd.

„Ach sind wir jetzt schon per du?“, fragte sie schnippisch.

„Ich sollte dich übers Knie legen! Der Gedanke ist sehr verführerisch!“

Richards Augen sprühten Funken.

„Ich trage die Verantwortung dafür, dass dir nichts passiert und du wirst gehorchen, sonst mache ich meine Drohung war.“

„Dann sollten sie sich nicht mit anderen Weibern herumtreiben.“

Für einen Moment war Richard perplex, dann legte er den Kopf in den Nacken und lachte.

„Weiber? Du solltest vorsichtig sein, was du sagst. Wenn das der Gouverneur hört, jagt er uns gleich von der Insel.“

Sandrine presste die Lippen zusammen und gab ihrem Pferd die Sporen. Es verfiel in einen leichten Trapp. Nach einer Weile schloss Richard zu Sandrine auf.

„Weißt du eigentlich, wo du hin willst?“

„Ja, dorthin.“

Sandrine streckte die Hand aus und deutete auf den einzigen Berg der Insel.

„Dort gibt es einen Wasserfall.“

Nach etwa einer Stunde erreichten die beiden den Wasserfall. Sie ließen die Pferde zurück und näherten sich dem Wasserfall.

„Hinter dem Wasser gibt es eine Höhle, dort soll der Schatz versteckt sein“, erklärte Sandrine.

„Dachte ich mir schon“, murmelte Richard und folgte ihr.

Auf einem schmalen Pfad am Rande des Sees, der sich unter dem Fall gebildet hatte, schoben sich die Zwei immer dichter an die rauschenden Kaskaden heran.

„Lass mich vorgehen“, sagte Richard.

Sandrine ließ ihn vorbei, denn sein Ausbruch vorhin hatte ihr etwas Angst eingeflößt. Als er sich an ihr vorbei schob, streifte er ihren Körper mit seinem für eine Sekunde zulange und sie wurde sich seiner Existenz überdeutlich bewusst. Es kostete sie ihre ganze Selbstbeherrschung, ihre Fassung nicht zu verlieren.

„Dort ist die Höhle. Ich springe hinüber, dann solltest du es versuchen“, dirigierte Richard.

Richard setzte zum Sprung an und überwand den Abgrund. Noch ehe er sich umdrehen konnte, sprang Sandrine und glitt aus. Nur Richards Geistesgegenwart war es zu verdanken, dass sie nicht stürzte. Fest hielt er sie in seinen Armen. Ihre Blicke versanken ineinander. Einen Herzschlag lang hat Sandrine die Hoffnung er würde sie küssen. Richard zögerte einen Moment, dann stellte er sie wieder aufrecht hin, ohne seiner Lust nachzugeben.

„So und was nun?“, fragte er unbeteiligt.

Sandrine schluckte. Das hatte sie nicht erwartet. Sie hatte sich schon in einer innigen Umarmung mit Richard gesehen und seine Lippen auf ihren gefühlt.

„Hier irgendwo befindet sich ein geheimer Eingang. Es müsste das Zeichen einer Sonne darauf sein.“

Die Beiden suchten die Wände gründlich ab, als Richard plötzlich etwas entdeckte.

„Hier ist eine Sonne, sie ist winzig.“

Sandrine trat heran und taste das Zeichen ab. In der Tat befand sich eine Vertiefung darin, wie ihr Vater es beschrieben hatte. Sandrine zog ihr Medaillon hervor, öffnete es und nahm einen flach geschliffenen Onyx heraus.

„Das Auge der Sonne“, sagte sie und lächelte.

Dann steckte sie den Stein in die Vertiefung. Er passte wie angegossen. Erst passierte nichts. Sandrine und Richard sahen sich fragend an. Als plötzlich ein Knirschen zu hören war und eine Geheimtür vor den Beiden aufsprang. Sandrine löste den Stein heraus. Ihr Vater hatte ihr dies eindringlich eingeschärft. Dann betraten sie die Höhle. Sie war leer, einzig eine Goldmünze lag dort, als hätte sie jemand vergessen. Richard hob sie auf.

„Was soll denn das?“

„Nein!“, hörte er Sandrine atemlos hinter sich.

Als sich auch schon der Boden unter ihren Füßen bewegte. Es tat sich ein Abgrund auf und die beiden stürzten hinein. Mit einem schmerzhaften Aufprall landeten sie in einem unterirdischen See. Sie schwammen an Land.

