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Posts Tagged ‘Strohlager’

Meine Knochen klappern. Die unmenschliche Kälte, das Wandern durch das Niemandsland, Dunkelheit, immer in Gefahr entdeckt zu werden. Und der Mann, der mich führt, ist ein rätselhafter Fremder. Unter seinem langen schwarzen Mantel, trägt er eine dunkle Lederrüstung und dicke Stiefel. In seinem Gürtel stecken Messer und Wurfsterne. In den beiden Rückenhalftern stecken Schwerter. Ich bin sehr sicher, dass dies nicht die einzigen Waffen sind. Bevor Malachias mich ihm anvertraute, hatte ich noch nie von ihm gehört und mir kam im Palast viel Klatsch und Tratsch zu Ohren. Malachias sagte mir, er sei einer der Schattengänger, was auch immer das bedeutet.

Ich habe Angst“, wage ich das Wort an ihn zu richten.

„Das ändert nichts“, stellt mein Begleiter gleichgültig fest.

„Mir ist so kalt. Ich kann kaum noch laufen.“

Meine Zähne schlagen beim Sprechen aufeinander. Er sieht mich herablassend an.

„Ich wusste, dass ich mit dir `ne Menge Ärger haben werde. Also gut. Eine kleine Pause. Los Junge, hinter der nächsten Biegung liegt eine kleine Hütte im Wald, da können wir rasten.“

Er packt mich energisch am Arm und zerrt mich weiter. Hat er wirklich nicht gemerkt, dass ich ein Mädchen bin? Malachias hat mir eingeschärft mich nicht erkennen zu geben. Ich kann niemandem vertrauen. Bis jetzt ist alles gut gegangen. Tatsächlich ist es nicht sehr weit bis zu der Hütte. Der Schattenmann macht ein Feuer in dem kleinen gusseisernen Ofen. Ich hocke mich dicht daneben. Am liebsten würde ich den Zylinder mit beiden Armen umklammern, um die Wärme in mir aufzusaugen.

„Da kannst du schlafen.“

Er deutet auf eine Ecke in der Stroh in Säcken aufgeschichtet ist. Ein paar alte Decken liegen zusammengeknüllt obenauf.

„Hier ist es wärmer“, riskiere ich, mit einem skeptischen Blick auf die vergammelten Decken, ein Widerwort.

Unsere Augen treffen sich. – Ich beiße die Zähne zusammen und krieche ohne weiteren Protest auf das Strohlager. Es riecht stockig. Ein Ekelgefühl schüttelt mich. Ich versuche flach zu atmen. Er zieht seinen Mantel aus, legt sich hinter mich und breitet den Mantel als Decke über uns aus.

„Mir ist das Ganze auch nicht geheuer“, murmelt er.

Es ist das erste Mal, dass ich einen Anflug von Gefühlsregung bei ihm erkennen kann. Er legt seinen Arm um mich, zieht mich so dicht an seine Brust, dass kein Blatt mehr zwischen uns passt. Für einen atemlosen Moment spannt sich jeder Muskel meines Körpers an. Ich liege stocksteif da.

Nach einer Weile höre ich seine gleichmäßigen Atemzüge und entspanne mich. Ich schmiege mich so effektiv wie möglich an seinen athletischen Körper, um alle Wärme aufzunehmen, die ich erhaschen kann. Ein Geruch von Leder, Wärme und Wolle steigt mir in die Nase und ist nicht einmal unangenehm, wenn der Mief des alten Strohs nicht wäre.
Ich sehne mich beinahe schmerzlich nach einem heißen Bad mit duftenden Badeessenzen und einem dicken weichen Handtuch, mit dem ich mich einhüllen kann. Danach eine Orgie aus Cremen und Ölen, die meine Haut wie ein Schwamm aufsaugen würde.

Stattdessen liege ich auf einem stinkigen Strohlager, in den Armen eines mysteriösen Unbekannten, auf der Flucht vor meinen Häschern und vertraue ihm mein Leben an. Ich habe Furcht vor ihm. Gleichzeitig fühle ich mich in einem Maß von ihm angezogen, dass mich schwindelig macht. Seine eindrucksvolle physische Präsenz, die außergewöhnlich Ausstrahlung, der hypnotische Blick und die gebieterische Stimme machen ihn unwiderstehlich. Andererseits spüre ich, die undurchdringliche, fast wesenhafte Dunkelheit, die von ihm ausgeht.
Wie viele Leben hatte er genommen? Wie viel Blut vergossen? Schuldig oder unschuldig. Wie oft dem Tod ins Angesicht gesehen? Er war furchtlos, bis zur Selbstzerstörung. Ich hatte es selbst gesehen.

Malachias brachte mich zu dem vereinbarten Treffpunkt. Etwas war schiefgegangen und wir wurden entdeckt. Ich war den Gegnern so wichtig, dass man mich mit einem Trupp von hundert Soldaten jagte. Lächerlich. Die Flucht war vereitelt ehe sie begonnen hatte. Bis er die Schwerter zog. Er streckte die Angreifer mit eine Präzision nieder, die ihres gleichen suchte. Eiskalt. Kein Zaudern in seinem Blick. Kein Zögern, wenn er die Schwerter durch Fleisch und Knochen fahren ließ. Jeder Schlag ein Treffer. Trotz seiner Größe und Kraft bewegte er sich elegant und leichtfüßig wie ein Tänzer. Ein Tänzer des Todes in einem Ballett des Verderbens. Ich glaubte nicht an Götter und Dämonen, aber er brachte meine Überzeugung ins Wanken. Nachdem er die Hälfte der Soldaten geschlachtet hatte, ergriffen die anderen die Flucht. Er wischte das Blut vom Stahl und steckte die Schwerter zurück in ihre Holster. Nicht ein Haar hatte man ihm gekrümmt. Gab es einen Gegner, dem er nicht standhalten konnte?

„Schlaf und hör auf nachzudenken.“

Schreckte mich seine tiefe Stimme aus meinen Gedanken.

„Ich dachte, du schläfst?“

„Ich schlafe nie.“

Der Gedanke, zu keiner Zeit Ruhe zu finden, schmerzt mich körperlich.

„Hast du niemals geschlafen?“

„Doch, aber das muss tausend Jahre her sein. So fühlt es sich jedenfalls an.“

„Warum hast du den Auftrag von Malachias angenommen?“

„Er war einer der wenigen Menschen, die gut zu mir waren, wenn man zu unsereins gut sein kann. Und er hat mich gebeten den letzten Nachkommen des Hauses Schador zu beschützen.“

Er schweigt, aber ich weiß, er verheimlicht mir etwas.

„Den anderen Grund kannst du nicht verstehen“, fährt er fort, „dazu bist du zu jung. Schlaf jetzt.“

Ich habe noch so viele Fragen. Plötzlich streicht er mir über die Augen. Dunkelheit.

 

Fotzsetzung in Planung 🙂

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