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Posts Tagged ‘Zärtlichkeit’

Ich habe Angst vor meine eigenen Courage, dachte ich und sah auf Sean herunter. Er lag wie Gott ihn schuf auf dem Bett und atmete gleichmäßig. Seine ebenmäßigen Gesichtszüge waren völlig entspannt. Ich versuchte mir jeden Zentimeter seines erregenden Körpers, seines Gesichts, seines Duftes einzuprägen. Der Gedanke, ihn nie wieder zu sehen, war ein Messerstich in mein Herz. Tränen drückten energisch an die Oberfläche. Ich wollte nicht weinen, aber wenn ich noch länger blieb, konnte ich es nicht aufhalten.

Ich legte den Brief auf das Nachttischchen, beugte mich zu ihm herunter, küsste ihn sanft auf die Wange und ging. Es musste sein, sagte ich mir, wie eine Platte mit Sprung, immer wieder vor. Wir stammten aus verschiedenen Welten und ich wollte nicht, dass er sich irgendwann für mich schämte oder mich mit verständnislosem Blick ansah. Ich hatte immer daran geglaubt, dass Liebe alles übersteht, aber die Illusion war mir brutal geraubt worden. Ich erlebte, wie aus Zärtlichkeit Verachtung wurde und sich Liebe in Hass verwandelte. Das konnte ich nicht noch einmal durchstehen.

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„Oh, Miss, wie schön, dass sie da sind!“, höre ich die dienstbeflissene Stimme des Bahnhofsvorstehers, „es hat ja lange gedauert, aber heute fährt endlich wieder ein Zug.“

„Wie lange hat es denn gedauert?“, frage ich vorsichtig und ich befürchte insgeheim, die Antwort könnte mir nicht gefallen.

„Nun, der Aufenthalt bei Lady Shelley muss sehr unterhaltsam gewesen sein, wenn sie sich nicht mehr erinnern, wie lange sie hier waren.“ Er lächelt Beifall heischend. „Immerhin ist es schon drei Monate her, dass sie angekommen sind.“

Drei Monate!? Das kann nicht sein. Darf einfach nicht sein.

„Sind sie sicher?“, frage ich ängstlich nach, es könnte ja möglich sein, dass ich mich verhört habe.

„Aber ganz sicher, Miss“, er reckt sich zu voller Größe auf, „ich bin Bahnhofsvorsteher und muss darüber bescheid wissen.“

Der Mann nimmt meinen Koffer und schleppt ihn in den Bahnhof. Antriebslos folge ich ihm. Drei Monate. Raoul. Drei Monate. Der Zug steht auf den Gleisen. Der Schaffner läuft aufgeregt auf und ab.

„Miss, endlich“, atemlos bleibt er vor mir stehen, „wir warten schon seit einer halben Stunde auf sie. Da wird der Zugführer aber ordentlich Kohle schaufeln müssen, um die Zeit wieder aufzuholen. – Kommen sie, steigen sie ein!“

Der Bahnhofsvorsteher wuchtet meinen Koffer in den Zug und schubst mich fast hinter her. Eine halbe Stunde warten? Drei Monate! Ich stehe kurz vor einer Krise. Der Schaffner steigt in den Wagon, lässt den schrillen Ton seiner Trillerpfeife ertönen und schwenkt seine Kelle.

„Gute Reise, Miss.“

Der Bahnvorsteher schwenkt seine Mütze zum Abschied und der Zug setzt sich mit quietschenden Rädern in Bewegung. Ich gehe in ein leeres Abteil, lasse mich erschöpft in den Sitz am Fenster fallen und sehe hinaus. Das kann doch nicht wahr sein? Mein Verstand will nicht verstehen, was mein Herz gesehen hat.

„John, was hast du getan“, flüstere ich.

„Darf es etwas sein? Ein Kaffee vielleicht?“, reißt mich die freundliche Stimme einer Zugbegleiterin aus meinen Gedanken.

„Ja, gerne. Ich habe heute Morgen noch keinen getrunken.“

Mein Magen knurrt.

„Hätten sie auch etwas Essbares?“

„Aber sicher doch. Sie sehen aus, als hätten sie eine schlimme Nacht hinter sich.“

Die nette Dame gießt mir einen großen Becher Kaffee ein und reicht mir einen Teller mit zwei Muffins. Sie verströmen einen tröstlichen Duft nach Frischgebackenem.