„Sehen sie!“, schimpfte Sandrine, „Männer!“

„Was für eine unangemessen Äußerung“, erwiderte Richard, „du hättest mir sagen können, dass ich es liegen lassen soll. Ich schätze du hast es vorher gewusst.“

Schuldbewusst presste Sandrine ihre Lippen zusammen. Richard hatte Recht. Aber jetzt war es zu spät. Musste er denn auch alles anfassen.

„Wir sollten dem Fluss folgen, irgendwo muss er ja hinaus“, schlug Richard vor.

Er wanderte am Rand des unterirdischen Sees entlang. Sandrine folgte ihm schmollend. Sie war wütend. Ihr Kleid war nass und sie verspürte Hunger. Aber sie verkniff sich einen Kommentar. Richard sollte nicht glauben, dass sie eines dieser Püppchen war, mit denen er umspringen konnte, wie er wollte. Hocherhobenen Hauptes versuchte sie Haltung zu bewahren. Endlich kamen sie an den Durchlass des Flusses, der ans Tageslicht führte.

„Dadurch?“, fragte Sandrine nur.

Richard nickte und ehe er noch etwas sagen konnte, war Sandrine ins Wasser gesprungen und tauchte mit der Fließrichtung durch die Felsöffnung nach draußen. Zwei Sekunden später tauchte Richard neben ihr auf und zog sie hinter sich her an Land. Sie befanden sich in dem Auffangbecken des Wasserfalls.

„Alles ist zunichte“, flüsterte Sandrine niedergeschlagen, „mein Vater wird seinen Besitz verlieren und um meinen Eltern ein halbwegs menschenwürdiges Dasein zu sichern, werde ich den Duke of Herrington heiraten müssen.“

„Den alten Kerl“, rutschte es Richard heraus.

„Das ist also das Geheimnis hinter der Notlage“, dachte er.

Hilflos zuckte Sandrine mit den Schultern, stieg auf ihr Pferd und gab ihm die Sporen. Richard holte sie nach einer Minute ein. Schweigend ritten sie nebeneinander her, bis sie zum Palast kamen. Um nicht in diesem unwürdigen Aufzug gesehen zu werden, lenkten sie die Pferde zum Gästehaus und ließen sie, von einem der Diener zum Stall führen.

„Ah, wie schön sie begrüßen zu dürfen.“

Der Gouverneur begrüßte Sandrine und Richard mit einem unechten süßlichen Lächeln.

„Wie ich hörte, hatten sie einen kleinen Zwischenfall heute Nachmittag.“

„Nein, nichts Besonderes“, antwortete Richard und lächelte zurück, „wir haben nur ein kleines Bad genommen.“

„Richard, wie schön sie zu sehen. Ich muss sie unbedingt ein paar Leuten vorstellen“, zwitscherte Natalia und kicherte, wie eine dumme Göre.

Ohne eine Antwort abzuwarten, hakte sie sich bei ihm ein und zog ihn mit sich fort. Sandrine war für einen Moment sprachlos. Was für eine Frechheit.

„Nun, Mademoiselle de la Roche, wie gefällt ihnen die berüchtigte schwarze Insel?“, fragte der Gouverneur.

Sandrine versuchte einen Schauer zu unterdrücken, der ihr bei seinem abschätzenden Blick über den Körper lief. Warum hatte Richard sie nur hier stehen gelassen, mit diesem feisten Kerl, der ihr auf das Dekolleté starrte? Um ihn abzulenken, fragte Sandrine:

„Darf ich fragen, wann sie auf diese Insel kamen?“

„Nun, es ist etwa 28 Jahre her. Ich fand einen wahren Schatz und dachte mir, dass ich hier bleiben sollte.“

Bei diesen Worten funkelten seine Augen listig. Sandrine hatte plötzlich ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. 28 Jahre. Das war genau um die Zeit herum, als ihr Vater die Insel verlassen hatte und nach Hause zurück gekehrt war, um ihre Mutter zu heiraten.

„Das hört sich aufregend an.“

Sie kicherte so, wie sie es von Natalia gehört hatte und hoffte, der abstoßende Gouverneur würde sie nicht durchschauen.

„Darf ich fragen, um was für einen Schatz es sich handelt?“

Der Alte fasste Sandrine am Arm und zog sie Richtung Ballsaal. Sie musste aufpassen, dass die Übelkeit sie nicht übermannte.

