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Posts Tagged ‘Tresen’

„Wenn dir jemand einreden will, es gäbe keine Monster, glaub ihnen kein Wort“, flüsterte der alte Mann.

Magnus sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an.

„Was redest du für einen Unsinn, Alter!“, winkte er ab, „du hast viel zu tief ins Glas geschaut. Aus dir spricht der Fusel.“

In seiner Ehre gekränkt richtete sich der Mann auf. Sein Blick war klar und seine Stimme fest, als er sagte:

„Ich habe die Monster gesehen, Herr. Wenn ihr mir nicht glaubt, überzeugt euch selbst.“

Er legte ein Goldstück auf den Tresen. Der Wirt starrte ungläubig darauf, dann schnappte er danach, als würde sein Leben davon abhängen.

Der Alte erhob sich. Magnus rührte sich nicht.

„Nun, Herr? Habt ihr Angst oder seid ihr bereit, zum Abenteuer eures Lebens aufzubrechen.“

Träge erhob Magnus sich. Was kann es schaden, dachte er, allenfalls ein paar verschenkte Stunden.

„Aber ich muss euch warnen: wenn ihr sie einmal gesehen habt, gibt es kein Zurück.“

Wieder winkte Magnus ab.

„Unk nicht, sondern zeig mir deine Monster, dann werden wir ja sehen.“

Der Mann nickte mit bedeutungsschwerem Blick. Magnus sah ein gefährliches Funkeln, das zuvor nicht dagewesen war und fühlte einen leisen Zweifel aufsteigen. Doch sein Stolz verbot ihm, sein Angebot zurückzuziehen.

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31.12.2016, Café Vienna  

Morgens um sieben. Der einzig heimelige Ort an diesem Tag. Ich sitze auf meinem Lieblingsplatz.

„Einmal wie immer“, fragte Ruth, meine Lieblingsbäckereifachverkäuferin.

Ich nickte und legte das Geld auf den Tresen. Sie lächelte und legte ein Quarkbällchen neben meine Laugenstange.

„Geht aufs Haus“, sagte sie, „ich wünsche dir einen guten Rutsch ins neue Jahr.“

„Das wünsche ich dir auch.“

Ich erwiderte ihr Lächeln, obwohl ich am liebsten geweint hätte und warf das Wechselgeld in das bunte Sparschwein neben den Besteckbehältern. Ihre Kollegin schäumte die Milch für meinen Milchkaffee auf. Dann gab sie den Espresso zu der Milch in das Glas, verzierte den Schaum mit Schokosoße. Ich liebte das Zischen und Brodeln der chromglänzenden Espressomaschine.

„Denk dran, morgen machen wir erst um zehn auf“, sagte Ruth, dann stellte sie mir den Milchkaffee neben meinen Teller auf das Tablett.

„Danke“, ich nahm mein Tablett und setzte mich.

Auf meinem Lieblingsplatz schreibe ich. Beobachte die Leute, die hereinkommen, sich an die umliegenden Tische setzen. Ich lausche ihren Gesprächen, schaue mir ihre Gesichter an. Frage mich, welche Lebensgeschichte sie mitbringen. Wohin sie gehen, woher sie kommen. Sind sie glücklich oder unglücklich. Ich weiß es nicht, aber ich bin Schriftstellerin. Ich muss es nicht wissen, ich denke es mir aus.

Jetzt denke ich an dich. Wo bist du? Was tust du? Ich frage dich nicht, auch wenn ich es gerne wüsste. Was würde es nützen? Du antwortest nicht, rufst nicht zurück. Für dich bin ich nur Lückenfüller. Ein netter Zeitvertreib, mehr nicht.

Ich sollte es mir nicht zu Herzen nehmen. Du hast mich über deine Motive nie im Unklaren gelassen. Leicht und unkompliziert soll es sein. Aber das Herz will, was das Herz will. Besonders wenn es einen Ausweg sucht. Gegen jede Regel und gesunden Menschenverstand und so werde ich den heutigen Abend allein verbringen, wie den Abende davor und die vielen anderen Abende vorher.

