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Posts Tagged ‘Wahrheit’

Am Anfang waren es 36. Nun besaß ich nur noch 18. Panik ergriff mich. Der alte Mann hatte mich gewarnt. Wenn ich alle verbraucht hatte, gab es keine Rettung mehr. Ich musste sofort damit aufhören, sie zu benutzen, auch wenn ich es nicht für mich, sondern für andere tat. Meine Welt würde untergehen und ich mit ihr. Das durfte niemals geschehen. Bei dem Gedanken zog sich meine Brust zusammen und ich konnte kaum atmen. Am liebsten hätte ich geweint. Der Weg, den ich aus Stolz und falschem Ehrgeiz beschritten hatte führte nur in eine Richtung. In meinen Ohren klangen die Worte des alten Mannes:

„Überlege dir gut, wohin du deine Füße wendest! Sobald du den ersten verbraucht hast, gibt es kein Zurück.“

Es stimmte. Ich hielt es für dummes Geschwafel, aber ich musste schmerzhaft erfahren, dass er die Wahrheit gesagt hatte.

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„Eine erstaunliche Erzählung finden sie nicht auch?“

Ich unterdrückte ein Seufzen.

„Wirklich erstaunlich“, erwiderte ich so enthusiastisch wie es mir unter den gegebenen Umständen möglich war.

Mein Chef hatte mich auserwählt mit ihm auf Geschäftsreise zu fahren. Ein besonderes Privileg, wie er es nannte. Meine Bezeichung für diesen Trip war „Schnapsidee“. Und am liebsten hätte ich mir einige gegönnt, um diese Reise auszuhalten. In Gedanken plünderte ich die Minibar, die ich im Hotel vorzufinden hoffte.

Seit dem Zeitpunkt, als wir uns auf dem Bahnhof trafen, redete Mister McDonald ununterbrochen. Er zählte eine Erfolgsstory, oder was er dafür hielt, nach der anderen auf. Das Dumme, ich kannte die Wahrheit. Jede seiner Geschichten war zum größten Teil erfunden und dort, wo sie nicht erfunden war, hatte jemand anders den Erfolg erziehlt. Mister McDonald pries sich in den höchsten Tönen und während ich lächelte und sporadisch nickte, dachte ich mir die ein oder andere perfide Methode aus, ihn in seinem Redefluss zu stoppen.

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Es gibt so Schönes in der Welt

Daran du dich nie satt erquickst

Und das dir immer Treue hält

Und das du immer neu erblickst

Der Blick von einer Alpe Gart

Am grünen Meer ein stiller Pfad

Ein Bach, der über Felsen springt

Ein Vogel, der im Dunkel singt

Ein Kind, das noch im Traume lacht

Ein Sterneglanz der Winternacht

Ein Abendrot im klaren See

Bekränzt von Alm und Firneschnee

Ein Lied am Straßenzaun erlauscht

Ein Gruß mit Wanderern getauscht

Ein Denken an die Kinderzeit

Ein immer waches, zartes Leid

Das nächtelang mit seinem Schmerz

Dir weitet das verengte Herz

Und über Sterne schön und bleich

Dir baut ein fernes Heimwehreich.

                    Hermann Hesse, 1902

 

Die Worte Hermann Hesses sind nun schon 114 Jahre alt und haben nichts von ihrem Zauber und ihrer Wahrheit verloren.

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Tagebuch von Rowenna Anderson

09.09.2015

Warum gibt es nur jedes Mal Streit mit Paps, wenn es um seine Nachforschungen geht? Ich will mich nicht streiten, aber er ist so bockig, wie ein kleines Kind. Dabei bitte ich ihn nur darum vorsichtig und nicht so vertrauensselig zu sein.

Wenn ich daran denke, dass er bei seinem letzten Einsatz beinahe gestorben wäre, läuft es mir immer noch eiskalt den Rücken herunter.

Dabei will ich doch nur, dass er nicht unbewaffnet loszieht. Nicht nur wegen der obskuren Gestalten, die bei Nacht lauern, sondern auch wegen seiner mehr als mysteriösen Auftraggeber.

Heute habe ich ihm vorgeschlagen einen Bodyguard einzustellen. Hätte ich gewusst, was dabei herauskommt, ich hätte es gelassen.
Jetzt muss ich ihn austricksen, damit er sicher ist. Ich habe ein schlechtes Gewissen, ich habe Paps noch nie angelogen, gut das eine Mal, aber das war nur eine Kleinigkeit im Gegensatz dazu. Eine winzige Notlüge – oder eine kleines Vorenthalten der Wahrheit.

Ich versuche mir einzureden, dass in dem Fall der Zweck die Mittel heiligt, aber ich hoffe, er bekommt es niemals heraus. Das würde er mir nicht verzeihen.

Er sagt immer: du kannst Mist bauen so viel du willst, aber bitte sag mir die Wahrheit. Ja, Paps ist ein Ehrenmann, aber ein leichtsinniger. Er lebt einfach in seiner eigenen Welt, die von Feen, Elfen und allerlei ungewöhnlichem Volk bewohnt wird, nur dass diese Wesen nicht so nett sind, wie er es gerne sehen würde.

Das letzte Mal konnte ich die Gefahr gerade noch abwenden, aber was ist, wenn ich mal nicht stark genug bin? Dieses Risiko kann ich nicht eingehen. Wenn ich Paps auch noch verliere, bin ich ganz allein. Ich brauche dringend Unterstützung.

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„Es handelt sich um eine wahre Geschichte, die zufälligerweise nicht passiert ist.“

Jeanne schlug die Arme übereinander und blickte Mellie mit düsterem Blick an.

„Ich bitte dich! Du willst mich wohl auf den Arm nehmen?“

Mellie gab Jeanne das Gedicht zurück. Es kostete Jeanne unglaubliche Mühe nicht wie ein trotziges Kind mit dem Fuß aufzustampfen und in Tränen auszubrechen. Nicht nur, dass sie in diesem furchtbaren Internat festsaß, nein, sie hatte dermaßen fantasielose Mitinsassen, dass ihr graute.

„Du verstehst überhaupt nichts!“, erwiderte Jeanne lauter als beabsichtigt, „das Leben schreibt die Kunst und die Kunst das Leben. Wäre in deinem Kopf etwas weniger Vernunft und etwas mehr Fantasie, hättest du mir diese Frage nie gestellt!“

Mellie erhob sich und trat zum Fenster. Die beiden ungleichen Mädchen schwiegen. Die eine wütend, weil sie sich missverstanden fühlte, die andere weil sie nach dem Körnchen Wahrheit in der Behauptung ihrer Zimmergenossin suchte.

„Beweise es.“

Mellies ruhige Stimme durchbrach die Stille. Jeanne sah auf. Mellie blickte immer noch aus dem Fenster. Die untergehende Sonne färbte den Himmel in alle Schattierungen der Rotpalette. Jeanne hatte an diesem Abend keinen Blick für die Schönheit der Natur.

„Was beweisen?“, fragte sie verwirrt.

„Das die Kunst das Leben schreibt.“

Mellie drehte sich um und sah Jeanne mit merkwürdig fiebrigem Blick an. – Das passt gar nicht zu ihr, dachte Jeanne, als wäre sie in einer Art Trance. –

„Und wie stellst du dir das vor?“, fragte sie wachsam.

„So wie es Wissenschaftler machen: in einem Feldversuch. Ich stelle die Versuchsanordnung auf und du schreibst die Veränderungen, die geschehen sollen. Immer nur in Teilstücken natürlich und ich habe das letzte Wort darüber. Ich werde sie lesen, dann werden wir sie auf einem Altar opfern und sehen was passiert.“

Jeanne sah Mellie mit mitleidigem Blick an.

„Bist du verrückt? Brauchst du Hilfe?“

Jeanne hätte sich nicht gewundert. Lange konnte es ein hungriger Geist in dieser freud – und lieblosen Umgebung nicht aushalten, ohne psychische Anomalitäten zu entwickeln. Mellie lachte laut auf und warf den Kopf mit dem dunklen Locken in den Nacken.

„Ich war selten so klar“, sie kam auf Jeanne zu und blickte sie herausfordernd an, „also, machst du es?!“
Jeanne nickte ergeben.

„Na gut. Wann geht`s los?“

„Morgen früh.“

Mellie wandte sich ab, setzte sich an ihren Schreibtisch und zog einen Stapel Papier aus einer Schublade. Einen Moment zögerte sie, dann brachte sie die ersten Zeilen zu Papier. Jeanne beobachte sie mit wachsender Spannung. Ihre Behauptung über die Kunst schien einen verschlossenen Bereich in Mellies Persönlichkeit freigesetzt zu haben. Ein unbestimmtes flaues Gefühl breitete sich in Jeannes Körper aus. – Warum musste ich so anmaßend sein, ihr mein vermeintliches Talent zu beweisen, dachte sie und knetete nervös ihre Finger, naja, was kann sie sich schon Besonderes wünschen? –

Der Satz stammt aus dem Buch: Das verflixte Dolce Vita, von Rosalind Erskine.