„Nun, zum einen gibt es hier fruchtbaren Boden, für Kaffee, Kakao, Kokosnüsse.“ Er kam näher an Sandrine heran, die alle Beherrschung aufbringen musste, um nicht davon zu laufen, „Und außerdem fand ich einen Schatz aus Gold.“

Sandrine probte einen faszinierten Augenaufschlag.

„Ach, Gouverneur, wie aufregend, oder wollen sie mir etwa ein Märchen erzählen?“

„Nein, nein! Es ist wahr“, bestätigte er energisch, weil er glaubte, in Sandrines Gunst zu steigen, „ich kann es ihnen sogar beweisen.“

Der Gouverneur zog eine Golddublone aus der Jackentasche und hielt sie Sandrine hin.

„Hier sehen sie“, er lachte verschlagen, „eine ganze Kammer voll.“

„Oh, wie aufregend“, Sandrine spielte geschickt mit, „darf ich sie mir mal ansehen?“

„Natürlich?“, er reichte ihr das Goldstück.

„Wundervoll. Ein schönes Stück“, zwitscherte Sandrine.

Es war genau so eine wie die, die Richard in der Höhle gefunden hatte.

„Wundervoll. Sicherlich ein antikes Stück und sehr wertvoll“, sagte Sandrine.

„In der Tat, so ist es“, erwiderte der Gouverneur, sah ihr statt in die Augen, aufs Dekolleté und ließ einen seiner dicken Finger über ihren Unterarm gleiten, „wie wäre es Mademoiselle de la Roche, darf ich sie zu einem Glas Champagner entführen?“

Sandrine hätte sich am liebsten übergeben, aber sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Unauffällig ließ sie ihren Blick durch den Saal schweifen. Wo war Richard?

„Ja, sehr gerne, Gouverneur. Aber vorher muss ich noch ein stilles Örtchen aufsuchen. Ich folge ihnen gleich“, hielt sie ihn hin.

„Dann meine Liebe, lasse sie mich nicht solange warten“, er zwinkerte ihr vertraulich zu und hüpfte davon.

Sandrine sah ihm angewidert nach.

„Was für ein ekliger Mensch“, dachte sie, „Richard ist weg und Natalia ist auch nirgends zu entdecken.“

Das konnte nur eins bedeuten, die beiden waren zusammen. Sandrine spürte eine heiße Wut in sich aufsteigen. Wenn sich das als wahr herausstellen sollte, dann konnte er was erleben. Sie huschte aus einer der geöffneten Terrassentüren, die große Freitreppe hinab, zum Gästehaus. Leise ging sie den Flur entlang, eilte die Treppe hinauf, und als sie gerade Richards Tür öffnen wollte, stürzte ihr eine zornentbrannte Natalia entgegen, die ihr Mieder an sich presste.

„Das werdet ihr mir büßen! Mit mir könnt ihr nicht so umspringen!“, spie sie Richard die Worte entgegen.

Natalia hastete die Treppe hinunter und die Haustür fiel mit einem lauten Krachen ins Schloss.

„Was ist los?“, Sandrine vergaß ihre Wut und sah Richard erstaunt an.

„Wir sollten gehen, die Lady wird ihren Vater und die Wachen auf uns hetzen.“

„Wieso denn das?“

„Weil sie behaupten wird, ich hätte ihre Jungfräulichkeit angetastet“, erklärte er ungeniert.

„Und haben sie?“, fragte sie spöttisch, „sie hätten lieber mich wählen sollen, dann wäre ihnen dieses Pech erspart geblieben, mein Vater ist weit weg.“

Richard sah Sandrine mit einem Blick an, den sie nicht deuten konnte, ein schadenfrohes Grinsen huschte über sein Gesicht.

„Erstens habe ich ES nicht getan und zweitens, danke für das Angebot, ich werde es später gerne annehmen.“

Sandrine blieb der Mund offen stehen. Jetzt war ihr klar, was schief gelaufen war. Sie hatte sich freiwillig angeboten. Sie erwog, sich über die Reeling zu stürzen oder sich mit Alkohol zu vergiften. Andererseits war es vielleicht ein bisschen zu dramatisch, sich wegen so einer Sache, die ja doch irgendwann getan werden musste, umzubringen. Außerdem gab es keinen Schatz und die Heirat mit dem alten Harrington war beschlossene Sache. Dann sollte sie es doch lieber einmal mit Richard tun, denn das was sie bei dem Duke erwarten würde, ließ ihr schon jetzt eisige Schauer über den Rücken laufen.