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Auf der Seite in meinem Arbeitsjournal, die ich aufschlug, fielen mir das Stichwort: Inselgäste (ein Romantitel) und ein weißes Holzhaus (das an einer Strandpromenade steht) ins Auge. Hier ist mein Text dazu:

Die Ankunft

Sandrine stand am Bug des kleinen Fährschiffes und hielt ihren Blick fest auf das nahende Ufer gerichtet. In wenigen Minuten würde sie wieder festen Boden unter den Füßen spüren. Sie war erleichtert. Sandrine konnte schwimmen und liebte das Meer. Niemals wäre sie im Urlaub in die Berge gefahren und doch war ihr der Ozean unheimlich. Innerhalb kürzester Zeit konnte aus einem spiegelglatten, südlichen Meer ein brodelndes, zischendes, lebensgefährliches Ungeheuer werden. Ihre Granny sagte immer: Pass auf mein Mädchen, Wasser hat keine Balken.

Die Fähre legte an. Sandrine und die wenigen Mitreisenden gingen von Bord. Jeder schien zu wissen, wohin er gehen musste. Nur Sandrine blickte sich unsicher um. In der SMS stand: „Erwarte sie an der Anlegestelle.“ Doch keiner, der noch anwesenden Personen, interessierte sich für sie. Es waren Fischer und Fährenmitarbeiter, die einen kurzen Landgang machten.

Sandrine kontrollierte ihr Handy. Es war keine SMS eingegangen. Nachdem sie eine Weile gewartet hatte, ging sie gemächlich zu einem schönen, weißen Holzhaus in der Nähe der Anlegestelle. Immer wieder sah sie sich suchend um, doch als sie das Haus erreichte, war niemand erschienen, der sie abholen wollte. Über der Tür hing ein großes Schild: Post Office – Café. – Sicher kann man mir hier weiterhelfen, dachte Sandrine, Mister Hodgsen ist auf einer Insel mit kaum 30.000 Menschen bestimmt kein Unbekannter und außerdem gibt es Kaffee. –

Sandrine betrat den Gastraum, der von dunkel, glänzend polierten Holzmöbeln dominiert wurde. Hinter einem langen Tresen unterhielten sich ein älterer Mann und eine Frau ihres Alters. Sie verstummten und betrachteten Sandrine aufmerksam.

„Hallo, mein Name ist Sandrine Connor.“

Ehe sie weiter sprechen konnte, wurde sie von der Frau unterbrochen.

„Und sie suchen sicher Mister Hodgsen“, sie lächelte, „es tut ihm sehr leid, aber er ist verhindert. Sie möchten bitte hier warten. Er holt sie ab, sobald er fertig ist.“

„Na, so schön hat er das nicht gesagt“, brummelte der Mann in seinen weißen Vollbart.

– Ihm fehlt nur noch eine blaue Mütze und eine Pfeife, dachte Sandrine, fertig ist der Seemann. –

„Ach Pa, mach Miss Connor keine Angst“, die Frau wandte sich an Sandrine, „ich bin Annie Lincoln und das ist mein Vater Carl. Setzen sie sich. Ich mache ihnen eine Portion unserer leckeren Pancakes und Pa brüht einen frischen Kaffee“, bei diesen Worten sah sie Carl scharf an.

„Danke, und bitte sagen sie Sandrine. Miss Connor hört sich so streng an.“

„Gerne. Setzen sie sich.“

Annie nickte ihr freundlich zu und verschwand in der Küche, während ihr Vater die stahlglänzende Kaffeemaschine dazu brachte, ihr einen schmackhaften Kaffee zu brühen.

Sandrine schob ihr Gepäck in eine Ecke und setzte sich auf einen Barhocker in der Nähe des Fensters. Sollte Mister Hodgsen auftauchen, konnte sie gleich einen Blick auf ihn werfen. Er hatte sich schon ein erstes Bild von ihr machen können. Ihren Bewerbungsunterlagen lag ein neues Foto bei und durch den Lebenslauf konnte er immerhin einen kleinen Eindruck von ihr gewinnen. Sandrine dagegen kannte nur seine Stimme. Sie war angenehm tief, aber bestimmt.

„Die Pancakes und ihr Kaffee“, Annie stellte das Essen vor ihr auf den Tresen. „Darf ich sie etwas fragen?“

„Gerne“, Sandrine nahm einen Schluck Kaffee und zerteilte einen Pancake.

„Wie hat es sie auf unsere Insel verschlagen? Die meisten Leute wollen von hier fort aufs Festland, in die Großstadt.“

Fortsetzung …. 🙂

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Der Bus hielt. Sandra griff nach den Krücken und hievte sich von ihrem Sitzplatz hoch. Jemand stieß sie an. Sandra wankte und wäre beinahe hingefallen, hätten sie nicht zwei starke Arme aufgefangen.

