Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Zeitliche’

Rosalie wählt den Weg über die Küche, zurück ins Haus. Die rundliche Köchin teilt ihrer Küchenhilfe gerade Arbeit zu, als Rosalie den Raum betritt.

„Misses Morse“, flüstert das Mädchen und deutet mit einem leichten Kopfnicken in ihre Richtung, „die neue Miss ist da.“

Misses Morse unterbricht abrupt ihre Unterweisung und wendet sich Rosalie zu.

„Guten Morgen, Miss“, ihr Gesichtsausdruck macht klar, dass sie nicht erfreut ist.

„Miss Rosalie“, hilft Rosalie aus und setzt ihr liebenswürdigstes Lächeln auf, „liebe Misses Morse, darf ich sie um einen Tee und etwas Gebäck bitten. Die Herren sind gerade erst zu ihrem Ausritt aufgebrochen.“

Misses Morse Gesichtsausdruck verfinstert sich noch ein bisschen mehr.

„Bitte machen sie für mich kein großes Aufhebens“, beschwichtigt Rosalie die Köchin, „ich nehme meinen Tee gerne hier ein“, sie setzt sich an den großen polierten Esstisch, an dem die Bediensteten sonst ihre Mahlzeiten einnehmen, „ihre Küche ist so adrett und sauber, wie ich es selten gesehen habe. Da können sich einige herrschaftliche Haushalte eine Scheibe abschneiden.“

Ein Lächeln huscht über das Gesicht der Köchin. Und tatsächlich ist es nicht einmal übertrieben. Wenn Rosalie von dem ausgeht, womit Misses Morse arbeiten muss.

„Bitte, Miss Rosalie“, sagt die Köchin und sieht deutlich entspannter aus, als sie ihr Tee eingießt und einen Teller mit Zitronenkuchen vorsetzt.

„Vielen Dank, Misses Morse“, Rosalie deutet auf den Stuhl gegenüber, „würden sie mir einen Moment Gesellschaft leisten?“

„Danke, Miss“, unsicher setzt sich die Köchin und gießt sich ebenfalls einen Tee ein. Sie blickt zu dem Küchenmädchen, das in Ehrfurcht erstarrt scheint. „Mary, mach weiter, sonst wird das Frühstück nie fertig!“, weist sie das Mädchen zurecht, dass sich hastig wieder seiner Arbeit zu wendet.

„Wie lange stehen sie bei den de Clares in Diensten?“, beginnt Rosalie das Gespräch. Sie weiß nur zu gut, dass Dienstboten über alles wichtige Bescheid wissen und auch über alles Unwichtige.

***

Als Rosalie eine halbe Stunde später die Küche verlässt, ist sie ausgesprochen gut über den Haushalt und seine Bewohner informiert. Als der alte de Clare, ihr Großvater, vor einem Monat das Zeitliche segnete, hinterließ er Gilbert, als nächstem männlichen Erben den gesamten Besitz – mit seinen Schulden, die eine beträchtliche Summe ausmachen. Um wie viel es sich handelt, weiß niemand genau. Das soll die Testamentseröffnung ans Licht bringen, zu der auch Rosalie geladen wurde. Misses Morse erzählte Rosalie hinter vorgehaltener Hand, dass es sich um Spielschulden handelt.

Ironie des Schicksals, starb der alte Herr an einem Herzinfarkt kurz bevor er einen Kontrakt unterzeichnen konnte, in dem er das Haus als Gegenwert zu einer Wette einsetzte. Sonst wäre das ganze Anwesen der Ehrenwerten de Clares in die Hände eines Buchmachers gefallen.

Rosalie weiß nicht, ob sie Bedauern oder Schadenfreude empfinden soll. Zumindest Gilbert tut ihr Leid, auch wenn sie ihn für einen unverschämten Snob hält. Er ist die Person, die am wenigsten für die Verhältnisse kann und doch aus Ehr – und Pflichtgefühl genötigt ist die Sache zu regeln. Rosalie ist gespannt, was der Notar in der Testamentseröffnung offenbaren wird und vor allem, warum sie zu diesem Termin geladen wurde.

Read Full Post »

Tee mit einem Todesengel

Der Todesengel empfängt uns stilecht in einem Mausoleum im Westteil des Highgate Cemetery, London. Im Eingangsbereich des Grabmals ist ein Tisch für Zwei gedeckt. Weiße gestärkte Tischdecke und Servietten gehören ebenso zum guten Ton, wie feines chinesisches Porzellan.

In einer Ecke lehnt das Arbeitswerkzeug meines Gastgebers, die große Sense mit stabilem Eichenholzgriff und glänzender, speziell gehärter Stahlklinge.

Der Todesengel sieht etwas blass aus, begrüßt mich aber mit einem festen Händedruck und bietet mir galant einen Platz an. Der Gastgeber selbst gießt Tee ein und bietet Gebäck an. Meine Bedenken bezüglich der Verträglichkeit entkräftet er mit einem winzigen Lächeln und dem Kommentar, er würde nur in der hiesigen Edelbäckerei Candy&Cake kaufen. Tatsächlich lässt er einen erlesenen Geschmack erkennen, beim Gebäck ebenso wie bei der Wahl des Tees.

