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Posts Tagged ‘Victor Auburtin’

Der erste Absatz entstammt einer Kurzgeschichte von Victor Auburtin und wurde von mir ergänzt. Entstanden in einem Schreibkurs.

Es war in der reizenden kleinen Stadt Ottmachau in Oberschlesien, wo ich als Student zum Besuch bei einem Verwandten wohnte. Der Rittergutbesitzer und die Gutspächter veranstalteten eine große Treibjagd auf Hasen und Rebhühner, was man, wenn mein Gedächtnis mich nicht trügt, in Schlesien eine Kleckerjagd nennt. Zu diesem Jagdvergnügen hatten die Herren auch einige Intellektuelle aus der Stadt eingeladen, nämlich den Pfarrer, (den Apotheker, nicht erwähnt) den Photographen und mich. (von Victor Auburtin)

Die beiden Herren und ich machten schnell ein schönes Plätzchen unter einer Trauerweide aus, dass für die übrige Jagdgesellschaft uneinsehbar war und machten es uns gemütlich. Der Pfarrer und auch der Photograph, waren so wie ich selbst, keine leidenschaftlichen Jäger und auch weit entfernt davon welche zu werden. Wobei mein Motto: Sport ist Mord, mich entschieden daran hinderte, mich größeren Anstrengungen auszusetzen.

„Darf ich den Herren ein hochgeistiges Getränk anbieten?“, fragte der Herr Photograph.

„Warum nicht mein Lieber, das wärmt auf und macht das ganze Halali erträglicher“, lachte der Herr Pfarrer.

Dem musste ich nichts hinfügen. Es war ein windiger kühler Tag Ende Oktober und gegen ein bisschen Brennstoff gab es nichts einzuwenden. Der Herr Photograph holte einen silbernen Flachmann aus seiner Rocktasche und bot ihn zuerst, wie es die Höflichkeit gebot, dem geistigen Herrn an.

„Auf ihr Wohl, meine Herren“, prostete er uns zu und nahm einen ordentlichen Schluck Hochprozentigen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Das bestätigte meine Erkenntnis, dass der geistliche Stand ein gutes Maß an Verträglichkeit dem Alkohol gegenüber an den Tag legte. Der Herr Pfarrer reichte mir das Fläschchen mit dem Schnaps und ich tat es ihm gleich. Allerdings kniff ich die Augen zusammen, als der scharfe Alkohol mir die Kehle herunter lief und auch ein heftiges Schütteln konnte ich nicht unterdrücken. Dem Herrn Photograph ging es nicht anders, obwohl er doch sein Gebräu kennen musste.

„Wissen sie“, begann der Herr Pfarrer, „diese ganze Aufregung um die Jagd, entspricht überhaupt nicht meiner Natur. Ich gebe zu, dass ich gerne Rebhühner und Hasen esse, wenn sie gut zubreitet sind, wie etwa mit einem leckeren Haschee von Schlangengurken, aber jagen, nein, dass muss nicht sein.“

Er fuhr sich zufrieden mit einer Hand über seinen stattlichen Bauch.

„Da kann ich nur zustimmen“, nickte der Herr Photograph eifrig, „aber scheinbar sind diese Rituale für die Jagd in vielen Ländern der Erde gleich. Das Ganze erinnert mich an meine Zeit in China.“

„Sie waren tatsächlich im Land der aufgehenden Sonne“, staunte der Herr Pfarrer, „als gerade ins Priesterseminar eingetreten war, hielt einmal ein Missionar aus China einen Vortrag. Seine Begeisterung riss mich mit und ich wäre ihm sofort gefolgt. Leider hatte der Herr einen anderen Auftrag für mich.“

„Auf welchem Wege sind sie denn nach China gekommen?“, fragte ich und hoffte den Redefluss des Photographen dadurch anzuregen.

„Nun, es war bei meiner zweiten Reise nach China, die mich in den Süden des Landes führte. Das erste Mal war ich in Nanking im Norden, als Photograph für eine große Zeitung unterwegs. So auch diesmal, ich begleitete einen befreundeten Journalisten. Wir gingen in Fuzhou von Bord der Queen Victoria und suchten unser Quartier auf. Die Straßen quollen über von Rikschafahrern und Sänftenträgern. Ich hatte die Gerüche vergessen, den Lärm, die vielen Menschen, den Dreck und die Eintönigkeit. Mir wurde klar, dass nur die schönen Seiten in meinem Gedächtnis geblieben waren, die unvergleichliche Exotik und Fremdartigkeit der Kultur dieses geheimnisvollen Landes. Die Zeit lässt die schlechten Erinnerungen verblassen, und der Eindruck bleibt auf geradezu naive Art positiv.“

„Da haben sie sicher Recht, mein Bester!“, stimmte der Herr Pfarrer zu, „darf ich sie noch einmal um ihre Flasche bitten?“

„Natürlich, gerne“, der Herr Photograph überließ dem Herrn Pfarrer den Flachmann, „und sie junger Mann, auch noch ein Schlückchen?“

„Vielen Dank für das Angebot, aber lieber nicht, solch edle Wässerchen bin ich nicht gewöhnt.“

Der Herr Pfarrer lachte laut auf und schlug sich auf die dicken Schenkel.