„Hey, passen sie doch auf“, rief der Mann dem Rempelrowdy hinterher, „sie hätten die junge Frau beinahe umgestoßen.“

Der Junge drehte sich kurz um, zeigte den Stinkefinger und ging weiter.

„Ich würde beinahe sagen, die Jugend von heute, wenn ich nicht selber dazugehören würde“, sagte Sandra.

Ihr Retter lachte.

„Zum Glück sind nicht alle so gleichgültig.“

Sandra nickte.

„Eigentlich bin ich selbst schuld. Normalerweise würde ich um diese Uhrzeit nicht Bus fahren. Schon gar nicht in meinem angeschlagenen Zustand. Aber ich habe ein Vorstellungsgespräch. Das kann ich auf keinen Fall sausen lassen.“

Der Mann lächelte. Er erinnerte Sandra an ihren Vater. Dunkles Haar, graue Schläfen. Er trug Anzug, sah aus wie ein Bänker oder Versicherungsmann.

„Dann wünsche ich ihnen alles Gute!“

„Vielen Dank und Danke für ihre Hilfe“, sie rückte ihren Rucksack mit der Bewerbungsmappe zurecht und wendete sich dem imposanten Büroklotz zu, „wenn ich den Job kriege und wir uns wiedersehen, lade ich sie zu einem Kaffee ein.“

„Wie wäre es mit Tee?“

„Auch das“, Sandra grinste.

Er winkte einen Gruß zum Abschied und entschwand in die entgegengesetzte Richtung. Sandra gab sich einen Ruck und stelzte auf den Eingang des Hochhauses zu. Es gefiel ihr in keiner Weise in diesem lädierten Aufzug bei dem Firmenchef eines Megakonzerns aufzutauchen, aber mit einem gebrochenen Bein konnte sie nicht wirklich Businessmäßig aussehen.

Sandra hatte den Eingang beinahe erreicht, die warme Luft aus dem Foyer drang ihr schon entgegen, als sie ein nervöses Gebell neben sich hörte (Übersetzung: Hey, du, ich brauche einen Türöffner!). Sie drehte den Kopf und da stand er. Glänzendes brauner Fell, kurze Beine, lange Ohren mit einem roten Lederhalsband und einem Herz daran. Sandra liebte Hunde und ehe sie wusste, was sie tat, sagte sie:

„Na, du Süßer, wo gehörst du denn hin?“

Als Antwort auf die Frage kläffte er kurz (Übersetzung: „Jedenfalls nicht hier her!“). Sandra übersetzte:

„Du weißt nicht, wo dein Herrchen ist?“

Sandra sah sich nach einem Hundehalter um. Aber die Leute liefen vorbei, in Gedanken versunken, vermutlich schon halb im Büro. Keiner sah wie ein potenzieller Dackelbesitzer aus. Dafür rückte dieser ein Stück näher. Sandra balancierte zu ihm herunter und streichelte sein glänzendes Fell. Das gefiel ihm außerordentlich und er erwählte Sandra zu seiner Begleiterin. Der Dackel blieb ihr dicht auf den Fersen, als sie sich anschickte das Foyer zu betreten.

„Nein, das geht nicht“, flüsterte Sandra dem Dackel zu und erntete einen finsteren Blick von einem Security-Mann in Bodybuilderformat, Glatze und Schlagstock inbegriffen.

„Der Hund muss draußen bleiben!“, knurrte er.

Der Dackel ebenfalls. (Übersetzung: „Ich denk ja gar nicht dran! Ätsch!“)

„Ich weiß, das“, sagte Sandra, „aber er nicht!“

„Binden sie ihn draußen an!“

Sein Ton verschärfte sich und er kam näher, baute sich in voller Größe vor Sandra auf. Der Dackel trippelte zwischen Sandra und den Mann in Uniform und gab ein ungnädiges Wuffen von sich. (Übersetzung: „Lass meine Gesellschafterin in Ruhe! Sonst … .“)

„Wollen sie mir drohen? Mein Freund ist bei der Presse“, log Sandra, „soll morgen in der Zeitung stehen, Security des stadtgrößten Konzerns schlägt Behinderte?“

Irritiert sah er sie an. Sandra konnte sehen, wie hinter seiner hohen Stirn die Gedanken schwerfällig auf und ab schwappten. Er kam ihr wie eine menschliche Lavalampe vor. Blubb, Blubb, Blubb.