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Selbst die Meister der Literatur hatten manchmal Probleme mit dem Wollen und dem Können:

„Die Wahrheit jedoch ist, dass die übervolle Seele sich bisweilen in eine völlig leere Sprache ergießt, denn niemand von uns kann jemals das wirkliche Ausmaß seiner Wünsche, seiner Gedanken oder seiner Leiden ausdrücken; und die menschliche Sprache gleicht einem zersprungenen Kessel, auf dem wir krude Rhythmen wie für Tanzbären trommeln, während wir uns danach sehnen, eine Musik zu machen, bei der die Sterne schmelzen.“                                          Gustave Flaubert

 

Die Sterne hören mein Seufzen.

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Hört ihr Leut und lasst euch sagen
Was sich einst hat zu getragen:

In Nachbars Garten sah ein junger Edelmann
Was dann und wann geschehen kann
Ein wunderschönes Kind erblühn
Ihre Wangen zart wie Rosenblätter glühn
Er war arm ohne Gut und Geld
Wollte sein ein gerühmter Held
Ihr Vater war ein vermögend Mann
Der Junge einen tückisch Plan ersann
Der ihm trüge ein des Vaters Reich
Und das schöne Mädchen auch sogleich

In heller Mond beschienener Nacht
Wurd sein Plan zur Tat gemacht
Vor ihrem Altan dort kniet er nieder
Die Nacht wohlriecht nach lila Flieder
Glühenden Eifers freit er um ihre zierlich Hand
Das Fräulein schaut ihn an ganz unverwandt
Ihr unerfahren Herz seine Schönheit rührt
Seine Schmeichelei ihr den Verstand verführt

Im Mondenschein glänzt ihr kostbar Geschmeide
Der schöne Jüngling schwört viel tausend Eide
Dass er sie so glühend innig liebe
Und für sie auch tausend harte Hiebe
Jederzeit und willig könnt ertragen
Würd sie ihm nur einmal sagen
Die berühmten drei Worte
An der glänzenden Pforte

Morgen Nacht zur selben Stund bei Lunas Schein
Beizeiten wiederkehrend wollt er bei ihr sein
Von seiner lauteren Liebe ihr zu singen
Seiner Angebeteten ein Kleinod zu erbringen
Das die reine Wahrheit seiner Worte beweise
Und so schlich der listige Jüngling leise
Hinfort aus ihrem paradiesischen Garten
Das holde Mägdlein wollt geduldig warten
Bis der blendend Herzgeliebte wiederkehrt
Doch es wurde ihm unerbittlich verwehrt

Denn der schlangengleiche junge Mann
Wendet eine böse arglistige Täuschung an
Der Knabe buhlt nicht allein um sie
Auch vor der Schwester fiel er auf die Knie
Als den Vater erreicht die schlimme Kunde
Macht er sich gar zornig auf zur selben Stunde
Den Jüngling mit dem Schwerte zu erstechen
Und sich für die üble Schmach zu rächen
Doch der Missetäter hörts und eilends floh
Das schmachtende Mägdelein wurd nimmer froh
Siechte dahin an gebrochenem Herzen
Bis es starb in Liebesschmerzen

Und die Moral von der Geschicht:

„Liebe tötet“ – immer nicht
Doch des öfteren kommt’s vor
Das Eifer, Neid und Gier
Verschließen uns der Liebe Tür
Drum ihr Jungfern seid bedacht
Wer euch einen Antrag macht
Damit ihr nicht erleidet bittre Schmerzen
An verliebtem Mädchenherzen

Bitte seht mir nach, wenn es hakt 🙂 – es hat einfach Spaß gemacht.

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„Ich habe Angst!“

Ich ziehe meinen Mantel an, wickele mir den Schal um den Hals und streife meine Handschuhe über. Richard legt mir die Hand auf die Schulter.

„Das müssen sie nicht. Ich bin ganz in ihrer Nähe.“

„Ich weiß. Aber für Leute, wie mich gibt es kein Happy End.“

Er dreht mich zu sich herum.

„Wie kommen sie darauf?“

„Es gibt vieles, das sie nicht wissen“, antworte ich resigniert.

„Vielleicht sollten sie es mir erzählen?!“ Richard hält mir die Tür auf. „Nach ihnen?“

Er lässt mir den Vortritt. Am Auto öffnet er mir die Tür. Ein Mann mit Manieren. Ich hätte ihn gerne kennengelernt, bevor dies alles passierte. Richard startet den Motor und fährt los.

„Also, was meinen sie?“, hakt er nach.

„Sicher. Reden erleichtert. Aber ich kann mir nicht denken, dass sie noch gut von mir denken, wenn sie die Wahrheit kennen.“

„Wer weiß, sie haben es noch nicht versucht.“

„Stimmt. Aber ich weiß, wie ein Mensch mich anschaute, dem ich die Wahrheit gesagt habe.“ Ich halte kurz inne. „Und ich muss zugeben, ich möchte nicht, dass sie mich so ansehen.“

„Davon abgesehen, dass ich mir das nicht vorstellen kann, warum möchten sie diesen Blick nicht von mir sehen?“

„Weil sie mir sehr sympathisch sind.“

„Nur sympathisch?“, fragt er und lächelt.

„Nicht nur“, erwidere ich.

Richard wirft mir einen kurzen Blick zu.

„So so“, sagt er zweideutig, „nicht nur.“

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Heute eine kleine Liebesgeschichte….es musste einfach sein – ich brauchte dringend Romantik 😉 .

Meine Lungen brannten vom beißenden Qualm. Mit letzter Kraft zerrte ich Colin soweit aus dem brennenden Haus, dass wir uns außer Reichweite der Flammen befanden. Heftiger Husten schüttelte mich. Ich kniete neben dem ohnmächtigen Colin, fühlte seinen Puls und prüfte die Atmung. Er lebte! Ich hatte meinen Auftrag erfüllt. Colin war in Sicherheit. Es wurde Zeit für mich zu gehen.

„Ich liebe dich“, flüsterte ich, dicht neben seinem Ohr.

Meine Beichte hatte keine fassbare Konsequenz. Es war nur das Bekenntnis der Wahrheit, bevor ich New York den Rücken kehrte und Colin aus meinem Leben strich. Ich erhoffte mir Erleichterung. Sie kam nicht. Wie sollte sie? Niemand hatte mich gehört. Genau der Aspekt, auf den es ankam. Ein Gegenüber, das dir Vergebung und Erlösung gewährt.

Colin schlug die Augen auf, sah mich verwundert an. Ich beugte mich zu ihm hinunter und küsste ihn sanft. Colin erwiderte meinen Kuss. Der Geschmack meiner Tränen mischte sich mit dem seiner Lippen. Er fiel wieder in die gnädige Bewusstlosigkeit. Der erste und der letzte Kuss.

Als die Sanitäter eintrafen und ich Colin in guten Händen wusste, machte ich mich auf den Heimweg. Der Sturm in meinem Herzen brüllte wie ein wildes verwundetes Tier gegen meinen Plan an, aber mein Verstand übernahm die Führung.

***

Es gab nicht, dass ich noch tun konnte. Wenn ich irgendwie überleben wollte, musste ich eine Distanz zwischen Colin und mich bringen, die sich nicht so einfach überwinden ließ. Zu Hause angekommen rief ich bei der Umzugsfirma an und veranlasste alles Nötige. Dann packte ich die wichtigsten Sachen, rief ein Taxi und fuhr zum Flughafen. One Way Ticket New York – London, von dort mit dem Zug nach Somerset, Minehead, mit dem Taxi in die Quay Street zum „The Quay Inn“.

***

Tante Muriel begrüßte mich herzlich und selbst Onkel John ließ sich zu einer angedeuteten Umarmung herab, was angesichts seines kargen Charakters eine besondere Auszeichnung darstellte. Er war der Stiefbruder meines Vaters und das ganze Gegenteil von ihm. Meine „Cousins“, die ich seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte, begrüßten mich mit neugieriger Zurückhaltung. Alle drei hochgewachsen, breitschultrig und mit gut geschnittenen Gesichtern eingerahmt von dunklem Haar. Eher ungewöhnlich für englische Verhältnisse, aber das mochte an Tante Muriels französischen Wurzeln liegen. Sean, der Jüngste und in meinem Alter, zeigte mir meine Zimmer und wuchtete meinen Koffer die Treppe hinauf.

„Mensch Lea hast du da Backsteine drin?“, fragte er und stellte den Koffer in der Mitte des Zimmers ab.

Ich musste lächeln.

„Nein, aber meine wichtigsten Bücher. Der Rest kommt im Container.“

Er machte große Augen.

„Wie viele hast du denn?“

„So etwa 2000.“

Für einen Augenblick war er sprachlos, dann lachte er.

„Warum machst du nicht eine eigene Bücherei auf?“

„Ich fürchte, ich verleihe meine Bücher nicht besonders gerne“, erwiderte ich und grinste.