„Die jungen Leute heute, vertragen auch nichts mehr, wie!“

Dann nahm er noch einen Schluck.

„Erzählen sie noch etwas von China. Weswegen waren sie dort?“, lenkte ich ab.

„Wegen des weißen Goldes“, antwortete der Herr Photograph.

Die Frage musste mir ins Gesicht gemeißelt sein, denn der Herr Pfarrer erklärte:

„Porzellan, mein Junge, Porzellan. Das weiße Gold.“

„Genau!“, der Herr Photograph nickte, „wir hatten mit einer Fabrik Kontakt aufgenommen, in der wir eine Reportage über die Herstellung von Bone China Porzellan machen wollten. Sie haben vielleicht schon einmal die hauchdünnen Tassen und Teekannen gesehen, durch dessen feines Material man sogar Licht sehen kann.“

„Leider nein“, musste ich gestehen, „wir sind keine so begüterten Leute, aber ich hörte schon davon.“

„Nun, wo war ich stehen geblieben – ach ja, bei unserer Fahrt ins Hotel, obwohl, ich muss gestehen, es hatte diesen Namen kaum verdient. Im Grunde war es eine billige Absteige, in die man uns eingemietet hatte. Gleichwohl waren die Zimmer sauber, wenn auch winzig, nur mit dem nötigsten ausgestattet und direkt über einer Garküche. Den ganzen Tag und die ganze Nacht kamen und gingen Menschen, lärmten, und immer hing der Geruch von Essen in der Luft. Der Besitzer der Pension, ein winziger Chinese in einer schwarzen Leinenhose und einem roten Kimonojäckchen, kam schon morgens und brachte Lackholzkästchen voller Speisen. Der alte Herr war vertrocknet und faltig wie eine Dörrpflaume und schien hundert Jahre alt zu sein. Leider konnte ich die meisten Speisen nicht vertragen, wegen eines Geschwürs am Magen, und musste mich mit Reis begnügen.

Am Tag nach unserer Ankunft setzten wir uns mit der deutschen Auslandsvertretung in China in Verbindung. Leider lag der Botschafter mit einer schweren Typhuserkrankung danieder und konnte uns nicht empfangen. Es galt also zu warten und uns die Zeit zu vertreiben. Während mein Begleiter die Zeit mit Schlafen zubrachte, nahm ich meine Kameraausrüstung, miete mir einen Boy und einen Esel und machte Ausflüge in die Umgebung. Zum Glück lag unsere Pension nicht direkt im Herzen der Stadt, sodass ich innerhalb einer Stunde freies Land erreichen konnte, um dort Bilder der außergewöhnlichen Fauna und Flora zu machen.

Eines Tages, ich hatte gerade mein Stativ aufgestellt, als ein Chinese auf mich zukam, der in offizielle Gewänder gekleidet schien und sich verbeugte. Er sprach mit mir, aber ich beherrschte kein Wort Chinesisch und so versuchte er mir mit Händen und Füßen etwas zu erklären. Es dauerte eine Weile bis ich darauf kam, dass ich Fotos von der Gesellschaft seines Herrn machen sollte, die, passend zu unserer Situation, eine Jagdgesellschaft war. Sie können sich meine Überraschung vorstellen, als man den Jagdherren in einer Sänfte durch die Gegend trug. Das Aufgebot an Mensch und Hund, war beträchtlich, wobei einzig der Herr das Recht auf die Jagd hatte und alle anderen nur zu seinem Schutz, seiner Bequemlichkeit und seiner Unterhaltung anwesend waren.“

„Oje, Oje, dass ist ja noch schlimmer als hier“, lachte der Herr Pfarrer, der sich inzwischen den restlichen Schnaps einverleibt hatte und dessen Wams schon ganz schief hing.

Da hörten wir ein großes Geschrei aus dem Wald zu uns her dringen. Vorsichtig schauten wir, zwischen den dichten Zweigen der Trauerweide hindurch, nach, was das für ein Getöse war und sahen, wie der Herr des Ritterguts von vier seiner Getreuen aus dem Dickicht getragen wurde. Man hatte eine provisorische Trage angefertigt, auf der er auf dem Bauch liegend befördert wurde. Die Jagdgesellschaft schwärmte aufgeregt um ihn herum. Der arme Mann war von einem seiner Pächter getroffen worden, als er sich mit einer Dame unüberlegt in einem Gebüsch aufhielt. Die Schrottkugeln hatten ihn in seinen Allerwertesten getroffen. Jeder hatte einen Rat oder etwas zu sagen. Wir verhielten uns ganz ruhig, bis die Meute abgezogen war. Dann traten wir still vergnügt den Heimweg an, nicht ohne im Dorfgasthaus zu verweilen und uns einen leckeren Hasenbraten zu genehmigen, nicht ganz frisch geschossen, aber dafür nicht weniger gut.

