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Zurückkehren

Zurückkehren? Keine Chance! Clarisse saß in dem kleinen Cafe, Filmposter von großen Leinwandstars an den Wänden. Sophia Loren, Marlene Dietrich, Paul Newman und viele andere längst vergangene Größen. Vor ihr auf dem kleinen Tisch glänzte die erste Seite ihres nagelneuen Notizbuches.

Es gab keinen Anlass für neue Notizbücher, dachte sie, wenn sie davon ausging, dass sie zu Hause eine ganze Kiste davon hatte. Blank, weiß, ohne ein Wort – und doch, immer wenn da eines dieser kleinen Hindernisse auftauchte, Streit mit Andre, Stress mit dem cholerischen Chef, oder einfach dieses flaue Gefühl von Zweifel, Leere oder Desillusion. Dann musste ein neues Notizbuch her.

Clarisse sah auf einen imaginären Punkt an der Wand gegenüber. Ein Plakat mit Marcello Mastroianni und Anita Ekberg. „La Dolce Vita“ von Frederico Fellini. Sie ließ sich die Namen auf der Zunge zergehen. Süß wie die kleinen Zuckerherzen in den exquisiten Schmuckschächtelchen, die sie vorhin in dem neuen Feinkostladen gekauft hatte. Rosafarbene Zuckerherzen mit Fruchtstückchen aus Brombeeren.

In der Stadt wimmelte es nur so von Leuten. Jeder schien auf den Beinen zu sein. Es war Markttag und die Leute drängten sich um die Stände von Wildspezialitäten, Fisch, Geflügel, Obst, griechischer Feinkost und Biobrot.

Ein Krankenwagen mit ohrenbetäubender Sirene fuhr vorüber und übertönte für einen Moment den Krach im Cafe. Clarisse sah auf und wunderte sich. Niemand achtete darauf, hob den Kopf oder unterbrach sein Gespräch. Die Katastrophe wurde einfach ausgeblendet. „La Dolce Vita“. Nur nicht stören, bitte! Vorhin in der Bücherei war es still gewesen. Die Fenster weit offen an diesem Julitag, hörte Clarisse das Zwitschern der Vögel und ein betörender Duft von Lavendel und Rosen, die vor der Bücherei blühten, hüllte sie ein.

Zurückkehren. Ein kleines Wort und doch löste es eine Beklemmung in Clarisse aus. Sie wollte nicht zurück in die dunkle Höhle, in der alles seinen Trott ging. Kaum ein Tag unterschied sich vom anderen. Die Jahreszeiten kamen und gingen. Die Bäume wuchsen höher, wurden beschnitten, trieben aus. Nichts änderte sich. Jedenfalls nichts Grundlegendes. Manchmal war da so ein Gefühl, aber wenn Clarisse genau hinsehen wollte, war es schon wieder fort.

Es gab diese Frühlingstage, die Fenster des Balkons weit geöffnet, ein Geruch von frischem Gras und Wind lag in der Luft. Da hoffte sie, die Veränderung würde eintreten. Aber nichts geschah. Clarisse fragte sich, ob sie überhaupt wusste, welche Veränderung kommen sollte und starrte dann stundenlang ins Leere, bis sich ihre Gedanken zu einem unentwirrbaren Knäuel zusammen gerollt hatten.

Veränderung. Ein kleines Wort. Es tat weh und machte Clarisse nervös. Sie ersehnte eine Veränderung, hielt sie mit ihrem Zaudern aber davon ab, einzutreffen und sich in ihrem Leben auszubreiten.

Es wurde Zeit. Clarisse sah wie sich der Minutenzeiger der großen Uhr über der Bar unbarmherzig weiter schob. Unbeeindruckt von dem Lärm, ganz langsam, so dass es von den Gästen kaum wahr genommen wurde. Nur Clarisse fixierte den Zeiger und mit jedem Millimeter schlug ihr Herz schneller. Eine Hitzewelle stieg in ihr auf.

Es wurde Zeit. Zurückkehren. Keine Chance, schoss es Clarisse durch den Kopf, ich muss zurück. In diese Höhle aus Gewohnheit, Alltag und Langeweile. Clarisse Blick fiel auf das Notizbuch. Immer noch leuchtete die erste Seite in strahlendem Weiß vor ihr auf, blendete sie geradezu. Die Zeit verging, war vorbei. Jetzt noch anfangen? Es hatte Zeit. Nächstes Mal würde sie anfangen. Ja, nächstes Mal. Clarisse hatte soviel zu sagen.

Clarisse zahlte. Sie würde zurückkehren, wenn sie nur wüsste wohin.

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