„Ist das eine Fangfrage oder was?“, versuchte er Zeit zugewinnen.

Sein Meister-Propper-Gesicht war inzwischen purpurrot. – Ob er platzt, wenn man eine Nadel in seine Wange sticht, überlegte Sandra. – Wütend über ihre Weigerung seinem Befehl zu folgen, tippte er Sandra mit spitzen Fingern fest gegen die Schulter.

Sandra wackelte, verlor eine Krücke, der Dackel-Guard kläffte einmal scharf (Übersetzung: „Jetzt reicht`s!“), und warf sich mit aller Kraft gegen den Feind. Er sprang hoch und schnappte nach dem Unterarm des Securitymannes. Sofort setzte Gebrüll ein. Der Muskelmann wirbelte herum und versuchte den Dackel abzuschütteln. Doch der Hund hielt fest und die scharfen Zähne bohrten sich weiter in sein Fleisch, je energischer er ihn entfernen wollte.

„Verstärkung! Sanitäter!“, schrie er.

Eine kleine Menschenmenge hatte sich um das turbulente Trio versammelt. Doch niemand kam dem Muskelprotz zu Hilfe. Einige machten Handyfotos oder nahmen die Dramödie auf. – Das kann ich mir sicher nachher auf YouTube ansehen. – Sandra nutzte die Gelegenheit und humpelte dem Aufzug zu. Was hatte die Sekretärin am Telefon gesagt? 26te Etage?

Vor dem Eingang ertönte ein nerviges Blaulicht. Endlich trafen die Sanitäter ein, die der Rezeptionist gerufen hatte.

„Würden sie bitte Platz machen“, riefen die beiden Jungs vom Roten Kreuz und versuchten sich einen Weg zu dem Opfer zu bahnen.

Die Türen des Lifts öffneten sich. Sandra trat ein. Sie drückte mit dem Fuß der Krücke auf die 26. In diesem Moment ließ der Dackel von dem Security-Mann ab. Er flog ein Stück durch die Luft, fiel, rappelte sich hoch, hoppelte in den Lift und setzte sich siegesgewiss neben Sandra.

„Hey, sie“, brüllte der Wachmann den Flüchtigen hinterher, „sofort stehen bleiben.“

Er wollte hinter her, aber die beiden Sanis hielten ihn fest. Sandra schwenkte eine Krücke, die Türen schlossen sich. Mit leisem Summen setzte sich der Fahrstuhl in Bewegung. Sandra sah sich und den Dackel in den Spiegeln des Lifts und musste grinsen.

„Na, Dackelito, dem haben wir es aber gezeigt.“

Der Lift hielt im siebten Stockwerk. Zwei Männer stiegen zu. Interessiert betrachten sie Sandra und den Hund, die ihrerseits die beiden Neuankömmlinge musterten. Der Kleinere, dunkle Haare, drei-Tage-Bart stieß seinen Begleiter an. Sie grinsten.

„Das ist aber ein kleiner Behinderten-Hund“, sagte der große Blonde mit den himmelblauen Augen.

„Ich habe ja auch nur eine kleine Behinderung“, erwiderte Sandra und grinste zurück.

Das werteten die beiden Herren als Startschuss zum Flirten.

„Wo soll es denn hingehen?“, fragte der Dunkelhaarige.

„In die sechsundzwanzig. Vorstellungsgespräch.“

Die beiden warfen sich einen bedeutungsvollen Blick zu.

„Oh, dann viel Glück.“

„Das hört sich nicht besonders ermutigend an.“

„Nur nicht ins Boxhorn jagen lassen, sie haben doch ihre Bulldogge dabei“, sagte der große Blonde.

Dackelito fühlte sich angesprochen und kläffte. (Übersetzung: „Ich nehm es mit jedem auf!“). Ein Piepton erklang. Der Kleine zog sein Smartphone aus der Tasche, schaute aufs Display und lachte.

„Lass mal sehen“, der Blonde nahm ihm das Handy aus der Hand und sah schmunzelnd auf den Minibildschirm, „Sie sind der Star des Hauses.“

Er hielt Sandra das Handy hin. Es zeigte einen Schnappschuss von Meister Proper, der wutschnaubend versuchte den Dackel loszuwerden.