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Geboren am 5.9.1870 in Berlin, gestorben am 28.6.1928 in Garmisch-Partenkirchen. Auburtin entstammte einer französischen Emigrantenfamilie. Nach dem Studium der Germanistik, Kunst- und Literaturgeschichte arbeitete er für die »Berliner Börsenzeitung«, die Zeitschriften »Jugend« und »Simplicissimus« und das »Berliner Tageblatt«, für das er von 1911 bis 1914 als Auslandskorrespondent in Paris tätig war. Seit 1917 führten ihn Reisen in mehrere europäische Länder.

Seine Kurzgeschichten sind nicht nur schön zu lesen, sondern haben auch (fast) immer ein ungewöhnliches Ende. Wer Lust auf schöne Kurzgeschichten hat, ist mit Victor Auburtin gut beraten. Hier ein Auszug aus Pfauenfedern:

Einleitung

Vor mir auf dem Tisch liegen drei Bogen Papier, liniiert, etwas gelblich. Daneben ein gut angespitzter Tintenstift. Ich untersuche diesen Tintenstift und bemerke, dass sein Name ist: Dessin Wilson 416 B.

Und mehr Werkzeug brauche ich nicht beisammen zu haben, um der berühmteste Mensch der Welt zu werden.

Auch sonst sind die Umstände dem großen Vorhaben recht günstig.

Es ist Februarabend. Die weißen Vorhänge sind heruntergelassen, die Tischlampe brennt, und die Tabakpfeife ist in richtigem Gang; sammetweich, ohne Nebengeräusche zieht der Rauch durch das Rohr.

Aber drüben auf dem Wandbrett schimmern im Halblicht die Raritäten und die Zierrate: die bronzenen Schalen mit den Löwenköpfen, die gefleckten Schnecken, die Millefiorigläser vom Rialto in Venedig und die stillen Gläser mit den Pfauenfedern.

Also beispielsweise so: an diesem Februarabend könnte ich mit diesem Tintenstift auf dieses gelbe Papier einen Gesang in Terzinen schreiben, gegen den die Divina Commedia erblasste wie eine Gaslaterne am Mittag. Es liegt das alles nur bei mir, alles ist zur Hand. Einen Sonnengesang mit Feuerrädern und tausend flammenden Fenstern.

Oder was hinderte mich, eine Entdeckung naturwissenschaftlicher Art jetzt einfach auf dieses Papier hinzuschreiben? Bunsens Abhandlung über die Spektralanalyse war anderthalb Druckseiten lang und hat die wissenschaftliche Welt umgeworfen. Und was wäre Bunsens Abhandlung über die Spektralanalyse gegen die Entdeckung, die ich jetzt hier aufzuzeichnen die beste Gelegenheit habe?

Überhaupt fällt mir ein, dass das wahre Wort der Welt noch gar nicht gesprochen worden ist, das Wort, auf das sie alle warten. Sehen wir die Werke der Großen durch: sie hauen alle immer irgendwie daneben. Sie sind in der Enge ihrer Zustände befangen, wie jener Dante, oder sie sind, wie Goethe, so stolz, dass sie niemals mit der rechten Sprache herausrücken.

Ich könnte es schreiben, das Weltwort, das die Geschlechter  der Menschen hinrisse, auf dieses Papier schrieb ich es hin mit dem Tintenstift Dessin Wilson 416 B.

Gott könnte ich werden. Bisher hat noch kein Gott geschrieben. Buddha träumte unter Feigenbäumen, Phöbus Apollon leuchtete, Jesus ließ sich ans Kreuz schlagen, alles ganz schön, aber nicht verständlich genug. Also auf; ich wäre der erste Gott mit einem Tintenstift, und feurige Apostel trügen meine Flugschriften in die Welt und lehrten alle Völker.

Oder soll man einen Operntext entwerfen? 20000 Mark ließen sich in einem Schmiss verdienen.

Das Zimmer ist voll Rauch, gewaltige Schwaden umgeben mein Haupt, und die Strahlen des Geistes zucken in ihnen. Die drei Bogen sind vollgeschrieben.

Nun, ich glaube nicht, dass man mich darum zum Gott ausrufen wird, und noch weniger wird mir einer 20000 Mark dafür geben. Aber es ist mein Werk, in seinem Gewebe, mit seinen Fäden, und Stufen und Lichtern.

Und vorsichtig fasse ich es an, und setzte das Schimmerwesen auf das Wandbrett zwischen die Raritäten und Zierrate.

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