Der Todesengel ist in den edlen schwarzen Anzug eines angesagten Designers gekleidet. Auf die Frage nach der Zweckmäßigkeit seiner Kleidung, antworte er, dass es für Männer seiner Profession angemessen sei, sich dem Ernst des Anlasses anzupassen und den Kunden in Würde die letzte Ehre zu erweisen.

Hier ein Auszug aus dem Interview:

„Herr Todesengel … .“

„Bitte, sagen sie Azrael. Ich hasse Formalitäten. Mein Beruf liegt weit außerhalb der gesellschaftlichen Normen, da können wir uns die Wahrung der Konventionen sparen.“

„Gerne, Azrael. Würden sie ihren Beruf auch als Berufung bezeichnen?“

„Eher nicht. Einer musste den Job erledigen. Nachdem ich die Sache mit der Sintflut zur Zufriedenheit vom Boss gelöst hatte, übertrug er mir den Job des Projektleiters.“

„Das heißt also, sie sind nicht der einzige Vollstrecker.“

„Stimmt. Gerade in der heutigen Zeit, mit den schnell wachsenden Konflikten, Bürgerkriegen, länderübergreifenden Auseinandersetzungen, Drogen, den verschiedenen mafiösen Organisationen, Autounfällen usw., suche ich immer fähige Leute, die mich unterstützen.“

„Interessant. Wer kommt ihrer Meinung nach für diesen Job infrage?“

„Eine gute Konstitution muss der Bewerber auf jeden Fall mitbringen. Immerhin muss die Sense jederzeit mitgeführt werden und wir haben einen 16 bis 18 Stundentag. Schlaf und Freizeit sind Luxus. Außerdem sollte man Geduld und Scharfblick beweisen. Nicht jeder, der dafür gehalten wird oder danach aussieht, steht auf der schwarzen Liste.“

Bei diesen Worten lächelt Azrael müde und nippt an seinem Tee. Bei diesem immensen Arbeitspensum verwundert es nicht, dass er erschöpft und abgespannt wirkt.

„Wollen sie damit andeuten, dass nicht jeder Kunde zu seiner vorgegebenen Zeit abtritt?“

„Das ist richtig. Aber es ist schwierig gute Mitarbeiter zu finden. Der Lohn ist ausgesprochen gut. Innerhalb weniger Jahre kann es der Mitarbeiter zu einem kleinen Vermögen bringen, abgesehen von der stattlichen Abfindung beim Ausscheiden. Doch in Anbetracht der Menge an Kunden und der schwindenden Mitarbeiterzahlen – können Fehler beim Abarbeiten der Liste auftreten.“

„Das ist nachzuvollziehen, aber sehr bedauerlich.“

„Niemand bedauert das mehr als ich. Immerhin bin ich der Verantwortliche in der ganzen Sache. Ich habe Controller eingestellt, die die Außendienstmitarbeiter über eine Deadline unterstützen. Wir sind mit der neusten Technik ausgestattet – aber ein gewisser Fehlerquote besteht trotz aller Vorsichtsmaßnahmen. Doch manchmal hatte dies durchaus einen positiven Effekt.“

„Können sie Namen nennen?“

Azrael schmunzelt und seine schwarzbraunen Augen glänzen. Er zögert einen Moment, bevor er antwortet.

„Ich weiß, das wird für Tumult sorgen und der Boss wird nicht erfreut sein, aber ich möchte die Gelegenheit nutzen unser Metier etwas aus der Zone des Negativen herauszuheben. Der Führer des dritten Reiches hätte zum Beispiel noch nicht das Zeitliche gesegnet, wäre ich nicht eingeschritten.“

„Darf ich mir die Frage erlauben, warum diese Maßnahme nicht eingeleitete wurde, bevor der Mann so viel Unheil anrichten konnte.“

Mein Gegenüber scheint auf diese Frage gefasst zu sein.

„Diese Frage höre ich immer wieder und ehrlich? Ich bin es leid. Ihr Menschen macht es euch einfach. Denkt ihr vielleicht mir macht es Spaß tausende Menschen zu töten in Kriegen, die ihr angezettelt habt? Wer treibt ganze Völker durch gewaltsame Konflikte in die Flucht? Wer zündet Flüchtlingsheime an? Verprasst Millionen für Vergnügungen und lässt gleichzeitig Menschen verhungern? Wer schädigt die Umwelt und schröpft die Ressourcen? Wer ist so machtgierig und geldgeil, dass ihm seine Mitbewohner egal sind? Das seid ihr und nicht wir! Wir machen die Drecksabreit und müssen uns dann solche Fragen gefallen lassen.“

In diesem Moment ertönt ein Klingelton. Mein Gastgeber zieht einen Pieper aus der Tasche. Ein besorgter Blick auf das Display, dann er erhebt er sich und greift zur Sense. Unser Gespräch scheint beendet zu sein. Azrael entschuldigt sich für den hastigen Aufbruch. Auf meine Frage nach dem Grund, wird er sehr ernst. Leider könne er zu diesem Zeitpunkt noch keinen Kommentar zur Sache abgeben, verspricht aber mich auf dem Laufenden zu halten.

Dieses aufschlussreiche Interview mit einem außergewöhnlichen Gesprächspartner führt uns allen einmal mehr vor Augen wie wichtig Toleranz, Akzeptanz und Hilfsbereitschaft in unserer von Krisen geschüttelten Zeit sind. Dadurch können Menschenleben geschont und überflüssige Tode vermieden werden. Eine Sache, die uns allen am Herzen liegen sollte.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: