Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘verirrt’

Verirrt

Das Wasser schlug über mir zusammen und ich strampelte panisch mit Armen und Beinen, um wieder zur Oberfläche zugelangen. Ich schluckte Wasser, hustete und prustete. Fix und fertig erreichte ich den Beckenrand. Erschöpft kroch ich aus dem Pool. Mir kamen die Tränen und ich wollte nur noch zu meiner Mutter. Wo sollte ich sie suchen? Ich war gerade fünf Jahre alt und kannte mich in dem riesigen Freibad überhaupt nicht aus. Die Wasserrutsche hatte mich angelockt und ich war völlig gedankenlos losgerannt, obwohl ich nicht schwimmen konnte. Genauso ging ich jetzt auf die Suche. Ich lief einfach jeden Weg entlang, in der Hoffnung, meine Mutter zu finden. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich sie endlich wieder gefunden hatte. Mein Bruder, der mir zur Rutsche gefolgt war, war ebenfalls verschwunden. Meine Mutter hielt mir eine saftige Strafpredigt und wollte sofort nach Hause, aber nachdem mein Bruder wieder auftauchte, blieben wir doch. Ich bin nicht mehr ins Wasser gegangen. Ich hatte genug.

Ich neige zu diesen Verirrungen, obwohl dies das einzige Mal war, bei dem ich mich buchstäblich verirrte. Aber auf dem Weg zu mir hab ich mich oft verirrt und eine ganze Menge Umwege gemacht. Wenn ich etwas sah oder wollte, dann bin ich einfach darauf zu gelaufen und habe es getan. Die Konsequenzen sind dabei, wie Wellen, über mir zusammen geschlagen.
„Aus Fehlern lernt man“. Blöder Spruch! Ich wollte gleich das Richtige tun, Zeit sparen und geradedurch marschieren. Aber das Leben hat mir meine Lektion erteilt. Es gibt keine geraden Wege.
Ich glaube, das ist auch nicht nötig. Um zu schreiben, zu verstehen, zu leben, muss ich sehen, leiden, freuen, lieben, verlieren, lachen und weinen. Was nützt der gerade Weg, wenn ich nicht mit anderen empfinden kann, keine Leidenschaft, kein Herz in das, was ich tue, legen kann? Ich verirre mich nicht mehr so oft, aber wenn es so ist, dann sehe ich es als Chance. Etwas Neues zu erleben, Neues auszuprobieren und besser zu verstehen, was leben bedeutet.

Dazu habe ich ein schönes Zitat gelesen: „Gedichte mit zwanzig zu schreiben, heißt zwanzig sein. Sie mit vierzig zu schreiben, heißt Dichter sein.“

Francis Carco (französischer Schriftsteller)

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: