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Posts Tagged ‘Was wäre wenn’

Lieber Rilke,

warum du es bist, dem ich einen Brief schreibe, magst du dich fragen? Du bist der Dichter meines Herzens. In deinen Versen finde ich mich wieder. Sie rühren mein Herz, dringen tief in meine Seele. Sie sprechen von Liebe, unendliche Liebe. Wie sehr sehne ich mich danach, ich glaube, du hast es gewusst. Du hast das Gefühl gekannt, wie es sich anfühlt, ineinander aufzugehen, den Atem des anderen zu trinken, reines Gefühl sein – gleichgültig, ob dieser Rausch uns in den Abgrund stürzt oder in den Himmel hebt. Du musstest es tun, so wie ich nicht anders kann.

Wenn ich liebe, kann ich es nicht halb. Ich kann meinen Verstand nicht erhören, auch wenn ich weiß, dass mich meine Leidenschaft verschlingt, mein Leben völlig auf den Kopf gestellt wird. Ich muss mich hingeben – nichts ist wichtiger, einzig die Liebe.

Kein Geld, kein Erfolg, kein Ziel kann die Liebe aufwiegen. Nur sie erfüllt mich so vollständig, lässt mein Herz rasen, mein Blut kochen, meine Gedanken, wie Wirbelwinde dahinstürmen. Liebe erschafft – ist der Treibstoff der Musen – Liebe zerstört.

Liebeslied von R.M.Rilke

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand? O süßes Lied.

Wie soll ich meine Seele halten, wenn mich die Liebe überwältigt? Ist es nur die Anziehung des Neuen, fremder Haut? Oder ist es tiefer, eine lang herbei gesehnte Seelenverwandtschaft, die sich aufschwingt, bis die Kraft erlahmt und ausbricht?
In diesen Augenblicken, wünsche ich mir weise und abgeklärt zu sein. Mir zu sagen, lass die Finger davon, du weißt, dass es ein gefährlicher Weg ist. Doch mein Körper erinnert sich an die euphorischen Gefühle, den Höhenflug, die Energie, die mein Schreiben antreibt. Wer kann der Liebe widerstehen?

Folgen wir unseren Gefühlen, dann können sie unser Leben aus allen Angeln heben, folgen wir ihnen nicht, zehrt uns die Sehnsucht aus. Immer ist da diese Frage: Was wäre wenn?

Aus Traumgekrönt von R.M.Rilke

Und wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,
kam sie wie ein Beten? – Erzähle:

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
und hing mit gefalteten Schwingen groß
an meiner blühenden Seele…

Das war der Tag der weißen Chrysanthemen, –
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht…
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.

Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, –
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang die Nacht…

Der Virus Sehnsucht. Er schlummert tief im Herzen. Plötzlich rührt ihn jemand an und es geschieht. Der Virus breitet sich unaufhaltsam aus. Erfasst jede Zelle unseres Körpers. Verliebtsein ist der aufregendste Zustand, in dem wir uns befinden können. Er ist einfach da. Ohne Sport, Siege, Erfolgserlebnisse. Einfach so. Der Funke springt über und der Virus ist nicht aufzuhalten.

Lieber Rilke, Herzensdichter, ich glaube du kannst verstehen, wie es ist, diese unfassbare, schwindelerregende, lichterloh brennende Liebe zu spüren. Was auch passiert, es fühlt sich so verdammt gut an! Alle Sinne geschärft, der Körper aufgeladen mit Energie, ein Übermaß an Inspirationen im Kopf, die jubelnde Seele.

Es gibt noch vieles, dass ich mit dir bereden möchte, und wer weiß, eines Tages …

Dir zugetan auf ewig

Deine Lea

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I.

(Vier-Wortübung) Notebook, durchsichtig, brummen, heftig

Das Brummen war nervtötend. Der blöde Kühlschrank gab langsam den Geist auf und ich hatte kein Geld mir einen neuen zu kaufen. Er entwickelte mehr Hitze, als ein Kohleofen, und leider nicht nur außen, sondern auch innen.

Ich starrte auf mein Notebook und die ersten drei Zeilen meines Textes. Mein Verleger würde mich in Stücke reißen, wenn er wüsste, dass ich faktisch noch nicht einmal angefangen hatte. Sechs Wochen! Ich hatte nur sechs Wochen, um diesen verdammten Roman fertig zu schreiben und alles, was ich geschrieben hatte, war:

Sie trug ein Nachthemd, das eher einem Nichts glich. Durchsichtig und zart wie ein Seidenkokon. Als sie die Tür öffnete, stieß sie sich heftig den Zeh.