„Ja, da haben sie Recht“, sage ich und denke, „drei Monate! Drei!“

Die Dame nickt mir mit einem liebenswürdig Lächeln zu.

„Machen sie sich keine Sorgen, Zeit heilt alle Wunden.“

„Danke“, erwidere ich.

Und die Wunde wird alle Zeiten heilen. Ich habe Raoul verloren, John hat sich für mich geopfert und Lancelot irrt durch die Zeit, um mich zu beschützen. Ich nippe an meinem Kaffee und ein paar Tränen fallen in die heiße Flüssigkeit. Ich fürchte, ich bin nicht nur verloren, sondern auch verflucht. Was sagte Lancelot damals? Es gibt jemand der Menschen verfolgt, die Welten von Fantasie in sich tragen und ich würde zu diesen besonderen Menschen gehören. Kann das wahr sein? Dann wünschte ich, dass sie in diesem Moment verfliegt, damit niemand meinetwegen mehr leiden muss.

„Wünsch dir das niemals!“

Lancelot sitzt plötzlich neben mir.

„Aber siehst du nicht, was geschieht?“, frage ich verzweifelt.

„Alles wird gut“, beruhigt mich Lancelot und streicht zärtlich über meine Hand, „glaub mir. Aber wünsch dir nie wieder, den Verlust deiner Fantasie. Wenn du dies tust, hat ER schon gewonnen und alles was ich und die anderen erlitten haben, wird umsonst gewesen sein.“

„Was soll ich tun?“

„Das, was deine Bestimmung ist. Du musst finden, was du suchst und dein Schicksal erfüllen.“

Mutlos sehe ich Lancelot an.

„Was ist mein Schicksal?“

Lancelot lächelt und küsst sanft meine Hände.

„Sieh in dein Herz und du wirst es wissen.“

Sein Bild verschwimmt vor meinen Augen. Er löst sich in einem Bündel aus Sonnenlicht auf, der durch das Abteilfenster fällt. Zurück bleiben nur die schwebenden Staubpartikelchen, die in den goldenen Strahlen blinken, wie glitzernde Fischschuppen.

„Sei eine Geschichtenerzählerin“, höre ich ein Flüstern.

„Geschichtenerzählerin“, murmele ich.

Das wollte ich schon immer sein, aber ich traute mich nicht. Ich las gerne vor, wenn andere mich darum baten, aber eigene Geschichten erzählen? Bin ich dazu fähig? Lancelot sagte, ich sollte auf mein Herz hören, aber ich habe gerade nicht das Gefühl, mein Herz könnte mir irgendetwas Zuverlässiges sagen. Da war die Sache mit John. Während ich Liam als Freund betrachten kann, ist die Sache mit John anders gelagert. Ich kann hören, was mein Herz mir sagt:

„Er hätte der Richtige sein können.“

Und ich bin ehrlich genug es zuzugeben. Ich hatte es gespürt. Aber es war nur ein „hätte“. Denn ich habe mein Herz schon längst verschenkt. Raoul hatte es mit genommen, als er mich verließ. John füllte diese Lücke und ich hatte solche Sehnsucht nach Nähe, Zärtlichkeit, dass ich mir keine Gedanken machte. Raoul hat mir das Kostbarste gestohlen, die Freiheit. Ich kann nicht lieben, wen ich will, denn Raoul lässt es nicht zu. Solange er mein Herz in Händen hält, bin ich verlorener denn je. Es gibt nur eine Möglichkeit, ich muss versuchen mein Herz zurückzuholen. Ich liebe ihn voller Schmerz, aber ein Geschichtenerzähler braucht das Glück genauso, wie den Schmerz. Wir können keine Gefühle auslassen. Freude, Trauer, Angst, Erleichterung, Hochmut, Bescheidenheit, Liebe und Hass, gehören zu unserer Fantasie. Meine Suche wird also weiter gehen. Der Duft der Muffins dringt immer stärker in meine Gedanken. Ich spüre meinen Hunger, nehme das Muffin mit dem feinen Schokoladenguss und beiße hinein. Eine Welle des Wohlgefühls durchströmt mich. Ich werde einen Weg finden, die zu sein, die ich bin.

Ich erwache aus einem tiefen dunklen Schlaf. Ich bin mir sicher, dass ich etwas geträumt habe, denn ein beunruhigendes Gefühl hat mich erfasst. Außerdem fühle ich mich zerschlagen und gereizt. Ich kann mich kaum noch erinnern, wann ich das letzte Mal in einem weichen Bett geschlafen habe. Der Zug durchquert eine steppenartige Landschaft unter einem stahlgrauen Himmel, der heftige Windböen über die niedrigen Gräser jagt. Mir ist kalt. Ich hole einen breiten Wollschal aus meinem Koffer und hülle mich darin ein. Ich bemerke eine silberne Thermoskanne, an der ein Zettel hängt. „Mit besten Grüßen, der Bordservice“, steht darauf. Dem Himmel sei dank, wenigstens ein Kaffee zum Aufwärmen. Froh über das fürsorgliche Geschenk, öffne ich die Kanne und gieße mir einen Kaffee ein. Ich trinke in kleinen Schlucken und genieße es, das heiße Getränk meine ausgetrocknete Kehle hinab laufen zu lassen. Ich seufze leise. Um mir die Zeit zu vertreiben, nehme ich eins der Notizbücher zur Hand. „Beginn eines unbekannten Zeitalters“

Ich schlage es auf der ersten Seite auf und beginne zu lesen:

„Ich war verliebt. So verliebt, wie man es nur sein kann. Nicht in irgendetwas Bestimmtes oder in irgendjemand. Nein, ich war verliebt in das Leben und die Liebe an sich. Ich erhielt mir diese Verliebtheit manchmal sogar auf künstliche Weise. Nur um diesen Rausch, die Ekstase zu verspüren und in einen unglücklich, glücklichen Zustand zu gelangen, der meine Kreativität und meine Inspirationen, gemeinhin als Musenküsse belächelt, frei zu setzen.

Das gelang mir in dem ich, sobald ich eines schönen Mädchens ansichtig wurde, ein romantisches Gefühl für sie entwickelte und in ihr meine große Liebe erkannte, bis mir das nächste Mädchen über den Weg lief. So wurde mir niemals langweilig, da ich nach Belieben eine neue Romanze aus meinen Fantasien schöpfen konnte, ohne jemals in das triste Gefühl eines grauen Alltags abgleiten zu müssen. Die Herzen der Mädchen flogen mir zu und ich konnte mir aussuchen, wem ich mein Herz, oder dass was ich dafürhielt, schenken wollte. Mein Leben malte sich in den buntesten Farben, ohne jemals den bittersüßen Scherz des Verlassenen zu spüren, da ich immer einer neuen Raupe begegnete, die sich in meinen Illusionen zu einem Schmetterling verwandelte.

Damals wusste ich noch nichts von der Liebe, obwohl ich dachte, alles zu wissen. Dann kam der Tag, an dem ich erfahren sollte, was Liebe ist. Das neue unbekannte Zeitalter begann damit, dass ich erkannte, dass ich meine beste Freundin Sara liebte. Wir kannten uns seit Kindertagen, hatten Freud und Leid geteilt. Jeder kannte den Gedanken des anderen, ohne ihn ausgesprochen zu haben. Durch verwickelte Umstände verließ sie mich, weil sie dachte, ich hätte mich ernsthaft in ein anderes Mädchen verliebt. Und noch bevor ich es wusste, wusste Sara, dass zwischen uns mehr war als Freundschaft. Um meine Beziehung zu dem anderen Mädchen nicht zu gefährden, ging sie fort. Es dauerte nicht lange und ich spürte, dass mir etwas fehlte. Sara. Ich dachte immer an sie. Kaum eine Minute verging, in der ich nicht daran dachte, was Sara jetzt sagen oder tun würde, ob sie sich ärgern, oder glücklich sein würde. Nachts sah ich ihr Gesicht in meinen Träumen, spürte ihren biegsamen warmen Körper in meinen Armen, nur um am Morgen aufzuwachen und allein zu sein. Noch nie in meinem ganzen Leben hatte ich mich so einsam und leer gefühlt. Mein törichtes Herz hatte meine wechselnden Schwärmereien für Liebe gehalten, aber die wahre echte Liebe hatte ich nicht gesehen, obwohl sie direkt vor mir gestanden hatte. So begann die Suche nach Sara, meiner einzig wahren Liebe.“

Ich blättere die Seite um und lese weiter. Mit einer Neugier, die man beinahe voyeuristisch nennen könnte, sauge ich die Sehnsüchte eines Mannes auf, der mir noch nie begegnet ist. Andererseits ist es nicht ausgeschlossen, dass der nette Herr Grimm diese Texte nicht selbst geschrieben hat.