„Genau wie Vater. Der ist mit seinem Werkzeug auch so pingelig.“

Dass ich etwas mit Onkel John gemeinsam haben sollte, kam mir zwar etwas übertrieben vor, aber ich war zu erschöpft, um mich mit Sean auf eine Diskussion einzulassen.

„Um sieben gibt’s Dinner“, klärte er mich auf.

„Gut.“

Ich nickte ihm zu, aber statt zu gehen, blieb Sean abwartend neben meinem Koffer stehen.

„Mum sagte, dass du in New York etwas ganz anderes gemacht hast, als Bücher zu sortieren.“

Ich seufzte innerlich. Wie sollte ich dem netten Sean erklären, dass ich eine der besten Computerspezialistinnen war und bei der Aufklärung von Schwerverbrechen mitgewirkt hatte?

„Stimmt. Ich habe mit Computern gearbeitet“, fasste ich meinen Job zusammen.

„Sehr cool! Könntest du dir bei Gelegenheit mal meinen PC anschauen? Mit dem stimmt was nicht.“

Das Übliche. Sobald jemand wusste, mit was ich mein Geld verdiente, wurde ich gebeten mich um ein PC-Problem zu kümmern. Zum Glück war das bei meiner zukünftigen Arbeit als Büchereiangestellte nicht mehr der Fall. Die einzigen Arbeiten am PC waren dann dem Bücherkatalogisieren und dem Bestellen vorbehalten.

„OK, ich sehe in mir an. Unter einer Bedingung!“

„Und die wäre?“

„Du verrätst es niemand. Ehrlich gesagt stehen mir die Computer gerade bis hier.“

Ich machte mit der Hand eine Schnittbewegung vor meinem Hals. Sean nickte hastig.

„Klar, ich halte dicht. – Also dann bis später.“

„Ich werde pünktlich sein.“

***

Ich schloss die Tür, streifte mir die Schuhe von den Füßen und warf mich auf das geräumige Bett. Die weiße rosenbestickte Tagesdecke passte zu der Tapete in zarten Pastelltönen. Die Deckenbalken waren weiß gestrichen und ließen das niedrige Zimmer heller und weiter erscheinen. Vor dem Fenster mit den duftigen Stores stand ein zierlicher Schreibtisch mit geschwungenen Beinen und einem Aufsatz, den man aufklappen konnte. Er war, wie auch alle anderen Möbel weiß. Die Stühle und das kleine Sofa im Wohnraum hatten Bezüge aus gestreiftem Stoff in der Farbe der Tapeten. Ein kleiner Tisch und mehrere stabile Bücherregale vervollständigten das Mobiliar. Tante Muriel hatte alle Vorkehrungen getroffen, um für mein Wohlbefinden und das meiner Bücher zu sorgen.

Das Beste an meinem Zimmer war jedoch, nach meinem Empfinden, die Aussicht. Ich hatte direkten Meerblick. Gegenüber des „Quay Inn“ lag nur noch eine niedrige Mauer, die die Straße vom Strand trennte und ich erinnerte mich an die Urlaube meiner Kindheit, die ich dort mit meinen Cousins in einträchtigem Spiel verbracht hatte.

Ich raffte mich auf. Vor dem Dinner wollte ich wenigstens noch meinen Koffer auspacken und meine mitgereisten Bücher in die Regale stellen. Ich stieß das Fenster auf. Eine laue Brise wehte herein und wirbelte die dünnen Stores durcheinander. Die Sonne warf lange Strahlen auf das Wasser der Bucht, das in einem Rausch aus Silberglimmer vor sich hin wogte. Es roch nach Salz, Tang feuchtem Holz und Farbe, mit denen die Fischer ihre Boote auffrischten. Im Sommer war Minehead ein gern besuchter Touristenort. An dem sich besonders die Einheimischen erfreuten. Die Fischer frischten ihre Börsen mit Bootsfahrten auf und stellten interessierten Besuchern ihre Kähne zu Angelausflügen zur Verfügung. Auch mein Onkel besaß ein Boot, mit dem er sich in der Saison ein gutes Handgeld verdiente, während Tante Muriel das Restaurant und die Pension bewirtschaftete. Meine Cousins mussten, nach ihren normalen Jobs, ihren Anteil zum Familiengeschäft beitragen.

Es fiel mir schwer mich von diesem traumhaften Ausblick loszureißen, aber schließlich würde ich nun hier leben und konnte mich dem Sujet jederzeit hingeben. Wie gerne hätte ich Colin bei mir gehabt. Ich wusste, wie sehr er das Meer liebte, und war mir sicher, er wäre begeistert gewesen. Der Gedanke schnitt mir ins Herz. Colin. Ständig stand mir sein Bild vor Augen. Das markante Gesicht, mit den grauen Augen und den langen Wimpern, der geraden Nase und dem sinnlichen Mund. Warum er? Immer wieder hallte der Gedanke durch meinen Kopf. Hätte ich nicht einen anderen lieben können? Oder liebte ich, ebenso wie er, dass was ich nicht haben konnte? So unähnlich waren wir uns also doch nicht. Der Unterschied war, dass ich Colin im Verborgenen liebte, während er nichts unversucht ließ, Sara für sich zu gewinnen. Die Ex-Freundin seines besten Freundes Oliver, die sich weder für den einen noch den anderen wirklich entscheiden konnte. Mein Vater hätte so etwas eine „unheilige Dreieinigkeit“ genannt. Das war mehr, als ich ertragen konnte. Mein Entschluss zu gehen hatte zu lange gedauert. Immer wieder hatte ich es wegen „wichtiger“ Aufträge aufgeschoben, aber meine Kräfte waren erschöpft.      

„Liebes! Kommst du?“, rief Tante Muriel die Treppe herauf und erlöste mich fürs erste von meinen düsteren Gedanken. Ich wusste, dass sie sich nur eine kurze Auszeit gönnten. Spätestens, wenn ich das Licht ausschaltete, kehrten die Dämonen zurück und suchten mich heim, bis jede Zelle in meinem Körper vor Verlangen nach Colin brannte und mich um den Schlaf brachte.

***

Das harte Klopfen an meiner Tür ließ mich aus dem Schlaf fahren.

„Lea! Frühstück ist fertig!“

Finlay, mein ältester Cousin, steckte den Kopf zur Tür herein und betrachte mich ungeniert.

„Was? Wo bin ich?“, Colin steckte noch in meinem schlaftrunkenen Körper und Geist. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, wo ich mich befand. „Entschuldige Fin, ich bin noch nicht ganz da. Habe ich etwa verschlafen?“

„Nein. Aber Mum meinte, ich sollte nach dir sehen.“

„Gut, gut. Danke.“

Ich krabbelte aus meinem Bett und streckte mich. Fin hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Sein Blick glitt offen über meinen Körper, der nur von einem engen T-Shirt und einer kurzen Hose bedeckt war, und blieb an meinen nackten Beinen hängen. Er stieß einen anerkennenden Pfiff aus. Also hatte ich mich beim gestrigen Dinner nicht geirrt, was sein Interesse an mir betraf.  

„Ich stelle fest, aus dem kleinen staksigen Mädchen ist eine schöne junge Frau geworden“, sagte er gerade heraus.

Seine warme Stimme streichelte mein Ego und eine wohlige Gänsehaut lief mir über den Rücken. Wieso hatte Colin das nicht gesehen? Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass mich ein Mann so intensiv betrachtete und mir ein Kompliment machte. Umso mehr, als Finlay der Stillste der Brüder und durch wenig zu beeindrucken war. Ich erinnerte mich, dass sich mein Vater während eines Urlaubs den Fuß böse an einer Glasscherbe verletzte. Finlay ohne ein Wort zu verlieren, stoppte die Blutung und versorgte die Wunde so gut, dass die angerückten Sanitäter mehr als erstaunt waren. Er war 10 Jahre alt.

   Finlays dunkelblaue Augen, sein schwarzer wilder Haarschopf und sein ernstes Gesicht, über das selten ein Lächeln huschte, ließen ihn melancholisch erscheinen. Ich mochte Finlay, und doch bedrückte mich seine düstere Aura ebenso, wie meine eigene Dunkelheit. Sein Blick war so durchdringend, dass mich eine Beklemmung überfiel, die mir ein Frösteln verursachte.

Ich spürte, dass in ihm dasselbe lauerte, dass sich in mir wie ein zehrender, alles verschlingender Parasit festgesetzt hatte. Die Sehnsucht nach der absoluten Liebe. Erfüllung und Ekstase, bis zur Selbstaufgabe. Darin hatte ich Erfahrung, mehr als mir lieb war und ich ertragen konnte. Vielleicht war das der Punkt. Colin suchte Selbstbestätigung. Er wollte Oliver ausstechen, der bessere Mann sein. Ich suchte Erfüllung durch Liebe. Opferbereit, freiwillig. Zu sehr. Finlay musste es ebenso erfahren haben. Dieses Zerrissensein, die Hilflosigkeit. Auch in seinem Leben schien es diese schwärende Wunde zu geben. Zwei verletzte Seelen, die sich anzogen.