„Sandrine, wir müssen gehen“, riss sie Richard aus ihren Gedanken.

Er hatte seinen Degen und seine Waffen angelegt und zog sie am Arm hinter sich her fort.

„Meine Kleider“, rief Sandrine unglücklich.

„Ich kaufe dir Neue, soviel du willst.“

„Aber …!“

„Nicht jetzt“, murmelte Richard.

Die Beiden verließen das Gästehaus durch die Hintertür, wo zwei gesattelte Pferde warteten. Richard hob Sandrine in den Sattel und saß selbst auf.

„Ich weiß, dass du gleich vor Neugier platzt, aber warte bis nachher, dann erkläre ich dir alles!“, brachte er Sandrine zum Schweigen.

Funken sprühende Blicke trafen ihn. Richard griff in ihre Zügel, zog das Pferd etwas zu sich herüber, griff ihr in die langen Locken, beugte sich geschickt zu ihr und küsste sie so heißblütig, dass Sandrine alles um sich herum vergaß. Richard gab dem Pferd die Sporen und Sandrine folgte ihm. Sie hatte ihren Entschluss gefasst: Sie würde sich Richard hingeben, auch wenn es eine Demütigung für sie bedeutete, aber der Kuss hatte sie restlos durcheinander gebracht.“

Ich mache eine Pause und trinke den Rest meines Cappuccinos, der schon kühl geworden ist.

„Und was passierte dann?“

Die Verkäuferin sieht mich mit roten Apfelbäckchen an.

„Nun, auf dem Schiff angekommen, stach die Loreley sofort in See. Das war auch nötig, denn die Wachen des Gouverneurs hatten die Flucht der beiden bemerkt. Allerdings stellte der Inselherrscher erst sehr viel später fest, dass Kapitän Richard Morgan seinen antiken Schatz gestohlen hatte.“

„Oh, wie aufregend! Und Sandrine?“

„Sie erfuhr erst davon, als sie eine ekstatische Liebesnacht mit Richard hinter sich hatte. Sie war in seine Kajüte gekommen, hatte sich ihres Negliges entledigt und gesagt:

„Ich will euch gehören.“

Und ganz entgegen ihrer Vermutung hatte Richard nichts Zynisches oder Sarkastisches gesagt. Er hatte sie hochgehoben und in sein Bett getragen. Was dann passierte, war für Sandrine ein Fest der Sinnesfreude. Sie lernte schnell und in dieser Nacht gab es viele explosive Höhepunkte auf beiden Seiten. Richard sorgte dafür, dass Sandrines vergehende Jungfräulichkeit in gebührendem Maß gefeiert wurde. Als er ihr sagte, dass er sie mehr als alles andere liebe und sie seine Frau werden sollte, sagte sie ohne zu Zögern ja. Als sie erfuhr, dass er der Duke of Harrington sei und nur sein Vater um sie geworben habe, um zu sehen, wie die Familie reagieren würde, konnte sie ihm nicht böse sein. Erst recht nicht, als er ihr den Schatz ihres Vaters zu Füßen legte und ihr sagte:

„Du bist frei. Wenn du mich willst, dann bin ich einverstanden. Du kannst das Geld nehmen und alle Schulden bezahlen.“ Richard machte eine Pause und sah Sandrine prüfend an. „Aber wenn du mich heiratest, dann verspreche ich dir, dass ich dich auf Händen tragen und zur glücklichsten Frau der Welt machen werde.“

Damit schließe ich die Erzählung. Mein Herz klopft. Ich liebe romantische Geschichten. Süß wie Zuckerwatte. Nicht realistisch, aber schön. Die Geschichten und das Leben haben eben nicht sehr viel miteinander gemeinsam. Ich erzähle mir mein Leben schön, überlege ich. Soll ich damit aufhören? Oder braucht die Welt die Süßigkeit der Romanzen? Schlimmes gibt es schon so viel. Solange es Träume und Träumer gibt, solange würde es Ideale und Paradiese geben. Auch wenn sie nur in den Köpfen der Menschen existierten. Um sie zu verwirklichen, müssen sie erst einmal geträumt werden.

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