„Oh, Gott was für ein Schwachsinn!“

Ich löschte die Sätze. Zum zehnten Mal. Wenn mir nicht bald etwas Gutes, etwas tolles Atemberaubendes einfiel, würde mein Verleger mich löschen. Aus seiner Liste. Aber wie konnte er bloß auf die bekloppte Idee kommen, mir ein Skript für einen Schnulzenroman mit dem Titel: Am Ende des Weges wartest du(?!) zu zusenden.

In meiner ganzen Karriere als Autorin, wenn man von Karriere sprechen konnte, hatte ich noch nie so einen Mist verzapft. Vermutlich brauchte er ein paar seichte Heftchenromane für die Gitterboxen in der Bahnhofsbuchhandlung. Mängelexemplar würde darauf stehen und ich konnte mich in keinem seriösen Verlag mehr sehen lassen.

Es reichte! Ich stand auf und holte mir eine lauwarme Cola aus meinem Kühlmonster. Es wurde Zeit die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Klischee hin, Klischee her. sollte er doch selbst eine Schmonzette schreiben, wenn es das war, was er wollte. Ohne mich.

Ich schloss das Dokument und machte ein ganz neues frisches auf. Eins auf dem ich noch keine Pixel hinterlassen hatte. Weiß wie Schnee, blütenrein. Ich tippte die Überschrift meines neuen Romans: Blutkind. Mein Verleger würde sich warm anziehen und ich noch etwas länger auf einen neuen Kühlschrank verzichten müssen.

Und nun noch etwas das schwer nach Spionage riecht:

II.

(die „was- wäre -wenn-Übung“)

Was wäre, wenn sie nicht wüssten, für wen sie wirklich arbeiten?

„Andrew, wo sind denn die Files, die ich gestern angelegt habe?“

Ich ließ das Suchprogramm schon das zweite Mal durchlaufen. Die Chance, dass ich sie diesmal finden würde, war gleich null, aber sicher war sicher.

„Von welchen Dateien redest du?“

Andrew sah mir über die Schulter und starte auf meinen Bildschirm.

„Du weißt schon, die Javaakten“, murmelte ich.

„Javaakten?“, Andrew schüttelte den Kopf. „Noch nie davon gehört.“

„Ach, komm. Wir haben beide daran gearbeitet. Du hast mich doch wegen dieser ganzen Sache in die Abteilung geholt.“

Der PC hatte das Suchen aufgegeben und ich auch. Ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich fuhr den PC herunter und nahm meine Jacke vom Stuhl.

„Hey, wo willst du hin?“

Andrew sah mich erstaunt an.

„Ich muss hier mal raus. Einen Kaffee trinken.“

„Den gibt’s hier auch!“

Er hielt mir eine Tasse hin. Ich verdrehte die Augen und schüttelte entnervt den Kopf.

„Richtigen Kaffee, nicht diese braune mysteriöse Brühe.“

Ich sagte manchmal zum Spaß, dass der mit irgendwelchen Halluzinogenen versetzt sei. Langsam begann ich daran zu glauben. Hier war definitiv was faul. Ohne auf Andrews Lamento zu achten, verließ ich das Büro. Vor dem Haus winkte ich einem Taxi und stieg ein. Ich ließ den Fahrer eine Viertelstunde kreuz und quer durch die Stadt fahren, erst dann nannte ich ihm mein Ziel. Hyde Park. Er hielt am Lancaster Gate. Ich steckte ihm einen anständigen Betrag zu und schlenderte langsam die Allee hinunter. Unauffällig aussehen ist gar nicht so leicht, wenn man es sein muss. Ich wandte mich den „Italienischen Gärten“ zu und war froh, dass um diese frühe Zeit noch nicht so viele Touristen unterwegs waren. Ich setzte mich in den weißen Pavillon. Normalerweise saß ich sehr gerne hier und sah den Wasserspielen zu, aber heute war mir wirklich mulmig zumute.

„Hallo Flora, wie geht es dir?“

Erleichtert sah ich den älteren Mann an, der sich neben mich setzte. Er sah sehr distinguiert aus in seinem dunklen Mantel, dem Anzug und den teueren Lederschuhen. Der Unterschied zwischen uns hätte nicht größer sein können.

„Jetzt schon besser, Harry, ich bin froh, dass du gekommen bist.“

„Du weißt, dass du dich jederzeit auf mich verlassen kannst.“

Er nahm meine Hand in seine. Es war angenehm seine Wärme zu spüren. Sie flößte mir das Vertrauen und die Zuversicht ein, die mir langsam abhanden kam. Ich konnte den Finger nicht auf den wunden Punkt legen, aber das Gefühl in einen gefährlichen Strudel geraten zu sein, den ich nicht einschätzen konnte, wurde ich einfach nicht los.

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