Immer noch wie unter einem Bann, standen wir uns gegenüber. Unerwartet drehte Finlay sich um und ging. Als die Tür hinter ihm zufiel, erwachte ich aus einer Art Trance. Energisch schüttelte ich meine Benommenheit ab und öffnete das Fenster. Tief atmete ich die morgenkühle Seeluft ein, die meine Lungen mit frischem Sauerstoff fühlten. Ein leichter Schwindel erfasste mich. Die Luft in New York angereichert mit Abgasen und Schadstoffen war schwer und stickig, während sie in Minehead sprudelte und spritzig schmeckte wie trockener Sekt.

***

Der rosafarbene Morgenhimmel schmückte sich mit zarten Federwolken. Möwen schaukelten gemütlich auf dem leicht gekräuselten Wasser der Bucht, während andere auf der Mauer der Strandpromenade saßen und gelangweilt darauf warteten, dass etwas Spannendes geschehen möge.

Es war mein erste Arbeitstag in der Bücherei. Da galt es einen guten Eindruck bei meinen neuen Kollegen zu hinterlassen. Sorgfältig wählte ich einen hellblauen knielangen Leinenrock mit weißer Bluse und weißen Ballerinas. Meine Haare bändigte ich in einem Zopf und wählte unauffällige Perlohrringe als einzigen Schmuck.

Als ich im Esszimmer erschien nickte Onkel John anerkennend und murmelte etwas von „kann sich sehen lassen“, während Tante Muriel beinahe Tränen in die Augen stiegen.

„Ach Liebes, wie hübsch.“

„Bring doch das Mädchen nicht in Verlegenheit“, knurrte Onkel John und zwinkerte mir verschwörerisch zu.

„Was du nur immer hast“, schalt Tante Muriel ihn sanft, „wenn wir eine Tochter hätten, würdest du anders reden.“

Sie goss mir eine Tasse Kaffee ein.

„Mit Milch und Zucker, Liebes?“

„Nur mit Milch, bitte.“

„Hi Mum, Dad“, David, mein mittlerer Cousin, setzte sich neben mich und strahlte mich an, „hi Lea.“

Er beugte sich zu mir herüber und flüsterte:

„Na Cousinchen, hast du dich in Schale geworfen.“

Als sein Atem über meinen Hals strich, kroch mir eine Gänsehaut in den Nacken. Meine Alarmglocken schrillten, nein sie brüllten mich an. Verdammt, ich war genau an dem Ort gelandet, an dem ich gerade nicht sein sollte. Umgeben von drei gutaussehenden Männern.

„So würde ich direkt mal mit dir ausgehen“, flirtete er weiter.

„Tja aber ich nicht mit dir“, ich deutete auf seinen Blaumann, ihm gehörte eine Autowerkstatt, „da müsstest du dich schon etwas mehr anstrengen.“

„Oh, bitte Schätzchen, du stehst doch auf Männer, die sich auch mal die Hände schmutzig machen können.“

David grinste über das ganze Gesicht.

„Junge, wie redest du mit Lea!“, fragte Tante Muriel entsetzt, „tut mir leid Schätzchen, manchmal ist er nicht ganz stubenrein.“

Ich sah David an, dann Tante Muriel und musste plötzlich lachen. Einfach so. Es kam heraus und war ganz leicht. David lachte mit mir, dabei legte er ganz unverbindlich seinen Arm um mich und zog mich zu sich herüber. Es war eine unverfängliche Geste, aber seine Augen sagten etwas anderes. Was für ein freches Kerlchen! Wie oft hatte ich mir gewünscht, dass Colin mich einmal so berührte. In der ganzen Zeit, in der wir zusammenarbeiteten, lebte ich wie eine Nonne. Seit ich vor 24 Stunden englischen Boden betreten hatte, konnte ich mich vor Aufmerksamkeit nicht retten. Hatten die britischen Ladys samt und sonders die Insel verlassen?

„Hey, was ist denn hier los?“, Sean, im eleganten Anzug, kam in die Küche. „Mum, hast du den beiden etwas in den Kaffee getan. Das will ich auch.“

Er hatte seine dunklen Locken gebändigt und war glatt rasiert. Man sah ihm den Bänker an. Tante Muriel stellte ihm seinen Kaffee hin.

„Junge wovon redest du?“

Tante Muriel sah ratlos von einem zum anderen.

„Hanf, Absinth, happy Pills? Etwa in der Reihenfolge.“

„Drogen!“, ihre Augen weiteten sich entsetzt, „aber Kind, wie kommst du nur auf so eine schreckliche Unterstellung.“

„Schon gut, Mum, das ist nur die gute Luft bei uns“, David zwinkerte mir zu, „schön dich lachen zu sehen.“

„Stimmt, so sieht sie noch hübscher aus.“ Sean stupste seinen Bruder in die Seite. „Finger weg! Ich habe sie zu erst gesehen.“

„Oh bitte! Das kannst du vergessen. Ich bin viel witziger und eloquenter als du.“

„Das Wort kannst du doch nicht mal schreiben.“

„Hey Jungs. Sollte ich da nicht vielleicht auch gefragt werden?“, warf ich ein.

Aber zu spät. Sean und David losten mich unter sich aus. Finlay steckte den Kopf zur Tür herein. Das Gebaren seiner Brüder war keine wirkliche Überraschung für ihn. Er verdrehte die Augen, gab mir einen Wink:

„Komm, ich fahr dich. Sonst kommst du an deinem ersten Tag zu spät.“

Finlay trug Jeans und T-Shirt, darüber einen Sweater, wie am Tag vor her. Ich stand auf, gab Tante Muriel einen Kuss auf die Wange:

„Danke, Tante Muriel. Danke.“

Sie lächelte und wieder standen ihr Tränen in den Augen.

„Weint deine Mutter immer soviel?“, ich sah Finlay an.

„Nein, eher nicht. Normalerweise ist sie ziemlich abgehärtet. Scheinbar zu viele weibliche Schwingungen oder so“, er lächelte spöttisch.

„Hört, hört“, knurrte Onkel John.

Finlay nahm meinen Arm und zog mich aus der Tür. Bevor er sie schloss, rief er:

„Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Wir sind weg!“

Sofort wurde es still in der Küche. Dann wurden Stühle gerückt.

„Hey kommt sofort zurück!“, riefen Sean und David.

„Schnell!“

Finlay zog mich hinter sich her aus dem Haus. Er öffnete mir die Autotür, und bevor seine Brüder mich ihm abspenstig machen konnten, ließ er den Motor an und fuhr los.

Finlay fuhr auf der Quay Street Richtung Innenstadt. Dann bog er in die Blenheim Road ein und folgte ihr entlang der Blenheim Gardens, bis er in „The Parade“ und von dort in die Bancks Street einbog. Häuser im besten victorianischen Baustil säumten saubere Straßen. Liebevoll angelegte Gärten taten ein Übriges, um aus Minehead einen anziehenden Touristenort zu machen. Die Bücherei bestand aus einem roten Backsteinbau mit anthrazitfarbenem Schieferdach, dort waren die Leseräume untergebracht, und einem neumodischem siebziger Jahre Anbau, der leider nicht besonders gut zum Rest des schönen Gebäudes passte. Finlay hielt vor der Bücherei.

„So da wären wir. Ich wünsch dir einen guten Start“, sagte er und lächelte.

„Danke! Und womit verbringst du heute die Zeit?“

„Ich gehe ins Atelier. Ich muss noch eine bestellte Skulptur fertigstellen.“

„Das hört sich nicht so begeistert an.“

„Was soll man machen. Das Los jeden Künstlers. Willst du Geldverdienen, musst du dich manchmal verkaufen. Nicht schön, aber notwendig.“

Finlays düsterer Blick strafte die zur Schau gestellte Gleichgültigkeit Lügen. Er tat mir leid. Ich wusste nur zu gut, was es bedeutete immer etwas zurückhalten zu müssen. Hastig beugte ich mich zu Finlay hinüber, hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und sprang mit einem atemlosen „bis heute Abend“ aus dem Auto. Ohne mich umzudrehen, betrat ich die Bücherei.

***

„Guten Morgen, mein Name ist Lea Winter. Ich bin die neue Bibliothekshilfe.“

Die ältere Dame hinter dem Tresen sah mich kritisch über ihre Goldrandbrille hinweg an. Auf dem Plastikschild an ihrer creme farbigen Bluse, unter der sandfarbenen Strickjacke, über einem dunkelbraunen Rock, stand „Mrs. Emily Smith“. Sie entsprach genau der Vorstellung, die man sich von einer Bibliotheksdame machte.

„Da sind sie bei mir richtig“, erwiderte sie.

Die Andeutung eines Lächelns huschte über ihr faltiges Gesicht. Sie erhob sich von ihrem Platz und kam zu mir auf die andere Seite des Tresens. Misses Smith reichte mir die Hand.