„An die Geliebte:

Mein Herz zerspringt vor Sehnsucht. Keine Minute vergeht, in der ich nicht an dich denke. Ich sehe dich vor mir, wie bei unserer ersten Begegnung. Je weiter du fort bist, um so mehr verzehre ich mich nach dir. Meine Seele ist leer ohne deine Liebe. Wo bist du? Gib mir ein Zeichen dich zu finden. Meine Tränen füllen Ströme. Mein Herzblut tropft in einem fort. Du bist mein Herz, mein Leben. Gib mir ein Zeichen, dass ich hoffen kann, wo es keine Hoffnung mehr gibt. Meine Einsamkeit lässt mich erfrieren und doch wärmt meine Liebe zu dir mein krankes Herz. Im Fieber seh ich dein Gesicht, deine dunklen Augen verbrennen meine Seele, deine Lippen kosten meine salzigen Tränen. Warum gingst du ohne ein Wort? Meine Verzweiflung verschlingt mich, ein Abgrund in der Nacht. Ich kann nicht essen, nicht schlafen, nicht atmen ohne dich. Liebe ist wie ein wildes Tier. Hat dich ihr Biss erst infiziert, gibt es keine Heilung. Nimm mir alles, nackt und bloß will ich vor dir sein, aber nimm mir nicht deine Liebe. Meine Haut sehnt sich nach deinen Liebkosungen, mein Körper verzehrt sich nach deinem, meine Lippen suchen deinen Mund. Ohne dich gibt es nichts. Du bist Anfang und Ende. Mein Leben, meine Liebe beginnen mit dir, enden mit dir. Durch dich hab ich mich gefunden. Als du fortgingst hab ich mich verloren. Ich erinnere meine Träume, alle sprechen von dir. Deine Augen wachen über meinen Schlaf. Vergiss mich nicht. Komm zurück und liebe mich.“

Ich schließe die Augen und presse das Buch an meine Brust. Die Worte haben mir aus der Seele gesprochen. Ganz fest stelle ich mir Raouls Augen, sein Lächeln und seine Hände vor. Ich spüre, wie seine Fingerspitzen über die empfindliche Haut an meinem Hals gleiten. Fühle seine sinnlichen Lippen, die den gleichen Weg nehmen, über meine Wangen, meine Stirn und meine Nase, bis zu meinem Mund.

„Hallo, ist alles Ok mit ihnen?“

Erschrocken reiße ich die Augen auf und lasse mein Buch fallen.

„Sorry, ich wollte sie nicht erschrecken“, sagt ein schöner Mund, der zu einem ebenmäßigen Gesicht gehört und aus dem mich zwei dunkelbraune Augen neugierig anschauen.

„Dann hätten sie das nicht tun sollen!“, erwidere ich wütend, reiße ihm das Notizbuch aus der Hand, dass er aufgehoben hat und mir entgegenhält.

„Ich bin übrigens Justin“, stellt er sich vor und streckt mir die Hand entgegen.

Sein entwaffnendes Lächeln macht es mir schwer zornig zu bleiben und ich lege meine Hand in seine.

„Ich bin Noelle“, entgegne ich.

„Schön sie kennenzulernen, Noelle. Darf ich fragen, wohin sie reisen?“, fragt Justin und setzt sich mir gegenüber.

„Sie dürfen fragen, aber ich muss ihnen nicht antworten.“

„Sie scheinen eine misstrauische junge Dame zu sein“, stellt Justin amüsiert fest.

„Früher war das nicht so, aber ich fürchte, dass ich vorsichtiger werden muss, wenn ich mein Ziel erreichen will.“

Justin sieht mich interessiert an, oder sollte ich sagen, er mustert mich ausgiebig. Lässig hat er die Beine übereinandergeschlagen. Sein enges Shirt lässt einen Blick auf seinen trainierten Körper zu, und seine gepflegten Hände hat er ineinander verschränkt in seinen Schoß gelegt. Ein bemerkenswertes Bild aus Selbstbewusstsein und gutem Aussehen. Ich muss zugeben, dass mir ein Mann mit so einem Auftreten noch nicht oft begegnet ist, um nicht zusagen, nie. Es sei denn, er hätte ein gewisses Alter und ein Bewusstsein erreicht, dass ihm dieses Auftreten sichert. Justin ist noch keine dreißig Jahre alt, aber seine Selbstsicherheit ist die eines gereiften, erfahrenen Mannes. Diese Mischung aus Jugend und Reife wirkt sehr anziehend, ja geradezu aufreizend attraktiv. Besonders da Justin sie auf ganz natürliche Weise ausstrahlt. Nichts Aufgesetztes oder Falsches ist an seinem Auftreten zu erkennen.