„Oh, Oh“, sagte Sandra.

Der Lift hielt in der 24. Die beiden verabschiedeten sich von Sandra und wünschten ihr Glück. Bevor die Türen zu gingen, kam der Blonde zurück, stellte sich auf die Kontaktschwelle und strahlte Sandra an.

„Vielleicht rufen sie mich an und wir feiern. Im schlimmsten Fall weinen sie sich an meiner Schulter aus.“

Bevor Sandra antworten konnte, drückte er ihr seine Visitenkarte in die Hand, hauchte verwegen einen Kuss auf ihre Wange und eilte seinem Kollegen hinterher. Dackelito kratzte sich mit der Hinterpfote hinter den langen Ohren. (Übersetzung: „Na so was.“)

„Na so was!“, Sandra war platt, „ganz schön frech.“

Ein verklärtes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. Wieder hielt der Lift. Diesmal auf der 26. Die Türen glitten auf. Sandra blickte auf eine riesige Uhr, Marke Hauptbahnhof, über einem sterilen Tresen, auf dem eine weiße Orchidee blühte. Sie war pünktlich, hatte sogar noch zehn Minuten Zeit. – Ob die Orchidee echt ist, überlegte Sandra, könnte sein. – Die ältere Dame hinter dem Tresen musterte sie streng.

„Setzen sie sich. Herr Bernhard empfängt sie gleich“, sagte sie mit schnarrender Stimme.

– Was für eine schlechtgelaunte alte Schachtel! – Sandra ließ sich gegenüber auf der weißen Plastikbank mit den verchromten Füßen nieder. Dackelito benahm sich tadellos. Er sprang neben Sandra auf den Sitz, sah sich interessiert um und machte keinen Mucks. – Als würde er zum Vorstellungsgespräch gehen. – Bei dem Versuch ihre Krücken zu sichern, rutschten sie weg und fielen geräuschvoll zu Boden.

Der strafende Blick der Empfangsdame verursachte Sandra Unbehagen. – Und sie hat nicht mal den Hund gesehen. Wer weiß, was dann los ist. Durchziehen oder gleich wieder gehen? – Sandra hatte sich geschworen nie wieder in einer Firma zu arbeiten, in der schlechte Schwingungen herrschten. Weiteres Grübeln erübrigte sich. Sie hörte eine sonore Männerstimme:

„Die Nächste!“

Die Empfangsdame bedeutete ihr mit einer Kopfbewegung – Mädchen steh auf, beweg dich. – Sandra brachte sich wieder in den aufrechten Stand. – Die hat mich schon abgeschrieben. Ich bin nicht mal eine paar Worte wert. – Eine Dame im eleganten Kostümchen rauschte hocherhobenen Hauptes an ihr vorbei, Richtung Fahrstuhl. Sie würdigte Sandra und den Empfangsdrachen keines Blickes. Dackelito sprang von der Bank.

„Bleib lieber hier“, raunte Sandra ihm zu, „wenn dich der Drache sieht, bist du dran. Die kann Feuerspucken.“

Dackelito legte den Kopf schief und sah Sandra aus seinen tiefbraunen Augen an. (Übersetzung: „Ich glaube, du verstehst da was falsch.“) Dann schoss er wie ein Blitz davon, um die Ecke des Tresens, in die Richtung aus der die Stimme gekommen war. Sandra schüttelte den Kopf und seufzte. Dann setzte sie sich in Bewegung. – Jetzt ist es eh schon egal. – Sandra musste ihre ganze Finesse aufbringen, um die schwere Glastür, trotz ihres Handicaps, zu öffnen. Herr Bernhard, im eleganten dunklen Anzug, stand nur da und warf ihr einen finsteren Blick zu.

„Tut mir leid“, erklärte Sandra, „nächste Woche bin ich wieder fit. Dann ist der Gips weg.“

Er murmelte etwas vor sich hin, das Sandra nicht verstand. Sie erblickte Dackelito. Der saß aufrecht und stolz, wie Bolle, auf dem großen Ledersessel hinter dem Schreibtisch. Trotz der Spannung im Raum, konnte Sandra ein Lachen nur mit Mühe unterdrücken.

„Komm darunter“, mahnte sie den Hund.

„Das wird er nicht tun“, stellte Herr Bernhard trocken fest.

„Warum nicht?“, fragte Sandra.