„Emily Smith. Büchereileitung. Dann wäre da noch Misses Jean Miller ist zurzeit im Urlaub“, ich verkniff mir ein Schmunzeln, Miller und Smith. Immerhin leicht zu merken. „Und unsere Praktikantin“, Misses Smith wurde von einer fröhlichen Stimme unterbrochen.

„Patricia, aber sie können Pat zu mir sagen.“

Ich drehte mich um. Hinter mir stand ein Mädchen, etwa achtzehn Jahre alt, in einem schwarzen Rüschenkleid, Stiefel, mit langem schwarzem Haar, in dem silberne Spangen steckten und dunkel geschminkten Augen. Ihre Lippen waren feuerrot.

„Lea“, sagte ich.

Ihr Händedruck war fest.

„Führ bitte Miss Winter herum und gib ihr das Namenschild“, delegierte Misses Smith mich an Patricia weiter.

„Klar mach ich gerne. Wollen wir?“, fragte sie mich.

Ich folgte ihr hinter den Tresen ins Büro. Den größten Teil nahm ein klobiger Eichenschreibtisch ein, der in der Mitte des Raumes stand. Vermutlich war er so schwer, dass die Damen ihn nicht bewegen konnten und ihnen nichts anderes übrig blieb, als ihn an Ort und Stelle zu belassen, egal wie sperrig er war. An den Wänden standen Aktenschränke bis obenhin voll mit Ordnern. Es roch nach Papier und Staub. Patricia zog eine Schublade aus dem Schreibtisch und wühlte darin herum.

„Ah, da ist es ja.“

Sie hielt mir eine Plastikkarte mit meinem Namen hin.

„Danke Pat.“

Ich steckte mir die Karte an den Blusenkragen.

„Ich hoffe, ihnen gefällt`s hier. Die Misses sind ja ganz nett. Aber ich bin froh, dass sie den Altersdurchschnitt nah unten reißen.“ Patricia grinste und zeigte zwei Reihen strahlend weißer Zähne. „Etwas frischer Wind in den geheiligten Hallen kann nicht schaden.“

„Verstehe“, ich musste schmunzeln, „dann zeigen sie mir mal die anderen Räume.“

Patricia führte mich erst in den Ausleihbereich und zeigte mir die verschiedenen Abteilungen. Dann betraten wir die Lesesäle. In einen Raum standen lange Tische, feinpoliert, bestückt mit grünen Glaslampen auf goldfarbenem Fuß und bequemen Stühlen. In den Regalen standen hauptsächlich Sachbücher. Geografie, Geschichte, alle Naturwissenschaften, Atlanten und alte Karten, Seefahrt und Nautik, Technik und vieles mehr. Der Duft von Bienenwachs und alten Büchern übte eine geradezu magnetische Anziehungskraft auf mich aus.

Selbst in New York war ich in meiner spärlichen Freizeit in die Bibliothek gegangen. Manchmal griff ich aus einem beliebigen Regal willkürlich ein Buch und las darin. So lernte ich einiges über Bereiche, die ich persönlich nicht ausgewählt hätte.     

Der andere Saal erinnerte eher an einen Gentlemensclub. Im ganzen Raum verteilt standen Sitzgruppen aus schweren Ledersesseln und kleinen Tischchen. Nur der Kaffeeautomat neben der Eingangstür störte das Ambiente.

„Und wie finden sie es?“

Patricia schien etwas nervös zu sein. Sie verhakte die Finger ineinander und trat von einem Bein auf das andere.

„Eine sehr schöne Bücherei. Ich bin froh, dass ich hier arbeiten darf.“ Ich legte Patricia freundschaftlich den Arm um die Schulter. „Und wo fange ich an? Ich hoffe als Neuling muss ich nicht die Fußböden schrubben.“

„Nein“, Patricia lachte, „das macht unsere Perle. Anja.“

„Beruhigend. Also Pat machen wir uns an die Arbeit.“

„Kommen sie. Als Erstes sortieren wir die Bücher vom Vortag ein, die abgegeben wurden oder die die Leser auf die Ablagetische legen, wenn sie gehen.“

Bemerkt hatte ich die Tische und mich gewundert, warum die Bücher dort wild durcheinander standen und lagen. Ich folgte Patricia zu einem Abstellraum. Jeder von uns bekam ein Tischchen mit Rädern. Wir sammelten die herumliegenden Bücher ein, fuhren durch die Regalreihen und sortierten die Bücher an ihre angestammten Plätze.

***

So vergingen die nächsten Wochen ohne besondere Vorkommnisse. Meine restlichen Habseligkeiten hatten den weiten Weg über den Ozean geschafft und in jeder freien Ecke stapelten sich die Bücher. In der Bücherei lernte ich das Computersystem kennen und unterzog es einigen Korrekturen, die das Arbeiten erleichterten, bereitete Leseabende vor, sortierte Bücher, lernte die Stammkunden kennen und verbrachte die Mittagspausen mit Patricia. Manchmal gesellten sich Sean oder David zu uns. Es freute mich zu sehen, dass Sean und Patricia sich näher kamen. Finlay sah ich selten. Er war im Atelier sehr eingespannt, und mir war es recht nicht mit einer neuen schwierigen Beziehung konfrontiert zu werden. Und Onkel John und Tante Muriel erwiesen sich als liebevoll Gasteltern.

Alles hätte so schön sein können, wenn nicht immer wieder Colin in meinen Gedanken herumspukte. Am Anfang hatte ich ein paar Mal im „New York Memorial Hospital“ angerufen und mich nach Colins Gesundheit erkundig. Er erholte sich schnell, und nachdem er entlassen wurde, gab es keinen Grund mehr, die Verbindung nach Übersee aufrechtzuerhalten. Aber einmal mehr bestätigte sich, dass man vor Problemen nicht davon laufen kann. Wenn man nicht loslassen kann, schleppt man sein „Päckchen“ bis in den entferntesten Winkel der Erde.

Immer wieder sah ich sein blasses Gesicht vor mir, den Ausdruck des Erstaunens und dann den Geschmack seiner Lippen. Hätte ich ihm schreiben sollen? Den Grund meiner Flucht erklären? In Gedanken formulierte ich unzählige Briefe. Ich versuchte sogar einen Brief zu schreiben. Aber als ich ihn las, kamen mir die Worte so lächerlich, kleinlich und dumm vor, dass ich ihn in tausend Stücke riss, und mich schämte derart willensschwach zu sein.

***

„Hast du mal wieder etwas von Colin gehört?“, fragte Patricia, der ich eines Tages von meinem Kummer erzählt hatte.

Wir saßen auf der niedrigen Mauer der Strandpromenade, blickten auf die Bucht, die in der Maisonne verschwenderisch glitzerte, und aßen Eis. Es war Freitagnachmittag und Misses Smith hatte uns, wegen mangelnder Besucher, vorzeitig entlassen.

Als Patricia Colins Namen aussprach, zuckte ich zusammen. Obwohl ich jeden Tag, jede Stunde an ihn dachte, erschreckte es mich, seinen Namen zu hören. Vielleicht erschreckte mich der Gedanke, dass mich allein das so sehr aus der Fassung brachte, noch mehr. Ich schüttelte den Kopf.

„Seitdem mir das Krankenhaus sagte, er wäre entlassen nicht mehr.“

Ich schloss die Augen und atmete tief ein. Der Geschmack von Meer und Salz lag auf meiner Zunge. Ich versuchte an ein Segelschiff zu denken, das auf den Wellen schaukelt, aber ich sah Colins nachdenklichen intensiven Blick. So hatte er mich oft angesehen, wenn ich ihm ausweichend auf die Frage nach meinem Befinden antwortete. Und wieder bohrte sich die Frage nach einer Erklärung in mein Herz.

„Meinst du er, sucht dich?“

Patricia ließ ihre Füße hin und her wippen.

„Nein.“

„Vielleicht doch! Männer sind bei so was immer …“

Ich unterbrach Patricia.

„Idiotisch?“

„Nein – möglicherweise. Ich meinte eher unbeholfen.“

Patricia lachte.

„Mag sein. Aber Colin ist bestimmt nicht auf den Mund gefallen. Glaub mir. Außerdem wird er es mir sehr übel nehmen, dass ich einfach abgehauen bin.“

„Was man ihm nicht wirklich verdenken kann. Ich wäre auch sauer.“

„Ich auch“, gab ich zu.

„Vielleicht würde es dir guttun mit Fin auszugehen. Er mag dich.“

Ich runzelte die Stirn.

„Wie kommst du darauf?“

Patricia grinste.

„Sean hat es mir gesagt. Aber wenn Fin dir zu melancholisch ist, würde sich David auch anbieten.“

„Mag sein. Aber ich habe von komplizierten Beziehungen echt genug. Und da ich immer noch auf etwas warte, das niemals passieren wird, kann ich mich gerade keinem Mann zu muten. Ich hätte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Er wäre nur ein Notnagel.“

„Aber wenn du alles so genau siehst, warum lässt du Colin nicht hinter dir?“

„Ich kann nicht damit aufhören. Es ist wie ein Zwang. Mein Verstand sagt vergiss ihn, aber mein Herz klammert sich an ihn, wie eine Seepocke.“

Ich brach ab. Patricia sah mich mitleidig an. Sie legte sanft einen Arm um meine Schultern.