„Gefällt ihnen was sie sehen?“, fragt er spöttisch.

„Dasselbe könnte ich sie auch fragen“, erwidere ich schlagfertig.

„Touche!“

Justin lacht und die winzigen Fältchen um seine Augen geben ihm den letzten Schliff.

„Sie sind sehr dreist“, bemerke ich, „wir kennen uns nicht und sie stellen solche Fragen.“

„Ich würde das pragmatisch nennen. Denn, wie sie ja wissen, ist Zeit ein relativer Faktor. Da wir uns in einem Zug befinden, aus dem einer von uns demnächst aussteigen könnte, muss man diese Dinge sobald wie möglich klären.“

Vor Erstaunen bleibt mir der Mund offen stehen. Die Direktheit mit er diese These in den Raum stellt, haut mich um.

„Mit welchem Ziel“, frage ich, „müssen sie das feststellen?“

Justin grinst und beugt sich vor. Seine Augen dringen dabei tief in meinen Blick.

„Muss ich dir auf diese Frage tatsächlich eine Antwort geben?“

Ich kann es nicht glauben. Er ist nicht nur dreist, er ist geradezu frech und mein Herzschlag erhöht sich um einige Schläge, während mir die Hitze ins Gesicht steigt.

„Seit wann duzen wir uns?“, frage ich aus Ermangelung einer besseren Idee.

Justin hält meinem empörten Blick stand und schmunzelt nur zufrieden. Es macht ihm Spaß mich aus der Fassung zu bringen. Ich sollte meine Sachen packen und das Abteil wechseln. Noch ehe ich mein Buch in meinem Rucksack verstaut habe, hält mir Justin eine kleine Metalldose unter die Nase. Sie sieht antik aus, ein kleines Kunstwerk. Kleine Blüten sind darauf eingraviert. Justin schüttelt das Döschen.

„Kandierte Veilchen“, lockt er mit sanfter Stimme, „mit Vanille- und Schokoladenaroma.“

Das Wasser läuft mir im Mund zusammen. Ich zögere einen Moment zu lange. Justin hat den Deckel der Dose entfernt und ein unwiderstehlicher Duft strömt mir entgegen. Noch nie habe ich solch ein berauschendes Aroma gerochen. Dabei dachte ich, eine Kennerin von Schokoladen aller Art und Geschmacksrichtungen zu sein. Justin hält mir die Dose hin und schaut mich mit seinem unergründlichen Blick an, der mich immer tiefer in einen Strudel reißt. Mein Sinn, meine Geschmacksnerven verspüren ein unbändiges Verlangen nach dieser Süßigkeit. Dieses verheißungsvolle Aroma gepaart mit Justins betörendem Blick lässt alle Dämme brechen und als er fragt:

„Was bekomme ich dafür?“

Erwidere ich nur:

„Alles, was du willst.“

Justin setzt sich neben mich, die Dose in der Hand und flüstert mir mit rauer Stimme ins Ohr:

„Du weißt, was das bedeutet?“

Ich nicke hilflos.

„Ich will dich. Aber nicht nur deinen Körper. Ich will deine Hingabe mit ganzer Seele.“

Bei diesen Worten läuft ein Schauer durch meinen Körper. Der Duft der Süßigkeit, seine intensive Nähe, der Sog seiner Worte und dieser hypnotische Blick machen mich schwach, lähmen meinen Willen. Je länger er neben mir sitzt und mir zärtliche Worte zuflüstert, um so mehr verliere ich den Sinn für die Wirklichkeit. Seine Gegenwart und sein Zauber verschleiern meine wahren Gefühle und meine Gedanken sind schwer wie Blei. Justin dringt in meine Seele ein und ich kann nichts dagegen tun. Ich schließe die Augen, versuche mich auf Raoul zu konzentrieren, aber es gelingt mir nicht.

„Öffne deinen Mund“, flüstert Justin.

Ich gehorche. Justin legt mir eine kandierte Blüte auf die Zunge. Wie zufällig berührt er mit den Fingerspitzen meine Lippen. Ich schließe den Mund.

„Nicht kauen“, mahnt er mich, „lass es auf der Zunge zergehen.