„Heiner sitzt immer da, wenn er im Büro ist.“

„Heiner!“, stieß Sandra hervor.

Sie kniff die Lippen zusammen, biss sich auf die Zunge, um nicht laut loszuprusten. Der Hund sprang vom Chefsessel herunter. Er setzte sich neben Sandra und schaute mit Unschuldsblick zu ihr auf. (Übersetzung: „Ich bin der liebste Hund der ganzen Welt!“)

„Eine Idee meiner Tochter“, klärte Herr Bernhard Sandra auf und schmunzelte. „Sie hat ihn mir geschenkt, damit ich Gesellschaft habe.“

Ehe er weitersprechen konnte, stürzte Herr Security herein und wollte sich mit einem Hechtsprung auf Heiner stürzen. Sandra hob die Krücke und traf direkt auf seine Brust. Er prallte ab und sie zurück. Herr Bernhard hatte gute Reflexe und fing die strauchelnde Sandra auf. Heiner sprang mit heiserem Bellen (Übersetzung: Ha! Blödmann! Mich kriegst du nicht.“) um den Wachmann herum, der nicht so viel Glück hatte. – Er hätte die beiden Rot-Kreuz-Jungs gleich mit bringen sollen -dachte Sandra schadenfroh, als sie sah, dass er nicht mehr aufstehen konnte.

„Mein Bein“, jammerte er.

Heiner kläffte lauter. (Übersetzung: Rühr dich ja nicht! Ich kann auch anders!) – Wie viel Tohuwabohu so ein kleines Tier doch anrichten kann. –

„Ruhe!“, rief Herr Bernhard.

Sofort wurde Heiner still und setzte sich ganz brav neben Sandra.

„Was soll denn das Theater“, fuhr er den Wachmann an, „können sie nicht klopfen?!“

„Aber der Hund …“ nölte der Gefallene.

„Gehört mir!“

Herr Bernhard rief die Sanitäter. Diesmal erreichten sie den Ort des Geschehens schneller. Sie waren gerade erst einen Block weit weg, als sie den Notruf erhielten.
Als es endlich wieder still im Büro geworden war, sah Herr Bernhard Sandra mit prüfendem Blick an, dann sagte er wohlwollend:

„Sie haben den Job.“

„Danke …“

Herr Bernhard unterbrach Sandra energisch.

„Unter einer Bedingung!“

Sandra sah ihn erwartungsvoll an.

„Sie kümmern sich darum, dass der Hund genug Auslauf hat und meine Security-Leute nicht zu Kleinholz verarbeitet. Dafür dürfen sie sich während der Arbeitszeit jederzeit freinehmen.“

Sandra nickte begeistert. – Toller Job. – Heiner wuffte kurz. (Übersetzung: „Tolle Betreuerin.“)

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1. „WOW! Was ist denn in dem Drink?“

„WOW! Was ist denn in dem Drink?“
In meinem Kopf breitete sich langsam eine nebelige Wolke aus. Ich musste mich an der Stange am Tresen festhalten. Meine Beine verloren ihre Festigkeit. Vor meinen Augen schwankten die Bilder hin und her, oder war ich es die wankte? Meine Zunge war so dick, das sie unter dem Gaumen feststeckte.
„Ich fühl mich nicht gut“, sagte ich und hörte ganz andere Worte aus meinem Mund rutschen. „Ich brauche ein Taxi.“ Auch das kam irgendwie falsch heraus.
„Kann ich ihnen helfen?“, fragte ein Mann neben mir.
Ich wollte etwas sagen, die Töne waren weg. Also nickte ich nur. Der letzte Rest meines Verstandes versuchte sich an seinem Gesicht festzuhalten, tastete sich über einen sinnlichen Mund, eine gerade Nase zu zwei hellblauen Augen hoch.
„Geht`s ihnen nicht gut?“
Ich schüttelte den Kopf, versuchte auf den Drink zu zeigen. Meine Motorik versagte. Ich traf das Glas. Es kippte. Das Geräusch des splitternden Glases fraß sich in meine Ohren. Die klebrige rote Flüssigkeit quälte sich in Schwären über den Tresen. Ich hob die Hand. Mein Blick flatterte. Blut rann den Handballen hinunter über meinen Unterarm.
„Sie haben sich verletzt“, ich fühlte, wie der Mann seinen Arm, um meine Taille legte, mir eine Serviette um die Hand wandt, „sie müssen ins Krankenhaus.“
Es wurde dunkel.