„Alles wird wieder gut. Irgendwann.“

„Ich weiß“, flüsterte ich, „Colin war alles, wonach ich mich je gesehnt habe. Jeder Gedanke galt ihm, jeden Atemzug und jeden Herzschlag habe ich für ihn getan. Mein Leben hätte ich für ihn geopfert und nun ist alles weg. Das schwarze Loch in meinem Innern ist noch schmerzhafter, als es die unerwiderten Gefühle waren.“

Tränen liefen mir über die Wangen. Sie schmeckten salzig, wie das Meer. Wenn ich nur genug Tränen vergösse, könnte ich mich auflösen und ins Meer fließen. Mir fiel Hans Christian Andersens Meerjungfrau ein. Sie setzte alles auf eine Karte und verlor. Ich hatte auch verloren, im Gegensatz zu der Meerjungfrau war ich allerdings nicht mutig genug so hoch zu pokern.

Patricia zupfte ein Taschentuch aus ihrer Tasche und reichte es mir.

„Tut mir leid, ich wollte nicht, dass du dich schlecht fühlst.“

„Du kannst nichts dafür. Ich bin selbst schuld. Wenn ich Colin mit meinen Gefühlen konfrontiert und er abgelehnt hätte, dann könnte ich vielleicht einen Schnitt machen – so ist da immer noch dieses: was hätte sein können.“

„Verstehe ich. Aber dich einzuigeln hilft auch nicht weiter – es würde dir bestimmt guttun dich etwas umgarnen zu lassen.“

 „Ich kann das nicht. Dabei hätte ich ein schlechtes Gewissen. Ich will keinem falsche Hoffnung machen“, wehrte ich ab.

„Aber sieh es doch mal so: wer weiß, ob nicht mehr draus wird?!“

Als wäre dies das Stichwort gewesen, klingelte mein Handy. Als ich das Gespräch annahm und erstaunt: „Fin?!“ sagte, grinste Patricia und zeigte mit beiden Daumen nach oben.

„Ins Kino?“

Patricia nickte heftig.

„Ja, gerne. Wann?“

„Ok, wir sehen uns zu Hause. Bis später.“

Patricia drückte mich überschwänglich an sich.

„Der Junge hat ein perfektes Timing.“

„Hast du ihm den Tipp gegeben?“, argwöhnte ich.

„Niemals! Aber ich hätte es nicht besser planen können.“

Ich sah auf die Uhr.

„Wenn ich pünktlich sein will, muss ich jetzt los.“

Patricia sprang auf und klatschte aufgeregt in die Hände.

„Ich wünsche dir einen tollen Abend und erzähl mir alles! Versprochen?“

„Ja, versprochen.“

 ***

Als Finlay an meine Zimmertür klopfte und fragte, ob ich fertig sei, schlug mein Herz einen Schlag schneller. Ich wusste nicht, ob es die nervenaufreibende Anprobe der passenden Garderobe war oder der Gedanke, nach ewigen Zeiten ein Date zu haben.

„Hey Lea, gut siehst du aus.“

Finlay lächelte, und ich überlegte in Panik auszubrechen. Er sah auf jeden Fall ein Date in unserem Kinobesuch. Ich hatte ihn noch nie so chic gesehen. Schwarze Jeans, Lederschuhe, weißes Hemd. Gut rasiert und sogar die wilden Locken hatte er gezähmt.

„Und wer sind sie“, versuchte ich einen Scherz, „sie können unmöglich Finlay Monroe sein. Der lächelt nie.“

Ein Anflug von Röte flog über sein Gesicht.

„Wer weiß? Es könnte lohnen ihn näher kennenzulernen.“

Unser Gespräch ging eindeutig in eine Richtung, die mir nicht zu sagte. Schnell wechselte ich das Thema.

„Welchen Film möchtest du anschauen?“

„Es gibt den neuen Science Fiktion Film mit Matt Damon, Elysium und einen neuen Film mit Jennifer Aniston.“

„Ich bin für Elysium“, entschied ich.

Ich war kein ein Fan von Jennifer Aniston, außerdem hatte ich keine Lust auf Beziehungsschmus. Was ich nicht bedachte war, dass mich Action-Filme immer nervös machten, wenn ich die Hauptfigur mochte. Und Matt Damon mochte ich. Während also auf der Leinwand die Fetzen flogen, verhakte ich meine Finger ineinander, um die Spannung auszuhalten und zuckte regelmäßig zusammen, wenn etwas Unvorhergesehenes passierte. Irgendwann konnte Finlay es nicht mehr mit ansehen.

„Wir hätten doch lieber den anderen Film ansehen sollen?“ Er nahm meine Hände in seine und streichelte sie behutsam. Langsam ließ die Spannung nach. „Ich wusste gar nicht, dass du so schreckhaft bist.“

„Tut mir leid.“

Ich hatte den falschen Film ausgesucht. Über Jennifer Anistons Beziehungschaosfilm hätte ich hinterher wenigstens herziehen können. So machte ich Finlay zum Retter in der Not und es war nicht unangenehm. Seine Hände waren weder rau noch grob und er roch nach frischem Wind und einem herb-fruchtigen Aftershave. Unfreiwillig schlich sich Colin in meine Gedanken. Ich verfiel ihm, als ich ihm das erste Mal begegnete. War es sein gut geschnittenes Gesicht, seine geschmeidigen Bewegungen, seine samtige Stimme? Es war all das und noch mehr. Als er mir die Hand gab, ein fester Händedruck, mir direkt ohne Umschweife in die Augen sah und mich sein Duft einhüllte, wurde mein Hirn von einer Welle des Begehrens überflutet. Colin lächelte und seine Augen strahlten. Er hielt immer noch meine Hand.

„Freut mich sie kennenzulernen Lea. Ich bin froh, dass sie sich entschlossen, haben bei uns anzufangen.“

„Danke Sir“, presste ich heraus.

Eigentlich war ich nicht auf den Mund gefallen, aber in Colins Gegenwart ging mir jede vernünftige Antwort flöten. Jedes Mal wenn ich direkt mit ihm zu tun hatte, und das kam immer öfter vor, setzte meine Sprachsteuerung aus. Ich redete zu viel, zu schnell und dummes Zeug. Je mehr ich Colin beeindrucken wollte, desto schlimmer wurde es und doch arbeiteten wir gut zusammen. Ich war der Theoretiker und er der Praktiker. Colin vertraute mir und gab Dinge von sich preis, die niemand außer mir wusste. Er war einer der wenigen Menschen, die es fertigbrachten, wie ein Sonnenstrahl in meine innere Dunkelheit, die mich seit dem Tod meiner Eltern anfüllte, einzudringen und mich zum Lachen zu bringen. Im Gegenzug hätte ich alles für ihn geopfert.

„Hat dir der Film gefallen?“, fragte Finlay und riss mich aus meinen Gedanken.

Wir folgten den anderen Kinobesuchern nach draußen.

„Ja, danke.“

„Und etwas Gutes hatte es doch“, er lächelte und ich wusste genau, was er sagen wollte, „ich durfte deine Hand halten.“

Ich schwieg. Was gab es dazu zu sagen? Ich wollte Finlay nicht wehtun und ihn auch nicht ermutigen. Konnte man sich noch elender fühlen. Neben mir ging ein gutaussehender Mann, der mich anflirtete, und wenn ich ihn ein klein wenig ermutigte, könnte ich heute Nacht vermutlich Sex haben. Finaly war geschickt mit den Händen. Ich hatte seine Skulpturen gesehen … und wenn man der Legende glauben durfte, waren geschickte Handwerker auch gute Liebhaber. Aber stattdessen dachte ich an Colin.

„Was hat er dir getan?“

Finlay riss mich aus meinen Gedanken.

„Was meinst du?“, fragte ich zurück, um Zeit zu gewinnen.

„Du lässt niemand an dich heran, obwohl du dich nach Zärtlichkeit geradezu verzehrst. Und sag nicht Nein. Ich weiß, dass ich recht habe.“

Schweigend gingen wir nebeneinander her. Der Himmel war sternenklar und die Bucht lag glatt wie ein gestärktes Laken vor uns. Wir setzten uns auf eine Bank.

„Fin“, ich brach ab.

„Ja?“, er wandte sich mir zu.

„Er – er hat mir nichts getan.“

„Was ist es dann?“, fragte er erstaunt.

„Liebe kann man nicht an und abschalten. Und man kann auch nicht davon laufen. Man kann es versuchen, aber es klappt nicht. Ich glaube, dass macht es nur noch schlimmer.“

„Stimmt“, Fin strich mir liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht, „gegen ein Phantom kann ich nicht ankämpfen.“

„Oh Fin“, Tränen drängten sich hinaus und rannen mir über die Wangen, „ich bin so unendlich traurig. Und es tut mir so leid.“

„Das muss es nicht. Alles ist gut.“

Finlay zog mich in seine Arme. Seine Wärme hüllte mich ein. Sein Herz schlug schnell. Er strich mir über das Haar, drückte einen Kuss auf meine Stirn. Tränen durchnässten sein Hemd. Ein heftiges Schütteln durchzog meinen Körper.

