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Posts Tagged ‘Verräter’

Waldweg

Sam wartete seit einer Viertelstunde. Erst saß er ganz ruhig auf der Bank, genoss die Stille und die angenehme Kühle der Waldluft. Er sah zu, wie sich die Sonnenstrahlen durch das filigrane Blattwerk bis hinab auf den Waldweg fallen ließen. Doch inzwischen ging er nervös auf und ab. Sam sah auf die Uhr. Nic war immer pünktlich. Warum tauchte er nicht auf?

Sam hielt inne, als er Stimmen hörte. Er lauschte. Das durfte nicht sein! Er sah sich gehetzt um. Sie durften ihn hier nicht finden. Sam warf sich auf den Bauch und kroch in das Buschwerk hinter der Bank. Äste schlugen ihm ins Gesicht, er schürfte sich die Haut an den Armen auf. Sam biss die Zähne zusammen.

Die Stimmen waren dicht bei ihm. Sam atmete flach und lag ganz steif da. Die trauen sich was, dachte Sam und versuchte einen Blick auf Donnie und seine Gang zu erhaschen. Er konnte nicht glauben, was er sah. Nic und Donnie. Zusammen. Nic bot Donnie eine Kippe an und der legte den Arm um Nics Schultern. Wut stieg in ihm auf und er ballte die Fäuste. Nic war ein mieser Verräter.

Am liebsten wäre Sam aus seinem Versteck gesprungen und hätte sich auf Nic gestürzt, aber gegen Donnie und sein Pack hatte er keine Chance.

„Also, wo ist denn dein kleiner Kumpel Sam?“

Donnie und Nic hatten sich auf die Bank gesetzt und pafften.

„Keine Angst, er wird schon kommen“, beruhigte Nic ihn.

„Du weißt ja, wenn er nicht auftaucht, dann …“, Donnie brach ab.

„Ja, ja, dann wirst du ihr wehtun. Schon klar“, presste Nic hervor.

Sams Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Er konnte sich denken, wen Donnie meinte. Scheiße, was jetzt, in Sams Kopf rasten die Gedanken durcheinander und er versuchte fieberhaft eine Lösung zu finden.

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Die folgenden zwei Texte, beide mit demselben Anfangsabsatz, sind in unserem Schreibcafe entstanden. Dazwischen liegen vier Wochen.

Aufgabe: erster Absatz

Text I

Kurz hinter dem düsteren Tunneleingang sah er ihn: Auf der Parkbank sitzend, die Hände in den Taschen vergraben. Alte Kleidung, Tüte mit Essensresten. Eine leere Gestalt, voller Erinnerungen an die Vergangenheit. Nur der Schnurrbart wirkte einigermaßen zeitgemäß …

Es kostete Alexander viel Mühe ihn ausfindig zu machen und jetzt, in dem Moment des Erkennens, war ihm flau im Magen. Alle hatten ihn gewarnt. Seine Mutter, seine Verlobte. Seine Freunde und Arbeitskollegen, Journalisten wie er. Nicht zimperlich, die die gefährlichsten Orte der Welt besucht hatten. Alexander stand da, wie angewachsen, hilflos. Er zögerte. Entweder weiter gehen und tun, als ob nichts wäre, oder ansprechen und sich der Realität stellen, dass dieser Mann sein Vater war. Ein Verräter, der seine Familie im Stich gelassen hatte.

Alexanders Unschlüssigkeit dauerte einen Moment zu lange. Der Obdachlose erwachte aus seiner Versunkenheit und bemerkte ihn. Sein trüber Blick gab Alexander das Gefühl, dieser Mann lebte seit Langem nicht mehr in dieser Welt. Der Mann zog eine Hand aus der Tasche. Sie steckte in einem zerschlissenen Handschuh, denen die Fingerspitzen fehlten. Seine Nägel glichen ungepflegten Klauen. Er hielt die Handfläche auf. Alex schauderte. Trotzdem ging er auf ihn zu, kramte in seiner Hosentasche nach Kleingeld. Als er vor dem Obdachlosen stand, schlug ihm ein Geruch nach muffiger Kleidung, Schweiß und kaltem Rauch entgegen. Alexander war schlimmere Gerüche gewöhnt, sonst wäre ihm der Schwaden auf den Magen geschlagen. Seine Finger tasteten nach zwei harten Münzen. Er legte sie in die Hand des anderen Mannes. Der beäugte die Geldstücke misstrauisch. Als er zwei zwei Eurostücke erkannte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Die Hand klappte zu wie eine Auster. Hastig verbarg er den Schatz in seiner Tasche. Er sah Alexander an und nickte ihm zu. Seine Augen schienen ihm klarer. Für einen kurzen Moment dachte Alexander einen Funken Bewusstsein in ihnen zu entdecken. Es verglomm so schnell es gekommen war. Alles Einbildung, dachte Alexander, wenn man etwas unbedingt glauben will, klammert man sich an den kleinsten Hoffnungsschimmer. Die Frage nach dem Namen des Obdachlosen lag ihm auf der Zunge. Jetzt oder nie. Alexander schluckte sie herunter. Vielleicht war er sein Vater, vielleicht nicht. Alexander wollte es nicht mehr wissen. Er war der, der er war. Nichts würde daran etwas ändern.