Ich schlug die Augen auf. Durch dünne Chiffonvorhänge fiel Sonnenlicht in den Raum. Sie bauschten sich unter einer leichten Brise. Eine Weile sah ich ihrem Spiel zu. Ich wollte mich aufsetzen, als ein scharfer Schmerz durch meinen rechten Arm zuckte, bis in meinen Kopf. Ein blütenweißer Verband verhüllte meine Hand und mein Gelenk. Ich versuchte mich zu erinnern, wie ich mir diese Verletzung zugezogen hatte. Glas. Glas, das zerbricht. Rote Flüssigkeit, zäh. Ich suchte nach mehr. Einem Ort, Menschen, meinem Namen. Nichts. Doch. Da war etwas. Helle blaue Augen.

2. Das letzte Mal habe ich vor vier Stunden von ihr gehört. Ich mache mir Sorgen.

„Das letzte Mal habe ich vor vier Stunden von ihr gehört. Ich mache mir Sorgen.“
Sandra hüpfte nervös von einem Bein auf das andere. Ich konnte die ganze Aufregung nicht verstehen.
„Wo ist das Problem, du hast mir doch erzählt, der Typ ist aus reichem Haus und hätte Manieren wie ein Prinz.“
Allein diese Aussage hielt ich für totalen Schwachsinn. So etwas gab es heute nicht mehr – zumindest hatte ich noch keinen Mann kennengelernt, der auch nur ansatzweise in die Nähe dieser Bezeichnung gekommen wäre.
„Ja, ist er auch.“
Etwas in Sandras Stimme ließ mich aufhorchen.
„Und?“
Sie druckste herum.
„Wir haben dir nicht alles erzählt.“
Ich atmete tief durch und wappnete mich für die Beichte.
„Er ist ein Nachtwandler“, stieß Sandra hervor und sah mich mit großen tränennassen Augen an.
Ich sprang auf, riss meine lange gepolsterte Lederjacke vom Haken und schimpfte.
„Seid ihr verrückt geworden?! Ich habe euch tausend Mal gewarnt euch nicht mit denen einzulassen!“, ich überprüfte die Armbrust, die Innentaschen mit den Wurfsternen und den Gürtel. Vier spitze Ebereschenpflöcke steckten an der Seite und ein silberner Stab. Auf Kopfdruck stieß eine dreißig Zentimeter lange Spitze heraus. Die Pistole mit den Silberkugeln war geladen. „Wo haben sie sich getroffen?“
„Im „La Guerra“, piepste Sandra.
„Aus welchem Hause stammt er?“, fragte ich schroff und band mir die derben Stiefel zu.
„Aus dem Hause Godfrey“, Sandra schluchzte.
Am liebsten hätte ich sie geschlagen.
„Das darf doch nicht wahr sein?! Das sind die Schlimmsten! Stark wie Stiere, gefährlich wie Panther! Wenn sie jemand im Visier haben, dann gibt es kein Entkommen! Was ist nur in Anita gefahren?“ Wie konnte sie so dumm sein? Sie hätte sich auch gleich einen Strick nehmen können. „Und du hast es zugelassen und nichts gesagt?!“
„Aber er sah so gut aus“, jammerte sie.
„Er sah gut aus! Er sah gut aus!“, äffte ich Sandra nach, „Scheiße! Gut sehen die alle aus oder hast du schon einen hässlichen Nachtwandler gesehen?“ Bevor Sandra etwas sagen konnte, hob ich die Hand. „sag seinen Namen nicht oder ich flippe auf der Stelle aus.“
Wir dachten beide an Jeremy, aber das war eine ganz andere Sache. Ich war fast aus der Tür, als Sandra mit dünner Stimme rief:
„Du kannst ihr doch helfen, oder?“
„Ich tue was ich kann!“, rief ich.
Die Tür fiel ins Schloss. Ich fürchtete, dass das, was ich konnte, diesmal nicht ausreichen würde. Die Godfreys hinterließen nur verbrannte Erde, sonst nichts.

Die dreizehn Sätze, die den Anlass für die Geschichten geben, sind in meinem Blog Schreiberlebentipps zu finden „13 Sätze – 13 Geschichten“.