Ich tue, was er mir sagt. Eine Geschmacksexplosion ist die Folge. Mein Atem geht schneller, meine Haut beginnt zu kribbeln. Alles ist in mir ist in Aufruhr. Justins Lippen gleiten über meine Wange, bis zu meinem Mund und nehmen ihn in Besitz. Ich spüre, wie das Blut in meinen Adern kocht, ein Kreislauf aus Feuer und Eis. Immer schneller drehen sich meine Gedanken. Mein Verstand sackt in eine gnädige Bewusstlosigkeit.

Als ich erwache, halte ich die kleine Dose in meiner Hand. Ich bin in einem Zug, auf der Reise. Alles ist in Ordnung, rattere ich diese Sätze wie Mantren herunter. Das monotone Rattern des Zuges hilft mir mein Gleichgewicht wieder zu erlangen. Nach einer Weile beruhigt sich mein aufgewühlter Geist und mein erregter Körper. Justin hat sich in meine Seele geschlichen. Raffiniert und skrupellos. Hätte mir das jemand vorher gesagt, ich hätte es nicht geglaubt.

Meine Gefühle sind total durcheinander geraten und dass nicht erst seit Justin. Aber seine wissenden tiefgründigen Augen, die mir das Gefühl gaben, dass er alle meine Wünsche erfüllen könnte, hatten mir die innere Balance und Selbstverständlichkeit geraubt.

Ich fühle mich elend. Steht Justins Erscheinen mit dem Brief in Zusammenhang, den ich in dem Notizbuch gelesen habe? Hätte denn nicht Raoul erscheinen müssen? Schließlich hatte ich seine Augen gesehen und nicht Justins. Oder wahr Justin die Essenz aus allen meinen geheimen Wünschen und Neigungen, die sich durch meine Schwärmerei manifestiert haben.

Wenn ich ihn vor mir sehe, dann hat er etwas von allen Männern, denen ich in der letzten Zeit begegnet bin. Sein Aussehen, seine Augen, sein Charme, seine Zielstrebigkeit und sein Wissen, das sich in seinem Verhalten mir gegenüber äußerte. Justin hatte alle versteckten Gefühle in mir angesprochen, die ich unterdrückte, weil ich auf Raoul warte. Das hatte eine Ekstase in mir ausgelöst, der ich nur durch eine Ohnmacht entkommen konnte.

Justin hätte immer mehr von mir Besitz ergriffen, bis Raoul nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung gewesen wäre. Ich muss an Lancelots Warnung vor diesem ominösen Verfolger denken, der meine Fantasie und meine Liebe fresse will, weil ihm diese Eigenschaften zuwider sind. Justin hätte meine Liebe genommen und meine Fantasie, die ich in seiner Person nährte, bis sie aufgebraucht gewesen wäre. Zum Glück hat mir mein Verstand rechtzeitig die Energie entzogen, und mich auf einen halbwegs normalen Zustand heruntergeholt, wenn man bei mir von normal sprechen kann.

Dabei fällt mir ein Mythos aus längst vergangenen Zeiten ein. Der Sukkubus. Ein Dämon, der sich von der Energie und den Träumen schlafender Menschen ernährt, mit denen sie sich nachts paaren. Wirklich eine böse Sache, wenn man überlegt, dass der Schläfer sich nicht wehren kann.

War es möglich, dass Justin so ein Sukkubus war? Mein Verstand wehrt sich dagegen, dass es einem Trugbild möglich sein sollte, mich so sehr zu beeinflussen. Das würde bedeuten, dass ich verführbar bin und mehr als mir lieb ist.

Will ich verführt werden? Ich schüttele den Gedanken ab, weil ich Angst vor der Antwort habe. Denkt Raoul noch an mich, oder lässt er sich verführen, um mich zu vergessen? Ich könnte es ihm nicht einmal verdenken. Was gab es zwischen uns? Blicke, ein wildes Gefühl, dass alles durcheinander wirbelt und diese Stimme, die mich so verzaubert hat. Reicht das, um zu wissen? Lancelot, John und auch Liam haben mir versichert, dass sie mich lieben. Woher diese Gewissheit? Ist es das ständige Kreisen um diese eine Person? Was mich betrifft, muss es wohl so sein, denn Raoul geht mir nicht aus dem Kopf. Ich fühle mich hoffnungslos, verzweifelt und einsam. Verloren gegangen auf meiner Reise zu mir, habe ich die Chance verpasst, den Menschen kennen zulernen, der diese eine besondere Person für mich sein könnte.

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