Text II

Kurz hinter dem düsteren Tunneleingang sah er ihn: Auf der Parkbank sitzend, die Hände in den Taschen vergraben. Alte Kleidung, Tüte mit Essensresten. Eine leere Gestalt, voller Erinnerungen an die Vergangenheit. Nur der Schnurrbart wirkte einigermaßen zeitgemäß…

Ich blieb im Schatten stehen und beobachtete ihn. War das wirklich Declan? Da er saß, konnte ich seine Größe nur schätzen. Der Mann, den ich suchte, war groß. Etwa 1.90 Meter. Die zotteligen langen Haare, die abgewetzte Kleidung und dieser Schnurrbart. Declan hätte sich niemals so in der Öffentlichkeit gezeigt. Jedenfalls nicht freiwillig. Für einen Auftrag möglicherweise, aber privat, keine Chance. Nur über seine Leiche. Das war so ein Kindheitsding, erzählte er mir in einer schwachen Stunde. Als ich nachfragte, schüttelte er nur den Kopf und sagte: Alles vorbei. Muss man nicht aufwärmen.

Mir wird bewusst, wie wenig ich über ihn weiß. Obwohl wir fünf Jahre fast jeden Tag zusammen verbrachten. Er konnte singen. Ich erwischte in einmal dabei, seitdem war er vorsichtig. Declan hielt sich, wenn es um sein Privatleben ging, sehr bedeckt.

Beruflich war er der zuverlässigste, kompetenteste Partner, den ich je hatte. Dazu einer der begnadetsten Schützen des NYPD. Mehr als einmal rettete er mir den Hals.

Als er vor einem Jahr verschwand, konnte ich es nicht fassen. Er erschien morgens nicht zum Dienst. Meldete sich weder krank, noch ließ sonst etwas von sich hören. Er verschwand, wie vom Erdboden verschluckt. Tagelang klapperte ich die Krankenhäuser ab. Seine Wohnung war leer. Nicht ein Stäubchen. Ich suchte in den dunklen Vierteln nach ihm, weil ich fürchtete, jemand hätte ihn erschossen. Ich setzte sämtliche Unterweltkontakte auf seinen Verbleib an. Nichts! Wie konnte ein Mann so spurlos verschwinden? Ich hatte die Mafia in Verdacht.

Seitdem arbeitete ich allein. Mehr oder weniger. Mein Chef drehte mir immer mal wieder einen neuen Partner an. Aber es dauerte nicht lange, bis sie von selbst das Handtuch warfen. Das funktionierte einfach nicht. Entweder Declan oder keiner.

Was hat Declan dort hingebracht? Als einer meiner Informanten mir mitteilte, dass er ihn gefunden hat, wollte ich es nicht wahrhaben. Aber je länger ich ihn betrachte, umso unausweichlicher  ist die Gewissheit. Mein Gefühl will es nicht wahrhaben, aber mein Verstand muss akzeptieren, was meine Augen sehen. Der Mann mit dem leeren Blick ist Declan.

 

 

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Nichts ist so schlimm, wie Liebe, ohne Hoffnung auf Erfüllung. Es ist als würde einem die Haut bei lebendigem Leib abgezogen, dass Herz in der Faust zerquetschen oder ein Messer hineingebohrt und umgedreht.

Nichts geht mehr. Nicht vor, nicht zurück. Alles wird davon beherrscht. Jedes Gefühl, jeder Gedanke ist nur auf diese Liebe gerichtet und doch weiß man ganz genau, sie darf nicht sein. Innerlich ist man zerrissen, die Nerven gespannt bis zum Anschlag.

Man möchte niemand verletzen und doch ist klar, dass jemand verletzt wird. Entweder muss man selbst verzichten oder der andere verlässt seinen Partner und auch dann wird es eine böse Verletzung geben. Den Gedanken zu ertragen, dass der Mensch, den man so sehr liebt, mit einer anderen Person zusammen ist, von dieser berührt wird, tut so weh, dass es einen in den Abgrund stürzt.

Ich habe mich immer gefragt, warum? Was macht es möglich, dass da plötzlich diese Gefühle sind, die man nicht zurückschrauben kann? Und wenn man sich noch so mit Arbeit, Hobby oder anderen Drogen voll pumpt, sobald man eine Sekunde Zeit hat kommt es wieder und es gibt nichts, dass man dagegen tun kann.

Ich habe mal den „guten“ Rat bekommen: reiß es dir aus dem Herzen. Aber wie geht das? Sich etwas aus dem Herzen reißen? Ich fürchte, in diesem Fall muss man das Herz mit ausreißen. Nur ohne Herz kann man nicht leben.

Welche Möglichkeit kann es geben, wenn das Herz dem Verstand nicht mehr gehorcht. Es ist wie ein Verrat und doch: „Liebe und Tod kommen immer als ungeladene Gäste, kein Mensch kann sie beherrschen.“ Kein Mensch kann sein eigenes Herz beherrschen, es verrät dich und du kannst nichts dagegen tun.

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