„Und jetzt?“, schluchzte ich.

„Unter anderen Umständen würde ich dich jetzt küssen“, flüsterte er und drückte mir kleine Küsse auf die Schläfen, „ich würde dich liebkosen“, seine Finger strichen über meinen Hals und meinen Nacken, „solange, bis du mir alles gibt’s was ich will.“

Finlay küsste mich. Es tat gut. Wirklich gut. Finlay war ein guter Küsser. Genau die richtige Mischung zwischen Leidenschaft und Zartheit. Ich wollte loslassen. Wollte, dass es Finlay wäre, aber es ging nicht. Ich hätte Sex mit ihm haben können, einfach so. Einen One-Night-Stand. Ich könnte die Augen schließen, mich verwöhnen lassen, nicht an Colin denken. Ich würde es nicht schaffen, nicht an ihn zu denken. Obwohl es kein Versprechen zwischen uns gab, Nichts, hatte ich das Gefühl ihn zu betrügen. Und Finlay verdiente es nicht benutzt zu werden. Er hob den Kopf und sah mich an.

„Du bist wunderschön. Und wenn du wüsstest, was ich gerne alles mit dir tun würde …“, er lächelte spöttisch, „ich wette du würdest mit fliegenden Fahnen zu mir überlaufen. Aber ich denke, was auch immer du für ein Ding am Laufen hast, es ist noch zu früh für mich.“ Finlay stand auf, „allerdings gebe ich nicht auf. Das ist nicht mein Ding.“

Er streckte mir die Hand hin. Ich legte meine Hand in seine. Finlay zog mich von der Bank.

„Lass uns heimgehen. Du brauchst Schlaf, damit du bald wieder klar sehen kannst.“

„Danke, du bist lieb.“

„Ich weiß. Und ehrlich gesagt, das macht mir überhaupt keinen Spaß.“

„Trotzdem danke.“

Hand in Hand gingen wir schweigend nach Hause.

 ***

In der Bücherei bereiteten wir eine Lesung für den Samstag vor. Ich war froh viel zu tun zu haben. So konnte ich mich von den Gedanken an Finlay und Colin ablenken. Zumindest tagsüber. Dafür spielte mir mein Unterbewusstsein nachts besonders schlimme Streiche. Mehrmals träumte ich davon, dass mich Colin in einem unpassenden Augenblick mit Finlay erwischte, und zwei Mal sah ich Colin in den Flammen sterben. Schweißgebadet wachte ich auf und konnte keinen Schlaf mehr finden. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Jeden Abend ging ich angstvoll zu Bett. Ich las solange, bis mir die Augen zu fielen. Es nutzte nichts.

Am Samstag war ich so erschöpft, dass ich verschlief und Misses Smith sich genötigt sah, mir einen Tadel auszusprechen.

„Miss Winter“, sie schob sich die Brille zurecht, um mich genau in Augenschein zu nehmen, „ich bin wirklich zufrieden mit ihrer Arbeit. Aber Zuspätkommen mein liebes Kind – das geht nicht. Aus Prinzip wissen sie.“

„Ja, Misses Smith. Ich verstehe.“

Es lag mir auf der Zunge zu sagen „da könnte ja jeder kommen“, aber ich war zu müde. Außerdem mussten noch einige Dinge erledigt werden. Patricia spähte um die Ecke eines Regals und gab mir einen eindeutigen Wink.

„Kann ich jetzt gehen? Ich muss noch ein paar Dinge überprüfen.“

„Gehen sie nur. Gehen sie.“

Misses Smith nickte nachdenklich. Sie schien im Geiste schon mit anderen Dingen beschäftigt zu sein. Ich beeilte mich aus ihrem Blickfeld zu kommen.

„Was ist los Pat?“

„Hm, nicht viel“, flüsterte sie verschwörerisch, „bis auf den heißen Typen, der gerade hereingekommen ist.“

„Wo?“

Ich sah mich suchend um.

„Da vor dem Tresen. Er sieht sich gerade das Programm für die Lesung an.“

Mein Blick blieb an einem gut gewachsenen eleganten Mann hängen.

„Colin.“

Er drehte sich um. Obwohl ich mir sicher war, dass ich nicht laut gesprochen hatte.

„Lea.“

Er kam auf mich zu.

„Was! Das ist DER Colin“, Patricia war begeistert, „jetzt weiß ich, warum du so verliebt bist.“

Ich drehte mich um und lief weg. Colin! Er hatte mich gesucht und gefunden.

„Lea“, rief er hinter mir, „bleib stehen. Du weißt, ich bin schneller als du.“

Ich blieb abrupt stehen. Blöd in der Bücherei weglaufen zu wollen. Hinter jeder Ecke lauerte eine Sackgasse und es gab nur drei Ausgänge, von denen zwei verschlossen waren. Als ich mich umdrehte, stand er vor mir. Seine dunkelblauen Augen sahen ruhig auf mich hinab. Mir blieb beinahe das Herz stehen und ich hielt den Atem an. Fieberhaft überlegte ich, was ich sagen sollte. Colin wartete nicht, bis mir etwas eingefallen war. Er zog mich mit festem Griff in seine Arme und küsste mich so energisch, dass mein Gedankenkarussell sofort zum Stillstand kam. Seine Lippen ließen meine nicht entkommen. Es fühlte sich an, als würde ich Feuer schlucken. Jede Zelle meines Körpers strebte ihm zu. So war es von Anfang an gewesen und nun war er hier. Als Colin den Kopf hob, und mich mit diesem schmerzlichen Ausdruck ansah, kamen mir die Tränen.

„Warum?“, fragte er mit rauer Stimme, „warum bist du gegangen.“

„Es tut mir so leid“, flüsterte ich, „ich … .“

„Nein, bitte. Mir tut es leid. Ich war dumm. Ich hätte dir sagen sollen, was ich für dich fühle. Als ich im Krankenhaus aufwachte, fragte ich nach dir. Sie sagten mir, du wärst unauffindbar.“

„Verzeih.“

Colin küsste mich erneut. In meinem Innern explodierte eine Sonne. Hitze überflutete mich.

„Ich will, dass du weißt, wie sehr ich dich liebe. Es ist ein blöder Spruch, aber ich wusste erst wie sehr, als du fort warst.“ Sein Blick ließ mich nicht los. „Sag mir eins: komme ich zu spät?“

„Wie meinst du das?“

Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Nun, ich habe deine Cousins gesehen.“

„Du hast sie gesehen?“

„Ja. Ich habe sie mir angesehen. Du kennst mich, ich weiß gerne bescheid über das, was auf mich zu kommt. Also was deine Cousins betrifft, ich kann das als Mann vielleicht nicht so gut beurteilen, aber die sehen verdammt gut aus. Und ich hoffe, du bist deiner Freundin Patricia nicht böse, aber sie erzählte mir, dass sich der eine, Finlay heißt er, glaube ich, sehr für dich interessiert.“

„Du hast mit Patricia gesprochen?“

„Sie hat mich angerufen und mir den entscheidenden Tipp gegeben. Wer weiß, wie lange ich noch gebraucht hätte, um dich zu finden. Dafür werde ich ihr mein Leben lang dankbar sein.“

„Da fehlen mir die Worte“, ich war völlig perplex.

„Das macht nichts“, Colin zeigte sein strahlendes Lächeln, „zum Reden haben wir noch ein Leben lang Zeit.“

Er zögerte einen Moment.

„Ich meine, wenn du willst.“

„Soll das heißen …“, ich traute mich nicht es auszusprechen.

„Ich liebe dich“, sagte er schlicht. „Ich gebe es zu, und das macht mich nicht stolz, ich war sehr unreif, was meine Gefühle und meine Gründe betrifft. Ich hoffe, du kannst mir verzeihen und investierst den Rest deines Lebens in meine Gefühlsausbildung.“

Wir sahen uns an. Worte mussten nicht gewechselt werden. Dazu kannten wir uns lange genug. Colin hauchte viele kleine Küsse auf mein Gesicht.

„Miss Winter? Die ersten Gäste stehen vor der Tür.“

„Colin ich muss arbeiten“, flüsterte ich. „Misses Smith hat mir vorhin deutlich erklärt, wie sie zu Unpünktlichkeit steht.“

Als Antwort darauf küsste er mich.

„Ich könnte dich entführen“, schlug er vor.