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Der kleine Herr Mann verließ an diesem Morgen sehr missmutig das Haus. Den dunkelblauen Hut tief ins Gesicht gezogen, den Wollmantel bis auf die Knöchel reichend. Zu seinem Unglück war es nebelig. Die schmutzigen und unschönen Dinge wurden vom Schnee der Nacht unter einer gnädigen Decke verborgen. Seine trübseligen Gedanken ließen nicht zu, dass er die seltsame Schönheit des Morgens genießen konnte. Er eilte durch den stillen Kurpark ohne ihn wahrzunehmen. In dieser Jahreszeit verirrte sich nur selten ein Spaziergänger hierher. Es kamen immer weniger Touristen und die Kurstadt würde langsam sterben.

Das berührte Herrn Mann nicht besonders. Für ihn ging jeder Tag im gleichen Trott dahin. Er war in diesem Ort geboren und hier würde er sterben. Er ging in den kleinen Uhrenladen, der vor ihm seinem Vater gehört hatte. Von genau 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr und von 14.30 Uhr bis 18.00 Uhr. Jeden Tag, das ganze Jahr. So war es immer. Bis auf die 14 Tage Betriebsferien im Januar. Dann versuchte Herr Mann in seinem Elternhaus, der Villa Louise, einen ruhigen Platz zu finden.

In seinen Jugendjahren hatte er sich oft gewünscht in die Welt hinaus zu gehen. Weit weg von der Villa Louise, noch einmal anzufangen. Heute fast fünfzig Jahre alt, lagen seine Träume im Park unter der alten Eiche begraben. Abgestreift und vergessen, wie die alten Handschuhe in der Schachtel für Fundsachen, die schon zum zweiten Mal überwinterten. Die Handschuhe würde er nachher sofort entsorgen.

In Herrn Manns Innern nagte der Neid, wie eine Maus, die ihn stetig und mit spitzen Zähnen immer weiter aushöhlte. Er ertrug es nicht, wenn andere träumten, weil er es nicht durfte. Zum Beispiel die junge Frau aus dem Buchladen gegenüber. Sie wohnte noch nicht lange hier. Kam irgendwo aus Norddeutschland. Ihre kleine Tochter hatte seiner Tochter erzählt, dass sie viel auf Reisen gewesen waren. Er sah sie oft hinter dem Tresen sitzen und in einem Buch lesen. Herr Mann las nicht gerne. Das lag in der Natur der Dinge. Die Bücher hätten seinen Geist auf Wanderschaft gehen lassen. Er hätte die sorgsam versteckten Träume wieder ausgraben müssen.

Auf dem Weg zu seinem Uhrenladen, wurde er unfreiwillig an seine Träume erinnert. An der alten Eiche begegnete er der Frau aus dem Buchladen. Fröhlich wünschte sie ihm einen schönen Tag. Er erschrak und konnte nur ein gemurmeltes „Morgen“ hervor stoßen. Sein Unbehagen wuchs, denn er ahnte dass ihn die Begegnung den ganzen Tag beschäftigen würde. Seine Verbitterung hätte sich noch gesteigert, hätte er gewusst, dass die Frau ihre Sachen für einen Umzug packte.

Er mochte sie nicht. Sie hielt sich nicht an die Regeln, nach denen er lebte. Er konnte nicht ausbrechen. Lustlos steuerte der arme Herr Mann auf seinen Laden zu. Schloss das Schloss dreimal auf, schaltete das Licht ein und entriegelte die Kasse. Er zog seinen Mantel aus, hängte den Hut an den Haken, stellte seine Aktentasche an den vorgesehenen Platz. Als er in den Verkaufsraum kam, sah er sie wieder. Einem Passanten zu lächelnd, schloss sie die Ladentür auf und verschwand in seinem geheimnisvollen Inneren. Herr Mann sah gebannt hinüber. Er wartete. An den sonnigen Tagen stellte sie immer den Postkartenständer vor die Tür. Heute geschah nichts.

Gedanken verloren stand er da, starrte auf das Schaufenster mit den niedergeschrieben Träumen. Abrupt stürzte er zu seinem Schrank, riss die Kiste mit den Fundsachen heraus und schleuderte die unschuldigen Handschuhe in den Papierkorb. Dass sich Träume nicht wegwerfen lassen wie ein Paar alte Handschuhe hatte er nicht bedacht. So wurde der kleine Herr Mann den ganzen Tag von den Gedanken an seine begrabenen Träume verfolgt.

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