„Wenn du mich noch lange so anschaust, könnte ich schwach werden. In all der Zeit habe ich mir nichts sehnlicher gewünscht als dass. Aber ich kann meine Kolleginnen nicht im Stich lassen.“

„Ich weiß“, Colin seufzte leicht theatralisch, „aber ich werde dich keinen Moment aus den Augen lassen, sonst kommt mir noch dein Cousin dazwischen.“

„Eigentlich sind wir nicht wirklich Cousins. Finlays Dad und meiner sind Stiefbrüder.“

„Gut zu wissen, nur ändert das nichts daran, dass er eine Vorliebe für dich hat.“

„Lea. Psst!“, Patricia schaute um die Ecke, „tut mir leid, aber es wird langsam brenzlig.“

„Ich komme.“

Bevor Colin mich gehen ließ, küsste er mich noch einmal.

„Und danach gehörst du mir“, flüsterte er mir ins Ohr, „mit Haut und Haar und allem, was dazugehört.“

Ein erregendes Kribbeln machte sich in meinem Bauch breit. Ich stellte mir vor, wie er die Knöpfe meiner Bluse öffnete, ganz langsam, einen nach dem anderen oder wie er mir die Kleider vom Leib riss, weil er es nicht mehr erwarten konnte. Zu weiteren Überlegungen kam ich nicht. Patricia nahm mich am Arm und schob mich energisch Richtung Foyer. Miss Smith öffnete gerade die Tür und ließ die ersten Gäste herein.

„Keine Minute zu spät“, stellte Patricia fest, „ich weiß, du bist gerade in höheren Spähren, aber erinnerst du dich, dass du die Abendkasse hast?“

„Ja, dunkel.“

„Auf eure Plätze Mädchen.“

Misses Smith klatschte in die Hände.

„Misses Smith, es wäre mir eine Ehre ihnen meine Hilfe anzubieten“, Colin reichte ihr die Hand, „ich bin Colin Donell, ein guter Freund von Miss Winter.“

Colin strahlte sie offen an. Patricia und ich beobachteten die Szene gespannt. Misses Smith war nicht dafür bekannt andere Menschen schnell in ihr Herz zu schließen. Ihr Vertrauen musste man sich hart verdienen.

„Danke Mister Donell“, wir hätten schwören können, dass sie errötete, „ich welchem Bereich sind sie tätig?“

„Milliarden verwalten Misses Smith.“

Sie drehte sich zu mir um und ich nickte ihr bedeutungsvoll zu.

„Kein Scherz?“

„Kein Scherz! Ich könnte ihre Abendkasse übernehmen.“

„Dann Mister Donell zeigen sie uns, was sie können.“

Misses Smith machte eine huldvolle Handbewegung und Colin ging hinter den Tresen, um den Eintritt zu kassieren.

„Unglaublich. Der Mann ist ein Zauberer“, Patricia konnte es nicht fassen, „kein Wunder, dass du dich in den verliebt hast.“

Colin zwinkerte uns zu.

„Ihr könnt euch jetzt um die wichtigen Dinge kümmern.“

Bevor ich mich in den Lesesaal begab, um die Gäste willkommen zu heißen und die Plätze zu zuweisen, ging ich noch einmal zu Colin.

„Sag mir, dass dies nicht nur ein Traum ist. Ich habe Angst, wenn ich wiederkomme, bist du fort und ich wieder alleine.“

Er lächelte.

„Mach dir keine Gedanken. Ich bin hier und ich werde dir bestimmt keine Gelegenheit zur Flucht mehr geben.“

Er beugte sich zu mir über den Tresen und flüsterte:

„Wenn ich dich nachher ins Hotel entführe, werde wir das Abendessen wohl auslassen müssen.“

„Ich bin sowieso zu aufgeregt.“

„Du bist so süß, wenn du rot wirst“, er hauchte mir einen Kuss auf die Wange, „jetzt geh, sonst kommt Misses Smith mir noch aufs Dach.“

Ich zögerte. Colin sah mich zärtlich an.

„Ich liebe dich. Ich bin gleich bei dir.“

Patricia nahm mich bei der Hand.

„Der läuft nicht weg, glaub mir“, sie grinste verschwörerisch, „als ich ihm sagte, wo du bist, hat er ein paar Tränen verdrückt. Ich hab`s genau gehört – am Telefon.“

„Danke Pat.“

„Kein Ding“, sie drückte meine Hand, „ich bin froh, dass du glücklich bist.“

„Mehr als das, Pat, mehr als das.“

Nie ging es mir besser. Der Gedanke, dass Colin mich auch liebte und bei mir war, ließ mich auf Wolken schweben und das fühlte sich so gut an.

 

 

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Wie befreiend es doch sein kann, zu sein, wer man ist! (Wenn wir danach streben, alles aus uns herausholen zu wollen was wir sein wollen, würde es bedeuten, dass wir nicht sind, wer wir im Moment sind. Aber das sind wir!) Nicht alles aus sich raus holen zu müssen, sondern auch der zweite, dritte oder vierte Beste zu sein. Sich ständig sagen zu lassen, du machst zu wenig aus dir, du kannst mehr, wenn du deine Schwächen überwindest, statt sich zu sagen: das was ich tue mache ich mit Herzblut und das ist gut so. Vor allem ist es entspannend und das ist es, was wichtig für mich ist. (Im Gegensatz zu der Philosophie meines Vaters!)

Ich baue meine Stärken aus, statt an meinen Schwächen herum zu experimentieren und ständig frustriert zu sein, weil ich es nicht schaffe, so gut zu sein, wie die anderen es von mir erwarten.

Es kann sehr befreiend sein etwas aufzugeben, wenn man merkt, es funktioniert nicht. Wenn man immer nur stur in eine Richtung geht, nimmt man sich die Gelegenheit eine bessere Chance zu bekommen. Denn eines ist eine unumstößliche Tatsache: Ich kann nicht alles schaffen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe!

Egal wie einfach diese Erkenntnis ist. Sie hat mich sehr getroffen. Eine einfach Wahrheit, aber weitreichend in ihren Folgen: denn sie wird mir helfen, das Leben und das was ich habe zu genießen. Achtsam mit den Dingen um zu gehen und mich über das zu freuen, was ich habe und nicht hinter etwas her zu laufen, dass ich aus verschiedenen Gründen nicht erreichen kann.

Ich bin nicht perfekt und werde es nie sein. Nicht mehr und nicht weniger! Fakt!

Schön wenn man endlich Einsichten gewinnt, die man eigentlich längst hatte, aber auf die man sich nicht verlassen hat, weil andere einem immer einreden wollen, was man alles aus sich machen kann.

Ich will nicht mehr alles haben, alles tun und Nein sagen will ich auch, wenn mir danach ist. Ich bin kein Opfer. Auch wenn mich meine Kindheit geprägt hat, ist das kein Grund in einer Opferhaltung zu verharren. Ich kann handeln und bin für mein Leben verantwortlich. Dass lasse ich mir von keinem kaputtmachen. Punkt!

Ich fand die Erkenntnis sehr erhellend, dass die wenigsten Leute echte Süchte haben. Wenn man mit schlechten Gewohnheiten brechen will, dann sollte man etwas tun: AUFHÖREN. Wer hätte das gedacht? Wenn es nicht so ernst wäre, dann wäre es zum Lachen.

„Niemand, auch ich nicht, ist liebenswert, wenn er sich nicht liebenswert benimmt. Liebe ist etwas, das wir uns verdienen, nicht etwas, das uns zusteht. Sorgen sie sich mehr darum, wie liebenswert sie sind, als um ihren Selbstwert.“ (Da gibt’s kaum was hinzu zufügen!)

„Unsere Unfähigkeit das Leben zu genießen, prägt unsere Sicht der Dinge, der Positiven wie der Negativen. Indem wir unser Leben an dem anderer messen und damit vergleichen, statt einfach aktiv zu leben, hindern wir uns selbst am glücklichen Leben.“

„Achtsame Denker lassen sich von Regeln leiten, wohingegen sich unachtsame Denker Regeln unterwerfen.“

Ich muss heute einiges abschreiben, weil ich es nicht besser sagen kann. Ich denke, dass ich in einigen Bereichen ein unachtsamer Denker war (bin, niemand ist perfekt), weil ich mich Regeln unterworfen habe, statt mal zu überlegen, dann wäre mir viel früher ein Licht aufgegangen. Ständig glücklich sein zu müssen, was uns als das höchste Gut angepriesen wird, kann uns ganz schön in Stress versetzen. Glücksstress. Niemand ist immer glücklich! Wie auch, in dieser Welt und trotzdem kann man sein Leben genießen.

 

Der Gedanke, dass ich nicht glücklich sein muss, aber kann

Der Gedanke, dass ich meine Stärken ausbauen sollte

Der Gedanke, dass Traurigkeit ein normales Gefühl ist

Der Gedanke, dass ich kein Opfer bin, sondern Handelnder

Der Gedanke, dass ich keine Süchtige, sondern Genießende bin

Der Gedanke, dass ich nicht alles schaffen kann und nicht muss(!!!)

Der Gedanke, dass ich eine von vielen bin, die nicht den ersten Platz gemacht hat

Der Gedanke, dass ich aufgeben kann, wenn ich merke, dass ich auf dem Weg nicht weiter komme

… sind allesamt sehr beruhigend, entspannend und tragen zu meinem Seelenfrieden bei!

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